LSG Baden-Württemberg, 28.10.2014 – L 6 SB 3619/13
Merkzeichen RF · Rechtsprechungsseite
Entscheidung / Quellenstand
Entscheidungsgründen konkretisierte funktionelle Maßstab bedeutsam; die Diagnose allein
ersetzt die Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen auf Bewegungsfähigkeit, Gehvermögen oder
Orientierung nicht.
Gericht Landessozialgericht Baden-Württemberg 6. Senat
Datum 28.10.2014
Aktenzeichen L 6 SB 3619/13
ECLI ECLI:DE:LSGBW:2014:1028.L6SB3619.13.0A
Ergebnis G verneint; ältere restriktive psychische Linie
Rechtsprechungsbereich Historische psychische Rechtsprechung
Zitiervorschlag Landessozialgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 28.
Oktober 2014 – L 6 SB 3619/13 –, juris
Fundstellen / Quellenangabe Landessozialgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 28.
Oktober 2014 – L 6 SB 3619/13 –, juris
Quellenstatus Volltext / Primärquelle verfügbar.
Kernaussage
1. Die Auslegung des Schriftsatzes eines anwaltlich nicht vertretenen Klägers kann ergeben, dass
dieser über den ausdrücklich genannten Antrag auf Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes hinaus
auch Klage gegen einen ablehnenden Widerspruchsbescheid erhebt. 2. Die in der Anlage zu § 2
VersMedV geregelten Versorgungsmedizinischen Grundsätze sind hinsichtlich der getroffenen
Regelungen für die nach dem Schwerbehindertenrecht zu beurteilenden Nachteilsausgleiche der
erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr (G), Gehörlosigkeit (Gl),
Berechtigung für eine ständige Begleitung (B), außergewöhnliche Gehbehinderung (aG) und Blindheit
(Bl) unwirksam, da es insoweit an einer gesetzlichen Verordnungsermächtigung fehlt (so auch LSG
Stuttgart vom 9.5.2011 - L 8 SB 2294/10). 3. Soweit eine vorliegende Persönlichkeitsstörung den
schwerbehinderten Menschen nur subjektiv in seinem Gehvermögen einschränkt (hier: subjektive
Überzeugung, nur wenige hundert Meter gehen zu können, und daraus resultierendes
Vermeidungsverhalten), ist seine Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr nicht infolge einer
behinderungsbedingten Einschränkung seines Gehvermögens, sondern aus anderen - nicht zu
berücksichtigenden - Gründen beeinträchtigt (vgl LSG vom 12.10.2011 - L 6 SB 3032/11 und BSG vom
24.4.2008 - B 9/9a SB 7/06 R = SozR 4-3250 § 146 Nr 1). 4. Allein aus dem Vorliegen von
Untergewicht kann nicht geschlossen werden, dass die Voraussetzungen für das Merkzeichen G erfüllt
sind. 5. Liegen einander widersprechende Gutachten vor, besteht keine Verpflichtung des Gerichts,
ein "Obergutachten" einzuholen (vgl BSG vom 1.4.2014 - B 9 V 54/13 B).
Entscheidende Gründe
Eine für das Merkzeichen G relevante Beeinträchtigung der Gehfähigkeit ergibt sich auch nicht aus
der Überzeugung der Klägerin, nur wenige hundert Meter gehen zu können und dem daraus
resultierenden Vermeidungsverhalten bezüglich längerer Gehstrecken. Denn dies hat seine Ursache
in der bei der Klägerin vorliegenden Persönlichkeitsstörung. Dabei ist dem Umstand Rechnung zu
tragen, dass das menschliche Gehvermögen keine statische Messgröße ist, sondern von
verschiedenen Faktoren geprägt und variiert wird. Darunter sind neben den anatomischen
Gegebenheiten des Körpers, also Körperbau und etwaige Behinderungen, vor allem der
Trainingszustand, die Tagesform, Witterungseinflüsse, die Art des Gehens (ökonomische
Beanspruchung der Muskulatur, Gehtempo und Rhythmus) sowie Persönlichkeitsmerkmale, vor allem
die Motivation, zu nennen. Von diesen Faktoren sind all jene heraus zu filtern, die nach § 146 Abs. 1
Satz 1 SGB IX außer Betracht zu bleiben haben, weil sie die Bewegungsfähigkeit des
schwerbehinderten Menschen im Straßenverkehr nicht infolge einer behinderungsbedingten
Einschränkung seines Gehvermögens, sondern möglicherweise aus anderen Gründen erheblich
beeinträchtigen (Beschluss des Senats vom 12.10.2011 - L 6 SB 3032/11 - www.s.de, unter Hinweis
auf BSG, Urteil vom 24.04.2008 - B 9/9a SB 7/06 R - juris). Psychisch erkrankte Personen, deren
Leiden nicht mit „Anfällen“ gleichzusetzen sind und nicht zu Störungen der Orientierungsfähigkeit
führen, sondern nur z.B. mit Verstimmungen, Antriebsminderung und Angstzuständen einhergehen,
sind daher in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr nicht erheblich beeinträchtigt (BSG,
Beschluss vom 10.05.1994 - 9 BVs 45/03 - juris). Solche psychischen Störungen sind nicht mit den in §
Abs. 1 Satz 1 SGB IX genannten Behinderungen vergleichbar.
Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX) geregelt, wonach auf Antrag des behinderten Menschen die
zuständigen Behörden auf Grund einer Feststellung der Behinderung einen Ausweis über die
gesundheitlichen Merkmale ausstellen. Zu diesen Merkmalen gehört auch das Merkzeichen G.
Schwerbehinderte Menschen, die infolge ihrer Behinderung in ihrer Bewegungsfähigkeit im
Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt oder hilflos oder gehörlos sind, werden von Unternehmern,
die öffentlichen Personenverkehr betreiben, gegen Vorzeigen eines entsprechend gekennzeichneten
Ausweises nach § 69 Abs. 5 SGB IX im Nahverkehr im Sinne des § 147 Abs. 1 SGB IX unentgeltlich
befördert (§ 145 Abs. 1 SGB IX). In seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich
beeinträchtigt ist, wer infolge einer Einschränkung des Gehvermögens (auch durch innere Leiden
oder infolge von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit) nicht ohne erhebliche
Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahren für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr
zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden (§ 146 Abs. 1 Satz 1 SGB
IX).
Soweit die bei der Klägerin vorliegende Persönlichkeitsstörung sie nur subjektiv in ihrem
Gehvermögen einschränkt, ist ihre Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr damit nicht infolge einer
behinderungsbedingten Einschränkung ihres Gehvermögens, sondern aus anderen - nicht zu
berücksichtigenden - Gründen beeinträchtigt. Denn die organisch bedingte Fähigkeit, Wege in dem
geforderten Umfang zurückzulegen, ist hierdurch nicht eingeschränkt. Ein Vergleich mit den in § 146
Abs. 1 Satz 1 SGB IX genannten Anfällen oder Störungen der Orientierungsfähigkeit ist nicht möglich,
da mit diesen Anfällen und Störungen nur hirnorganische Anfälle, insbesondere epileptische Anfälle,
aber auch hypoglykämische Schocks bei Zuckerkrankheit gemeint sind, also solche Anfälle, die mit
Bewusstseinsverlust und Sturzgefahr verbunden sind und damit unabhängig vom Bewusstsein sind
(vgl. Beschluss des Senats vom 12.10.2011, a.a.O.; BSG, Beschluss vom 10.05.1994 - a.a.O.). Solche
Funktionsbeeinträchtigungen bestehen bei der Klägerin vorliegend jedoch nicht. Soweit teilweise
ärztlicherseits vorgetragen wurde, dass die Klägerin an Schwindel und Sturzneigung leidet, so ergibt
sich dies nur aus ihren subjektiven, nicht objektivierten Angaben. Dagegen spricht, dass keiner der
behandelnden Ärzte aus eigener Anschauung berichtet hat, dass die Klägerin jemals tatsächlich
gestürzt ist. Auch liegen keinerlei Berichte darüber vor, dass es durch solche Stürze zu Verletzungen
gekommen ist oder sich die Klägerin deswegen gar in Behandlung begeben musste. Vielmehr sind nur
von Dr. H. Schmerzen im rechten Ellenbogen nach einem Fahrradsturz im Jahr 2011 angegeben
worden, wobei das Fahrradfahren an sich schon dagegen spricht, dass nennenswerter Schwindel
besteht. Auch führt die Klägerin keinerlei richtungsweisende Behandlung wegen Schwindel durch.
Damit ist nicht nachgewiesen, dass die Klägerin unter Schwindel, der zu unvorhergesehenen Stürzen
führt, leidet.
Zur Überzeugung des Senats liegen die Voraussetzungen für das Merkzeichen G auch nicht aufgrund
einer sich auf die Gehfähigkeit auswirkenden (somatoformen) Schmerzstörung vor. Denn es lässt sich
vorliegend nicht positiv feststellen, dass der Klägerin bei zumutbarer Anstrengung eine Gehstrecke
von etwa 2 Kilometern in etwa 30 Minuten aufgrund Schmerzen nicht möglich ist. So hat Dr. S. in
seinem Gutachten keine somatoforme Schmerzstörung, sondern eine paranoide
Persönlichkeitsstörung diagnostiziert und hierzu ausgeführt, dass die Bezeichnung des seelischen
Leidens mit „Funktionellen Organbeschwerden, Kopfschmerzsyndrom, Schwindel“ nicht angemessen
ist, weil es sich um unspezifische Beschwerden bzw. Leiden handelt, im Vordergrund auf
psychiatrischem Gebiet jedoch die Persönlichkeitsstörung steht, wie sie auch bereits von Dr. K. im
Rentenverfahren diagnostiziert worden ist. Eine Schmerzstörung ist von ihm daher ausdrücklich nicht
diagnostiziert worden. Zum anderen haben sich sowohl bei der Begutachtung durch Dr. S. wie auch
bei der Begutachtung durch Dr. S. deutliche Hinweise auf Aggravation ergeben. Den Schmerzangaben
der Klägerin sowie dem von ihr geschilderten und demonstrierten Gehverhalten sowie ihrer
Selbsteinschätzung kommt daher nur
Bedeutung für das Merkzeichen G
Die Entscheidung ist eine negative Anwendungsentscheidung aus dem Bereich „Historische
psychische Rechtsprechung“. Für die heutige Prüfung ist vor allem der in Leitsatz/Orientierungssatz
und Entscheidungsgründen konkretisierte funktionelle Maßstab bedeutsam; die Diagnose allein
ersetzt die Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen auf Bewegungsfähigkeit, Gehvermögen oder
Orientierung nicht.
Rechtslage im Entscheidungszeitpunkt
Maßgeblich waren §§ 145, 146 SGB IX a.F. in Verbindung mit Teil D Nr. 1 VMG. Die inhaltlich
entsprechende gesetzliche Definition findet sich heute insbesondere in §§ 228, 229 SGB IX.
Übertragbarkeit auf die heutige Rechtslage
Nur historisch bzw. eingeschränkt übertragbar. Soweit die Entscheidung psychische Erkrankungen
außerhalb von Anfällen oder Orientierungsstörungen generell ausschließt, ist diese Linie durch BSG,
11.08.2015 – B 9 SB 1/14 R überholt.
Querverweise
• BSG 9. Senat – 11.08.2015 – B 9 SB 1/14 R: BSG 2015 – Öffnung für psychische Gehstörungen
• Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen 5. Senat – 12.05.2023 – L 5 SB 34/21: Panik/Agoraphobie
ohne spezifische Gehfunktionsstörung – G verneint
• Landessozialgericht Baden-Württemberg 8. Senat – 01.03.2024 – L 8 SB 634/23:
Autismus/Angst/vereinzelte psychogene Lähmungen – G verneint
• Landessozialgericht Berlin-Brandenburg 13. Senat – 25.02.2015 – L 13 SB 103/12: Psychogene
Gangstörung – G bejaht
Vollständiger Entscheidungstext
Gericht: Landessozialgericht Baden-Württemberg 6. Senat Entscheidungsdatum: 28.10.2014
Rechtskraft: ja Aktenzeichen: L 6 SB 3619/13 ECLI: ECLI:DE:LSGBW:2014:1028.L6SB3619.13.0A
Dokumenttyp: Urteil Quelle:
Normen: § 145 Abs 1 S 1 SGB 9, § 146 Abs 1 S 1 SGB 9, § 69 Abs 4 SGB 9, § 69 Abs 5 SGB 9, SGG ...
mehr Zitiervorschlag: Landessozialgericht Baden-Württemberg, Urteil vom 28. Oktober 2014 – L 6 SB
3619/13 –, juris
Schwerbehindertenrecht - Merkzeichen G - erhebliche Gehbehinderung - behinderungsbedingte
Einschränkung des Gehvermögens - Persönlichkeitsstörung - Untergewicht - fehlende
Verordnungsermächtigung für Merkzeichen in den Versorgungsmedizinischen Grundsätzen -
sozialgerichtliches Verfahren - Auslegung eines Antrags auf einstweiligen Rechtsschutz als
Klageerhebung - einander widersprechende Gutachten - keine Pflicht des Gerichts zur Einholung eines
Obergutachtens
Orientierungssatz
1. Die Auslegung des Schriftsatzes eines anwaltlich nicht vertretenen Klägers kann ergeben, dass
dieser über den ausdrücklich genannten Antrag auf Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes hinaus
auch Klage gegen einen ablehnenden Widerspruchsbescheid erhebt.
2. Die in der Anlage zu § 2 VersMedV geregelten Versorgungsmedizinischen Grundsätze sind
hinsichtlich der getroffenen Regelungen für die nach dem Schwerbehindertenrecht zu beurteilenden
Nachteilsausgleiche der erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr
(G), Gehörlosigkeit (Gl), Berechtigung für eine ständige Begleitung (B), außergewöhnliche
Gehbehinderung (aG) und Blindheit (Bl) unwirksam, da es insoweit an einer gesetzlichen
Verordnungsermächtigung fehlt (so auch LSG Stuttgart vom 9.5.2011 - L 8 SB 2294/10).
3. Soweit eine vorliegende Persönlichkeitsstörung den schwerbehinderten Menschen nur subjektiv in
seinem Gehvermögen einschränkt (hier: subjektive Überzeugung, nur wenige hundert Meter gehen zu
können, und daraus resultierendes Vermeidungsverhalten), ist seine Bewegungsfähigkeit im
Straßenverkehr nicht infolge einer behinderungsbedingten Einschränkung seines Gehvermögens,
sondern aus anderen - nicht zu berücksichtigenden - Gründen beeinträchtigt (vgl LSG vom
12.10.2011 - L 6 SB 3032/11 und BSG vom 24.4.2008 - B 9/9a SB 7/06 R = SozR 4-3250 § 146 Nr 1).
4. Allein aus dem Vorliegen von Untergewicht kann nicht geschlossen werden, dass die
Voraussetzungen für das Merkzeichen G erfüllt sind.
5. Liegen einander widersprechende Gutachten vor, besteht keine Verpflichtung des Gerichts, ein
"Obergutachten" einzuholen (vgl BSG vom 1.4.2014 - B 9 V 54/13 B).
Verfahrensgang
vorgehend SG Mannheim 4. Kammer, 9. August 2013, S 4 SB 2001/12, Gerichtsbescheid nachgehend
BSG 9. Senat, 12. Mai 2015, B 9 SB 93/14 B, Beschluss Diese Entscheidung zitiert
Rechtsprechung Vergleiche BSG 9. Senat, 1. April 2014, B 9 V 54/13 B Vergleiche Landessozialgericht
Baden-Württemberg 6. Senat, 12. Oktober 2011, L 6 SB 3032/11 So auch Landessozialgericht
Baden-Württemberg 8. Senat, 9. Mai 2011, L 8 SB 2294/10 Vergleiche BSG 9. Senat, 24. April 2008, B
9/9a SB 7/06 R
Tenor
Auf die Berufung des Beklagten wird der Gerichtsbescheid des Sozialgerichts Mannheim vom 9.
August 2013 insoweit aufgehoben, als festgestellt wurde, dass die Voraussetzungen des
Merkzeichens G vorliegen und die Klage abgewiesen.
Außergerichtliche Kosten beider Instanzen sind nicht zu erstatten.
Tatbestand
Zwischen den Beteiligten ist die Feststellung des Merkzeichens „erhebliche Beeinträchtigung der
Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr“ (G) streitig.
Die am 16.09.1969 geborene Klägerin hat eine Ausbildung als Erzieherin gemacht hat, in diesem
Beruf jedoch nur einige Monate gearbeitet hat, sodann mit Zeiten der Arbeitslosigkeit mehrere
verschiedene Tätigkeiten, häufig nur einige Monaten anhaltend, ausgeübt. So war die Klägerin bei der
D. als Aushilfskraft, Codierkraft, in der Brieffrachtzustellung, als gemeindliche Vollzugsbeamtin,
Angestellte im Call-Center, Agentin im Bereich Steuerrückführung, Kauffrauliche Angestellte im
Bereich Mobilfunk, Koordinatorin, Telefonreferentin, Junior-Operatorin im technischen Kundendienst
sowie verschiedenen Tätigkeiten auf geringfügiger Basis tätig. Erstmals mit Bescheid vom 11.06.2003
hat der Beklagte den Grad der Behinderung (GdB) seit 01.01.2002 wegen Taubheit links,
Schwerhörigkeit rechts, Augenmuskellähmung links, funktionellen Organbeschwerden und
Funktionsbehinderungen der Wirbelsäule und Wirbelsäulenverformung mit 30 festgestellt. Die
Klägerin bezieht inzwischen eine Erwerbsminderungsrente (Leistungsfall 03.06.2002) und ergänzende
Leistungen nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XII).
Mit Änderungsantrag vom 02.11.2007 beantragte die Klägerin die Erhöhung des GdB wegen
Verschlimmerung sowie die Feststellung des Merkzeichens G, des Nachteilsausgleichs wegen
Gehörlosigkeit (Merkzeichen Gl) sowie des Nachteilsausgleichs „Befreiung von der
Rundfunkgebührenpflicht“ (Merkzeichen RF). Der Beklagte zog unter anderem das Gutachten des
Arztes für Neurologie und Psychiatrie Dr. K. vom 05.02.2004 von dem Rentenversicherungsträger
(damals BfA) bei und holte Stellungnahmen bei der behandelnden Ärztin für
Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde Dr. M. und dem Facharzt für Orthopädie Dr. S. ein. Mit Bescheid vom
13.02.2008 wurde der Antrag auf Neufeststellung des GdB sowie Feststellung von gesundheitlichen
Merkmalen (Merkzeichen) abgelehnt. Im Rahmen des hiergegen eingelegten Widerspruchsverfahrens
legte die Klägerin ein ebenfalls für die Rentenversicherung erstelltes Gutachten von Dr. W., Facharzt
für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, vom 29.01.2004 und ein Ton- sowie Sprachaudiogramm vom
07.04.2008 vor. Daraufhin wurde nach der versorgungsärztlichen Stellungnahme von Dr. S. (Taubheit
links, Schwerhörigkeit rechts Teil-GdB 60, Augenmuskellähmung links Teil-GdB 10, funktionelle
Organbeschwerden, seelische Störung Teil-GdB 20, Funktionsbehinderung der Wirbelsäule,
Wirbelsäulenverformung Teil-GdB 10 und Sprechstörung Teil-GdB 10) mit Teil-Abhilfebescheid vom
15.04.2008 ein GdB in Höhe von 70 seit 29.10.2007 sowie das Merkzeichen RF festgestellt. Der Bitte
der Klägerin um Übermittlung des Abhilfebescheides ohne Feststellung einer seelischen Störung
wurde mit Abhilfebescheid vom 29.05.2008 entsprochen, woraufhin die Klägerin den Widerspruch für
erledigt erklärte.
Mit Änderungsantrag vom 06.10.2011 beantragte die Klägerin erneut die Erhöhung des GdB wegen
Verschlimmerung. Nachdem fälschlicherweise mit Schreiben des Beklagten vom 21.10.2011 der
Klägerin mitgeteilt wurde, dass bei ihr bereits ein GdB von 100 festgestellt worden sei und sie um
Mitteilung gebeten wurde, ob sie weitere Merkzeichen beantrage, beantragte sie am 24.10.2011 noch
die Feststellung des Merkzeichens G und des Nachteilsausgleichs wegen „außergewöhnlicher
Gehbehinderung“ (Merkzeichen aG). Die Klägerin legte ihren Anträgen ärztliche Unterlagen bei. So
wurde unter anderem ein Attest von Dr. M., Facharzt für Chirurgie, vom 11.03.2005 (Behandlung
wegen Wirbelsäulenbeschwerden und Schmerzen im linken Kniegelenk), ein Befundbericht von Dr. P,
Facharzt für Lungen- und Bronchialheilkunde, vom 27.04.2011 (Diagnosen: Taubheit links,
Schwerhörigkeit rechts, Verdacht auf allergisches Asthma bronchiale und hyperreagibles
Bronchialsystem), ein ärztliches Attest von Dr. S., Facharzt für Chirurgie und Orthopädie, vom
17.05.2011 (Skoliose mit daraus resultierendem asymmetrischen Thorax und einem prominenten
Rippenknorpel links parasternal), ein Entlassungsbericht der Klinik für Neurologie des D. M. vom
07.09.2011 über einen stationären Aufenthalt vom 26.08.2011 bis 07.09.2011 (chronisches
Schmerzsyndrom) sowie ein Schreiben der Deutschen Rentenversicherung Bund vom 10.02.2011 mit
der Bestätigung, dass sie einen Anspruch auf teilweiser Erwerbsminderung auf Dauer und einen
befristeten Anspruch auf volle Erwerbsminderungsrente bis 31.12.2012 habe, zu den Akten gereicht.
Dr. M. legte noch ein Tonaudiogramm vom 07.04.2008 vor.
Mit versorgungsärztlicher Stellungnahme von Dr. M. wurde eine Taubheit links, Schwerhörigkeit
rechts mit einem Teil-GdB von 60, eine Augenmuskellähmung links mit einem
Teil-GdB von 10, funktionelle Organbeschwerden, Kopfschmerz-Syndrom und Schwindel mit einem
Teil-GdB von 30, eine Funktionsbehinderung Wirbelsäule, Wirbelsäulenverformung mit einem
Teil-GdB von 20, eine Sprechstörung mit einem Teil-GdB von 10, ein hyperreagibles Bronchialsystem
mit einem Teil-GdB von 10 und eine Funktionsbehinderung des linken Kniegelenkes, Funktionsstörung
durch Zehenfehlform ebenfalls mit einem Teil-GdB von 10 und der Gesamt-GdB mit 80 bewertet. Die
Lymphadenopathie bewirke keinen GdB von 10.
Daraufhin wurde mit Bescheid vom 13.12.2011 der Bescheid vom 29.05.2008 aufgehoben und der
GdB seit 06.10.2011 mit 80 festgestellt. Das Merkzeichen RF bleibe festgestellt. Mit Bescheid vom
21.12.2011 wurde der Antrag auf Feststellung der gesundheitlichen Merkmale G und aG abgelehnt.
Die Voraussetzungen seien nicht erfüllt.
Am 15.01.2012 legte die Klägerin schriftlich Widerspruch gegen die Ablehnung des Merkzeichens G
sowie die Feststellung eines GdB von 80 ein. Es läge eine Gehörlosigkeit links, eine
Schallempfindungsschwerhörigkeit rechts, eine Augenmuskellähmung links mit Kopfzwangshaltung,
eine harte Kerntrübung der Linse rechts geringer als links, funktionelle Organbeschwerden, eine
Mastoidminderbelüftung, Vertigo, eine Cephalgie, Funktionsbehinderungen der Wirbelsäule mit
Wirbelsäulenverformung, eine Skoliose mit asymmetrischem Thorax, ein prominenter Rippenknorpel
links, eine Brustwirbelsäulenskoliose, eine Halswirbelsäulenverformung, eine Diskusprotrusion LWK
5/SWK 1, ein tiefstehender Zwerchfellschenkel, eine auditive Stimmstörung, eine Lymphadenopathie,
eine bronchiale Hyperreagibilität, eine Chondrose linke Patella, eine Fußskelettversteifung links mit
Hypästhesie der Zehen 2 und 3, eine Kieferverformung und eine Bissverlagerung, eine Asymmetrie
Facies, ein Untergewicht, eine außergewöhnliche Einschränkung der Bewegungsfähigkeit der unteren
Extremitäten und ein Verdacht auf Myopathie vor. Der Zustand sei vergleichbar mit der Versteifung
eines Hüftgelenks, des Knie- oder Fußgelenks in erschwerender Stellung. Sie erkläre eidesstattlich,
alltäglich keine herkömmliche Gehstrecke von 2 Kilometern in zumindest 30 Minuten bewältigen zu
können.
Der Beklagte holte noch eine Stellungnahme bei Dr. K., Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie,
ein (einmalige Vorstellung der Klägerin am 05.10.2011 wegen chronischer Schmerzen bei multiplen
Lokalisationen, es liege eine Betonung der lumbalen Rückenbeschwerden vor, bei der Untersuchung
habe sich ein ausgesprochen schlanker Habitus gezeigt und eine leichte skoliotische Verkrümmung,
bei derzeit relativ geringen Beschwerden).
Nach der versorgungsärztlichen Stellungnahme von Dr. S., wonach die Funktionsbeeinträchtigungen
großzügig bewertet seien und außer dem Merkzeichen RF keine Merkzeichen zustünden, wurde mit
Widerspruchsbescheid vom 07.05.2012 der Widerspruch gegen den Bescheid vom 13.12.2011 und
mit Widerspruchsbescheid vom 08.05.2012 der Widerspruch gegen den Bescheid vom 21.12.2011
zurückgewiesen. Die Zuerkennung des Merkzeichens G lasse sich nicht begründen. Die sich auf die
Gehfähigkeit auswirkenden Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen und/oder der
Lendenwirbelsäule bedingten für sich allein keinen GdB von wenigstens 50. Die
Funktionsbeeinträchtigungen seien auch nicht mit einer Versteifung des Hüftgelenks, Versteifung des
Knie- oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung vergleichbar. Keine der an den Beinen und an der
Lendenwirbelsäule festgestellten Funktionsbeeinträchtigungen wirke sich auf die Gehfähigkeit in
besonderem Maße aus.
Am 23.05.2012 hat die Klägerin beim Sozialgericht Mannheim (SG) wegen der Versagung des
Merkzeichens G und Gewährung eines GdB von 100 die Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes
beantragt und ausgeführt, sie begehre hauptsächlich die Neufeststellung des Merkzeichens G und die
Anhebung des Prozentsatzes, weil sie ansonsten keinen Ausgleich für Freifahrten im öffentlichen
Verkehr oder den zusätzlichen Mehrbedarf nach dem SGB XII erhalten könne (Az.: S 3 SB 1668/12 ER).
Auf den gerichtlichen Hinweis, dass noch keine Klage erhoben worden sei, hat sie am 12.06.2012
noch ausdrücklich Klage eingereicht (Az.: S 3 SB 2001/12). Die Klägerin hat einen vorläufigen
Entlassbericht von Dr. B. von der Klinik für Neurologie des D. M. über einen stationären Aufenthalt
vom 26.06.2012 bis 02.06.2012 vorgelegt (chronisches Schmerzsyndrom).
In einem Termin zur Erörterung des Sachverhalts beider Verfahren am 24.07.2012 hat die Klägerin,
die zu dem Termin im Rollstuhl erschienen ist, erklärt, sie habe diesen schon vor Jahren privat
erworben für den Fall, dass sie sich zu einer Operation entscheide. Sie benütze ihn allerdings relativ
wenig außerhalb der Wohnung, weil er für den Gebrauch außerhalb nicht gut geeignet sei.
Mit Beschluss vom 09.08.2012 hat das SG den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung
abgelehnt. Auch nach summarischer Prüfung der in den Akten vorliegenden und von der Klägerin
vorgelegten medizinischen Befunde seien weder die Voraussetzungen für die Feststellung eines
höheren GdB als 80 noch für die Feststellung des Merkzeichens G eindeutig erfüllt. Der Ausgang des
Hauptsacheverfahrens müsse nach der gegebenen Sach- und Rechtslage viel mehr als offen beurteilt
werden.
Zur weiteren Ermittlung des Sachverhalts hat das SG im Klageverfahren Dr. H., Facharzt für Chirurgie,
schriftlich als sachverständigen Zeugen einvernommen. Dieser hat in seiner Stellungnahme vom
23.08.2012 ausgeführt, im Jahr 2011 hätten Schmerzen im rechten Ellenbogen nach einem
Fahrradsturz bestanden, 2012 habe die Klägerin über Beschwerden im Bereich der Lendenwirbelsäule
geklagt und im August 2012 seien zusätzlich Beschwerden in beiden Hüften angegeben worden.
Schwerwiegende Behinderungen im Sinne von Bewegungs- und Funktionseinschränkungen
bestünden nicht. Der GdB bezüglich der Wirbelsäule sei ausreichend bewertet. Die Klägerin sei in
ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr nicht erheblich beeinträchtigt.
Die Klägerin hat unter anderem eine Stellungnahme der Krankengymnastik-Praxis M., vorgelegt,
wonach sie zwar auf keinen Rollstuhl angewiesen sei, jedoch auf Dauer vergleichbar zu dem
Personenkreis der schwerstbehinderten Menschen gehöre, deren Bewegungsfähigkeit durch eine
unmittelbare Beeinträchtigung des Stütz- oder Bewegungssystems so sehr eingeschränkt sei, dass sie
die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr benutzen könnten. Weiter hat sie ein Gutachten zur
Feststellung der Pflegebedürftigkeit gemäß dem Elften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XI) des MDK
Baden-Württemberg vom 13.09.2012 vorgelegt, wonach derzeit nur Hilfebedarf im
hauswirtschaftlichen Bereich und für Einkäufe bestehe. Die Klägerin hat ausgeführt, bei ihr liege
ganzheitlich betrachtet die chronifizierte Schmerzerkrankung MPSS (Mainz Pain Staging System) III
nach Gerbershagen vor.
Am 12.09.2012 hat die Klägerin beim Landessozialgericht Baden-Württemberg (LSG) Beschwerde
gegen den Beschluss des SG vom 09.08.2012 eingelegt (Az.: L 8 SB 3897/12 ER-B). Mit Beschluss
vom 23.11.2012 hat das LSG den Beschluss des SG vom 09.08.2012 aufgehoben und den Beklagten
verurteilt, bei der Klägerin das Vorliegen der gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen
bis zum rechtskräftigen Abschluss des Rechtsstreits beim SG mit dem Az.: S 3 SB 2001/12 vorläufig
festzustellen. Die Erfolgsaussichten der Klage in der Hauptsache seien derzeit offen. Es bestünden
Anhaltspunkte für das Vorliegen der Voraussetzungen des Nachteilsausgleichs G. Die Klägerin höre
auf einem Ohr gar nichts und sei auf dem anderen Ohr hörgemindert, es bestehe eine
Nervenschwäche im Auge und sie behaupte eine Linsentrübung in einem Auge. Die Bescheinigung
der Krankengymnastik-Praxis spreche ebenso wie das Gutachten des MDK für die Pflegeversicherung
für Einschränkungen beim Gehen. Nach bisherigen Erkenntnissen beruhten die Schmerzen auf einem
schweren chronifizierten Schmerz- Syndrom, also auf einer psychosomatischen Ursache. In der
Rechtsprechung sei bisher nicht geklärt, ob auch psychosomatische Gründe die Zuerkennung des
Merkzeichens G rechtfertigen könnten. Darüber hinaus seien von den behandelnden Ärzten Schwindel
und Kopfschmerzen mitgeteilt worden und es bestünden Hinweise auf eine bronchiale
Hyperreagibilität, ein allergisches Asthma bronchiale und ein Lungenemphysem. Schließlich habe die
Klägerin, die Leistungen zur Sicherung des Existenzminimums nach dem SGB XII beziehe und insofern
kaum finanzielle Mittel zur Verfügung habe, zum Termin beim SG einen Rollstuhl mit sich geführt, den
sie sich selbst beschafft habe. Gegen eine Beeinträchtigung der Gehfähigkeit spreche demgegenüber
die sachverständige Zeugenaussage von Dr. H., der keine orthopädischen Leiden beschrieben habe.
Da die Feststellung des Merkzeichens G zwingende Voraussetzung zur Geltendmachung eines
Mehrbedarfs nach dem SGB XII sei, liefe die Ablehnung des Merkzeichens G auf die Verhinderung der
Möglichkeit der Geltendmachung dieses Mehrbedarfs hinaus. Das SG hat Dr. S., Facharzt für
Orthopädie und Unfallchirurgie, mit der Erstattung eines Gutachtens beauftragt. Dr. S. hat in seinem
Gutachten nach ambulanter Untersuchung der Klägerin am 07.05.2013 eine Fehlstatik der Hals- und
Rumpfwirbelsäule (Streckhaltung der Wirbelsäule; linkskonvexe skoliotische Fehlhaltung) mit
muskulärer Reizung der Lendenwirbelsäule ohne radikuläre Reizerscheinungen oder auffällige
degenerative Veränderungen, ein Schulter-Arm-Syndrom beidseits mit Funktionsschmerzen ohne
wesentliche Funktionsbehinderung, Bewegungsschmerzen beider Hüften und radiologischen
Ausschluss einer Hüftgelenkarthrose, eine Chondromalazie des linken Kniegelenkes
(Knorpelerkrankung) ohne Funktionsbehinderung beider Kniegelenke, ein linkshinkendes Gangbild mit
wechselnder Intensität und ein grenzwertiges Untergewicht diagnostiziert. Bei fehlenden
neurologischen Ausfallerscheinungen und wesentlichen degenerativen Veränderungen der gesamten
Wirbelsäule sei unter Berücksichtigung der Versorgungsmedizinischen Grundsätze von einem
Wirbelsäulenschaden mit mittelgradigen funktionellen Auswirkungen in einem Wirbelsäulenabschnitt,
nämlich der Lendenwirbelsäule auszugehen. Ein Teil-GdB von 20 hierfür liege an der Obergrenze, da
bei der Klägerin funktionelle Organbeschwerden mit Kopfschmerzsyndrom und Schwindel bereits mit
einem Teil-GdB von 30 beurteilt worden seien. Diesbezüglich bestehe eine weitgehende
Überlagerung. Sämtliche weiteren genannten Diagnosen bedingten keinen Teil-GdB von mindestens
10. Weder bestehe eine Funktionsbehinderung an den Kniegelenken noch eine Zehenfehlform. Unter
Berücksichtigung der Funktionsbeeinträchtigungen auf nicht-orthopädischem Fachgebiet ergebe sich
ein Gesamt-GdB von 80. Bei grenzwertiger Untergewichtigkeit und mangelnder Ertüchtigung der
Muskulatur sei von einer Einschränkung der Gehfähigkeit auszugehen. Demnach erscheine es nicht
zumutbar, dass die Klägerin regelmäßig Wegstrecken von 2 Kilometer in etwa 30 Minuten
zurücklegen könne. Gleichzeitig sei auch die Gehörlosigkeit links und Schwerhörigkeit rechts zu
berücksichtigen, die die Orientierungsfähigkeit im Straßenverkehr einschränken könne. Somit sei von
hinreichenden gesundheitlichen Voraussetzungen für die Zuerkennung des Merkzeichens G
auszugehen.
Die Klägerin hat noch einen Entlassungsbericht der H. B. über eine stationäre
Rehabilitationsmaßnahme seitens des Rentenversicherungsträgers vom 13.12.1993 bis 11.11.1994
vorgelegt (Diagnosen: Zustand nach frühkindlicher cerebraler Läsion mit Taubheit links,
Musculus-rectus-Parese links, pseudoneurasthenische Affektlabilität).
Dr. G. hat in seiner versorgungsärztlichen Stellungnahme ausgeführt, das Gutachten von Dr. S.
bestätige den Gesamt-GdB von 80. Die Einschätzungen zur Gehfähigkeit seien anhand der
objektivierbaren Befunde nicht ausreichend nachvollziehbar. Eine relevante Funktionsbehinderung im
Bereich der Kniegelenke oder Füße könne nicht bestätigt werden. Das Wirbelsäulensyndrom sei
allenfalls mittelgradig und bedinge maximal einen GdB von 20. Die Schwindelbeschwerden und
Gleichgewichtsstörungen, die sich auch auf das Gangbild auswirken könnten, begründeten nach
bisheriger Befundlage maximal einen GdB von 30. Weder die grenzwertige Untergewichtigkeit noch
mangelnde muskuläre Ertüchtigung (trainierbar) könnten die Zuerkennung des Merkzeichens G
begründen. Auch die Hörminderung erfülle nach bisheriger Befundlage nicht die Voraussetzung für
die Gewährung des Merkzeichens G.
Die Klägerin hat noch eine ärztliche Stellungnahme von Dr. M., Facharzt für Chirurgie, vom
17.06.2013 an die Stadt M. vorgelegt, wonach sie nicht auf Dauer auf einen Rollstuhl angewiesen,
jedoch auf Dauer vergleichbar schwerst gehbehindert sei.
Das SG hat mit Gerichtsbescheid vom 09.08.2013 den Bescheid vom 21.12.2011 abgeändert und den
Widerspruchsbescheid vom 08.10.2012 aufgehoben und festgestellt, dass bei der Klägerin die
Voraussetzungen für das Merkzeichen G vorliegen. Im Übrigen hat es die Klage abgewiesen. Dr. S.
habe ausgeführt, dass bei der Klägerin durchaus ein eingeschränktes Gangbild vorliege. Es bestehe
eine grenzwertige Untergewichtigkeit sowie eine mangelnde muskuläre Ertüchtigung. Daher komme
der Gutachter schließlich
zum Ergebnis, dass die Klägerin aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation in ihrem Gehvermögen
erheblich eingeschränkt sei. Auch das MDK-Gutachten gelange zur gleichen Einschätzung. Das
Gericht komme daher zum Ergebnis, dass die Voraussetzungen für die Zuerkennung des
Merkzeichens G bei der Klägerin gegeben seien. Soweit die Klägerin mit ihrer Klage eine Erhöhung
des zugestandenen GdB von 80 auf 100 begehre, sei die Klage unbegründet. Zu Recht habe der
Beklagte nur einen GdB von 80 festgestellt.
Der Beklagte hat hiergegen am 22.08.2013 beim LSG Berufung eingelegt. Zur Begründung hat der
Beklagte im Wesentlichen ausgeführt, es lägen keine Gesundheitsstörungen auf somatischem oder
psychischem Gebiet vor, die eine erhebliche Gehbehinderung begründen würden. Auch bedinge nur
eine Taubheit oder eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit in Kombination mit erheblichen
Störungen der Ausgleichsfunktion das Merkzeichen G. Dies sei bei der Klägerin nicht der Fall. Die
anerkannten Schwindelbeschwerden und Gleichgewichtsstörungen, die sich evtl. auf das Gangbild
auswirken könnten, bedingten nach bisheriger Befundlage maximal einen GdB von 30. Die
Funktionsbeeinträchtigungen an der Wirbelsäule seien mit einem Teil-GdB von 20 und die
Funktionsbehinderung am linken Kniegelenk und an den Zehen mit einem Teil-GdB von 10 anerkannt.
Ein GdB von 50 für die Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen und/ oder der Lendenwirbelsäule
werde damit nicht erreicht, zumal Dr. S. in seinem Gutachten eine relevante Funktionsbehinderung
im Bereich der Kniegelenke und der Füße nicht habe bestätigen können. Selbst eine grenzwertige
Untergewichtigkeit mit mangelnder muskulärer Ertüchtigung könne keinesfalls die Voraussetzungen
des Merkzeichens G erfüllen. Hierbei sei zu berücksichtigen, dass es vielen Menschen mit
erheblichem Untergewicht trotzdem möglich sei, ortsübliche Wegstrecken zurückzulegen. Außerdem
sei von Dr. S. eine relevante Muskelumfangdifferenz an den unteren Gliedmaßen nicht gemessen
worden.
Der Beklagte beantragt,
den Gerichtsbescheid des Sozialgerichts Mannheim vom 9. August 2013 insoweit aufzuheben, als
festgestellt wurde, dass die Voraussetzungen des Merkzeichens G vorliegen und die Klage
abzuweisen.
Die Klägerin beantragt,
die Berufung zurückzuweisen, hilfsweise zu vertagen und ein Gesamtgutachten einzuholen, das den
Zusammenhang der Erkrankungen im Hinblick auf die Voraussetzungen des Merkzeichens G
berücksichtigt.
Zur Begründung hat die Klägerin ein weiteres Gutachten von Dr. S. vom 09.07.2013 aus einem
Klageverfahren beim SG gegen die Deutsche Rentenversicherung Bund vorgelegt (Az.: S 14 R
3835/12), das in Anamnese und Befunderhebung dem Gutachten vom 14.05.2013 entspricht. Dr. S.
hat in diesem Gutachten ausgeführt, die Erwerbsfähigkeit der Klägerin sei bereits dauerhaft
gemindert. Dies ergebe sich aus den vielfältigen chronischen Schmerzen des gesamten
Bewegungsapparates mit den daraus resultierenden Diagnosen, den glaubhaften Angaben zum
Tagesablauf und schließlich aus dem Umstand, dass Wegstrecken von 4 x 500 m nicht mehr in
angemessener Zeit (maximal 20 Minuten) zurückgelegt werden könnten.
Die frühere Berichterstatterin hat am 22.10.2013 mit den Beteiligten einen Termin zur Erörterung des
Sachverhalts durchgeführt.
Zur weiteren Ermittlung des Sachverhalts hat der Senat Dr. S., Arzt für Anästhesiologie, schriftlich als
sachverständigen Zeugen einvernommen. Dr. S. hat in seiner Stellungnahme vom 28.02.2014 an
Diagnosen eine chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren, einen
Kopfschmerz vom Spannungstyp und ein Lendenwirbelsäulen-Syndrom angegeben, die Klägerin sei
ein chronischer Schmerzpatient (MPSS III). Die Kopfschmerzen seien aus seiner Sicht nicht für die
Gehfähigkeit maßgebend, auch wenn die Klägerin intermittierenden Schwindel angebe. Seiner
Einschätzung nach könne die Klägerin trotz der gegebenen vorliegenden Gesundheitsstörung ohne
erhebliche Schwierigkeiten oder Gefahren für sich oder andere die üblichen Wegstrecken im
Ortsverkehr zu Fuß zurücklegen.
Die Klägerin hat eine Brillengläserverordnung vom 02.06.2014 und einen Arztbrief von Dr. S. vom St.
M.- und St. A. L. am Rhein vom 14.04.2014 (chronisches Schmerzsyndrom, chronische, nicht
radikuläre Lumbalgie beidseits bei ausgeprägter fear-avoidance - kognitive Überzeugung des
Zusammenhanges von Belastung und Rückenschmerzen verursacht anhaltendes
Bewegungsvermeidungsverhalten - mit Fehlhaltung und Fehlbelastung des gesamten
Bewegungsapparates, muskuläre Dysbalance bei deutlichem Untergewicht und Nikotinabusus,
craniomandibuläre Dysfunktion bei Zustand nach Kiefer-Operation, somatoforme Schmerzstörung,
Asthma bronchiale, Hypermenorrhoe, Schwerhörigkeit rechts, Gehörlosigkeit links,
Augenmuskellähmung links), vorgelegt.
Das Gericht hat Dr. S., Facharzt für Innere Medizin, Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, mit
der Erstattung eines Gutachtens beauftragt. Dem Sachverständigen hat die Klägerin berichtet, dass
sie keinerlei Behandlungen durchführe, sich nur einmal im Quartal beim Schmerztherapeuten
vorstelle. Er gab an, sie befinde sich in reduziertem körperlichen Allgemeinzustand, es bestehe ein
schmächtiger Habitus. Dr. S. diagnostizierte nach ambulanter Untersuchung der Klägerin am
10.07.2014 auf neurologisch-psychiatrischem Fachgebiet eine paranoide Persönlichkeitsstörung, ein
Abhängigkeitssyndrom von Cannabinoiden und eine funktionelle Dysphonie . Signifikante
neurologische Auffälligkeiten hätten in der Gutachtenssituation bis auf die Abducens-Parese links
nicht objektiviert werden können. Insbesondere hätten sich keine Hinweise für Paresen an den
Extremitäten ergeben. Eine Myopathie sei nicht gesichert. Innere Leiden, die sich auf die Gehfähigkeit
negativ auswirkten, ein epileptisches Anfallsleiden oder Störungen der Orientierungsfähigkeit lägen
ebenfalls nicht vor. Aus neurologisch-psychiatrischer Sicht sei die Klägerin in der Lage, ohne
erhebliche Schwierigkeiten oder ohne Gefahren für sich oder andere, die üblichen Wegstrecken im
Ortsverkehr zu Fuß zurückzulegen. Er sehe keine Summationseffekte, nach denen die
Voraussetzungen zur Anerkennung des Merkzeichens G erfüllt seien. Die Einschätzung von Dr. S. teile
er nicht.
Wegen der weiteren Einzelheiten des Sachverhalts sowie des Vorbringens der Beteiligten wird auf die
Verwaltungsakte sowie die Gerichtsakten erster und zweiter Instanz sowie die Gerichtsakten der
Verfahren L 8 SB 3897/12 ER-B und S 3 SB 1668/12 ER verwiesen.
Entscheidungsgründe
Die nach den §§ 143 und 144 Sozialgerichtsgesetz (SGG) statthafte und nach § 151 Abs. 1 SGG form-
und fristgerecht eingelegte Berufung des Beklagten, ist zulässig und begründet. Der Bescheid vom
21.12.2011 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 08.10.2012 ist rechtmäßig und verletzt
die Klägerin nicht in ihren Rechten, soweit die Feststellung des Merkzeichens G abgelehnt worden ist.
Sie erfüllt nicht die gesundheitlichen Voraussetzungen des Merkzeichens G. Das SG hat daher zu
Unrecht die Voraussetzungen des Merkzeichens G festgestellt.
Die Klägerin hat fristgerecht beim SG Klage erhoben. Die Auslegung des am 23.05.2012 beim SG
eingegangenen Schreibens der Klägerin ergibt, über den ausdrücklich genannten Antrag auf
Gewährung einstweiligen Rechtsschutzes hinaus, auch die Erhebung einer Klage gegen den
Widerspruchsbescheid vom 08.05.2012 mit dem Ziel der Feststellung des Merkzeichens G. Die
Klägerin hat zunächst den Widerspruchsbescheid vom 08.05.2012 gefaxt und im dann folgenden
Schriftsatz zum Ausdruck gebracht, dass sie die Feststellung des Merkzeichens G begehrt. Zur
Begründung hat sie ausgeführt, ihr Begehren ziele hauptsächlich auf Neufeststellung des
Merkzeichens G, weil sie ansonsten keinen Ausgleich für Freifahrten im öffentlichen Verkehr oder den
zusätzlichen Mehrbedarf nach § 30 Abs. 1 SGB XII erhalten könne, ohne dass sie Ausführungen zu
einer nur vorläufigen Regelung gemacht hat. Die Auslegung des Schreibens der anwaltlich nicht
vertretenen Klägerin ergibt daher, dass sie nicht nur eine vorläufige Regelung bezüglich des
Merkzeichens G begehrt hat, sondern sich grundsätzlich gegen die Ablehnung der Feststellung des
Merkzeichens G im Widerspruchsbescheid vom 08.05.2012 wendet und dessen Feststellung begehrt.
Ohne Relevanz ist daher, dass die Klägerin auf den gerichtlichen Hinweis, dass bisher keine Klage
eingegangen ist, am 12.06.2012 und damit nach Ablauf der Klagefrist des § 87 SGG, noch ein
Schreiben eingereicht hat, in dem sie ausdrücklich Klage erhoben hat.
Unter welchen gesetzlichen Voraussetzungen ein Anspruch auf Feststellung der gesundheitlichen
Voraussetzungen für das Merkzeichen G besteht, ist in § 69 Abs. 5 Neuntes
Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX) geregelt, wonach auf Antrag des behinderten Menschen die
zuständigen Behörden auf Grund einer Feststellung der Behinderung einen Ausweis über die
gesundheitlichen Merkmale ausstellen. Zu diesen Merkmalen gehört auch das Merkzeichen G.
Schwerbehinderte Menschen, die infolge ihrer Behinderung in ihrer Bewegungsfähigkeit im
Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt oder hilflos oder gehörlos sind, werden von Unternehmern,
die öffentlichen Personenverkehr betreiben, gegen Vorzeigen eines entsprechend gekennzeichneten
Ausweises nach § 69 Abs. 5 SGB IX im Nahverkehr im Sinne des § 147 Abs. 1 SGB IX unentgeltlich
befördert (§ 145 Abs. 1 SGB IX). In seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich
beeinträchtigt ist, wer infolge einer Einschränkung des Gehvermögens (auch durch innere Leiden
oder infolge von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit) nicht ohne erhebliche
Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahren für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr
zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden (§ 146 Abs. 1 Satz 1 SGB
IX).
Der Anlage „Versorgungsmedizinische Grundsätze“ (VG) zu § 2 der Verordnung zur Durchführung des
§ 1 Abs. 1 und 3, § 30 Abs. 1 und § 35 Abs. 1 BVG vom 10. Dezember 2008 - BGBl. I. S. 2412
(VersMedV), die seit dem 01.01.2009 an die Stelle der bis zum 31.12.2008 im Interesse einer
gleichmäßigen Rechtsanwendung als antizipierte Sachverständigengutachten angewandten
Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem
Schwerbehindertenrecht (Teil 2 SGB IX) 2008“ (AHP) getretenen ist, lassen sich im Ergebnis keine
weiteren Beurteilungskriterien für die Feststellung der gesundheitlichen Voraussetzungen des
begehrten Merkzeichens G entnehmen. Denn die VG sind hinsichtlich der getroffenen Regelungen für
die nach dem Schwerbehindertenrecht zu beurteilenden Nachteilsausgleiche G, „Gl, „Berechtigung
für eine ständige Begleitung“ (B), aG und „Blindheit“ (Bl) unwirksam, da es insoweit an einer
gesetzlichen Verordnungsermächtigung fehlt. Eine solche Ermächtigung findet sich nämlich - mit
Ausnahme des Merkzeichens „Hilflosigkeit“ (H) - weder in § 30 Abs. 17 BVG in der Fassung bis zum
30.06.2011 beziehungsweise § 30 Abs. 16 BVG in der Fassung ab dem 01.07.2011 noch in sonstigen
Regelungen des BVG oder des SGB IX (ständige Rechtsprechung des Senats, so Urteil des Senats vom
27.02.2014 - L 6 SB 3272/13 -; Urteile des LSG Baden-Württemberg vom 09.05.2011 - L 8 SB 2294/10
- und vom 24.09.2010 - S 8 SB 308/09 -; Dau, jurisPR-SozR 4/2009, Anm. 4).
Der Senat stellt daher bezüglich des Merkzeichens G auf die von der Rechtsprechung für die
Feststellung des Merkzeichens entwickelten Kriterien ab. Danach sind als üblicherweise noch zu Fuß
zurückzulegende Wegstrecken im Ortsverkehr im Sinne des § 146 Abs. 1 Satz 1 SGB IX, ohne
Berücksichtigung von geographischen Besonderheiten im Einzelfall, Wegstrecken von bis zu 2
Kilometern mit einer Gehdauer von etwa 30 Minuten anzusehen (BSG, Urteil vom 10.12.1987 - 9a RVs
11/87 - juris; BSG, Urteil vom 13.08.1997 - 9 RVS 1/96 - juris).
Unter Berücksichtigung dieser Kriterien ist der Senat nicht davon überzeugt, dass die Klägerin an
einer das Merkzeichen G rechtfertigenden Einschränkung der Gehfähigkeit leidet. Die bei der Klägerin
objektiv nachgewiesenen Beeinträchtigungen der Gehfähigkeit erreichen noch nicht ein solches Maß,
dass sie wegen der bei der Prüfung des Merkzeichens G zu berücksichtigenden Gesundheitsstörungen
nicht mehr in der Lage wäre, ohne erhebliche Schwierigkeiten oder ohne Gefahren für sich oder
andere eine Wegstrecke von etwa 2 Kilometern in einer Zeit von etwa 30 Minuten zu Fuß
zurücklegen. Die Einschätzung des Gutachters Dr. S. vermag den Senat nicht zu überzeugen.
Vielmehr folgt der Senat der gegenteiligen Beurteilung des Gutachters Dr. S.
Nach dem Gutachten von Dr. S. liegen bei der Klägerin an für die Gehfähigkeit relevanten
orthopädischen Beeinträchtigungen eine Streckhaltung sowie leichte skoliotische Fehlhaltung der
Wirbelsäule mit einem muskulär bedingten Schmerz der mittleren unteren Lendenwirbelsäule vor. Für
diese Beeinträchtigung kann bei fehlenden neurologischen Ausfallerscheinungen und ohne
wesentliche degenerative Veränderungen nach den überzeugenden Ausführungen von Dr. S.
allenfalls ein Wirbelsäulenschaden mit mittelgradigen funktionellen Auswirkungen in einem
Wirbelsäulenabschnitt, nämlich der Lendenwirbelsäule, anerkannt werden, für den maximal ein
Teil-GdB von 20 angesetzt werden kann, nachdem eine weitgehende Überlagerung mit dem Teil-GdB
von 30 für funktionelle Organbeschwerden mit Kopfschmerzsyndrom und Schwindel besteht. Die
Klägerin gab noch Bewegungsschmerzen beider Hüften an. Radiologisch konnte jedoch eine
Hüftgelenksarthrose ausgeschlossen werden und es lagen bei der Untersuchung durch Dr. S. weite
Bewegungsausmaße der Hüften vor. Die weiteren Diagnosen auf dem orthopädischen Fachgebiet
bedingen, wie sich nachdrücklich aus dem Gutachten von Dr. S. ergibt, nicht einmal einen Teil-GdB
von mindestens 10. So zeigten sich keine Funktionsbeeinträchtigungen der Knie. In Stehen waren die
Knieachsen in regelrechter Ausrichtung. Es war kein tastbarer Erguss oder eine synovitische Reizung
eruierbar, das Patellaspiel war frei. Bei sämtlichen Funktionstests der Kniegelenke wurden keine
Schmerzen angegeben, auch die Meniskuszeichen waren allgemein negativ und der Bandhals stabil.
Radiologisch zeigten sich Zeichen einer beginnenden Chondromalazie medial. Auch lag keine
relevante Zehenfehlform vor, sondern es ist nur der Großzehennagel links verschmälert nach
Emmert-Plastik . Eine auffällige Zehendeformität mit Funktionsbeeinträchtigungen besteht damit
nicht. Beidseits liegt ein Spreizfuß vor, ohne dass sich hieraus Funktionsbeeinträchtigungen ergeben.
Weiter zeigte sich ein Schulter-Arm-Syndrom beidseits mit Funktionsschmerzen ohne wesentliche
Funktionsbehinderung und ohne Auswirkungen auf die Gehfähigkeit.
Aus diesen Befunden folgt, dass aufgrund der orthopädischen Beeinträchtigungen und dem Ausmaß
der hieraus resultierenden Funktionsbeeinträchtigungen keine das Merkzeichen G rechtfertigende
Beeinträchtigung der Gehfähigkeit vorliegt. Vielmehr ist nach den objektiven orthopädischen
Befunden die Bewegungsfähigkeit nur in recht geringem Maße beeinträchtigt.
Auch liegen keine neurologischen Befunde vor, die die Gehfähigkeit in relevantem Umfang
beeinträchtigen könnten. Gefühlsstörungen sind während der Untersuchung durch Dr. S. an den
unteren Gliedmaßen nicht angegeben worden und es haben sich weder an den oberen noch den
unteren Gliedmaßen radikuläre Reizerscheinungen gezeigt. Auch bei der Untersuchung durch Dr. S.
zeigte sich an neurologischen Beeinträchtigungen
nur die Abducens-Parese (Augenmuskellähmung) links. Andere neurologische Auffälligkeiten konnten
nicht objektiviert werden, insbesondere keine Paresen an den Extremitäten. Soweit die Klägerin
angibt, bei ihr liege eine Myopathie vor, hat Dr. S. zu Recht darauf hingewiesen, dass das Vorliegen
einer Myopathie nicht gesichert ist, sondern im Entlassungsbericht der Neurologischen Klinik des
D.-Krankenhauses M. vom 07.09.2011 nur ausgeführt worden ist, dass elektrophysiologisch es
Anhaltspunkte für eine leichte Myopathie gegeben hat, für die allerdings die entsprechende Klinik
fehlt. Daher ist auch in diesem Bericht diagnostisch eine chronische Schmerzerkrankung, nicht jedoch
eine Myopathie angegeben worden. Trotz fehlender Klinik und normalen Muskelenzymen ist nur zum
Ausschluss einer Myopathie eine Muskelbiopsie aus dem Musculus deltoideus oder Musculus
quadriceps empfohlen worden, die bisher nicht durchgeführt wurde. Dr. S. weist darauf hin, dass auch
bei der Untersuchung durch ihn der klinische Untersuchungsbefund nicht mit einer Myopathie
zweifelsfrei vereinbar gewesen ist. Daraus folgt, dass keine neurologischen Befunde nachgewiesen
sind, aus denen sich Einschränkungen der Gehfähigkeit ergeben.
Eine für das Merkzeichen G relevante Beeinträchtigung der Gehfähigkeit ergibt sich auch nicht aus
der Überzeugung der Klägerin, nur wenige hundert Meter gehen zu können und dem daraus
resultierenden Vermeidungsverhalten bezüglich längerer Gehstrecken. Denn dies hat seine Ursache
in der bei der Klägerin vorliegenden Persönlichkeitsstörung. Dabei ist dem Umstand Rechnung zu
tragen, dass das menschliche Gehvermögen keine statische Messgröße ist, sondern von
verschiedenen Faktoren geprägt und variiert wird. Darunter sind neben den anatomischen
Gegebenheiten des Körpers, also Körperbau und etwaige Behinderungen, vor allem der
Trainingszustand, die Tagesform, Witterungseinflüsse, die Art des Gehens (ökonomische
Beanspruchung der Muskulatur, Gehtempo und Rhythmus) sowie Persönlichkeitsmerkmale, vor allem
die Motivation, zu nennen. Von diesen Faktoren sind all jene heraus zu filtern, die nach § 146 Abs. 1
Satz 1 SGB IX außer Betracht zu bleiben haben, weil sie die Bewegungsfähigkeit des
schwerbehinderten Menschen im Straßenverkehr nicht infolge einer behinderungsbedingten
Einschränkung seines Gehvermögens, sondern möglicherweise aus anderen Gründen erheblich
beeinträchtigen (Beschluss des Senats vom 12.10.2011 - L 6 SB 3032/11 - www.s.de, unter Hinweis
auf BSG, Urteil vom 24.04.2008 - B 9/9a SB 7/06 R - juris). Psychisch erkrankte Personen, deren
Leiden nicht mit „Anfällen“ gleichzusetzen sind und nicht zu Störungen der Orientierungsfähigkeit
führen, sondern nur z.B. mit Verstimmungen, Antriebsminderung und Angstzuständen einhergehen,
sind daher in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr nicht erheblich beeinträchtigt (BSG,
Beschluss vom 10.05.1994 - 9 BVs 45/03 - juris). Solche psychischen Störungen sind nicht mit den in §
Abs. 1 Satz 1 SGB IX genannten Behinderungen vergleichbar.
Soweit die bei der Klägerin vorliegende Persönlichkeitsstörung sie nur subjektiv in ihrem
Gehvermögen einschränkt, ist ihre Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr damit nicht infolge einer
behinderungsbedingten Einschränkung ihres Gehvermögens, sondern aus anderen - nicht zu
berücksichtigenden - Gründen beeinträchtigt. Denn die organisch bedingte Fähigkeit, Wege in dem
geforderten Umfang zurückzulegen, ist hierdurch nicht eingeschränkt. Ein Vergleich mit den in § 146
Abs. 1 Satz 1 SGB IX genannten Anfällen oder Störungen der Orientierungsfähigkeit ist nicht möglich,
da mit diesen Anfällen und Störungen nur hirnorganische Anfälle, insbesondere epileptische Anfälle,
aber auch hypoglykämische Schocks bei Zuckerkrankheit gemeint sind, also solche Anfälle, die mit
Bewusstseinsverlust und Sturzgefahr verbunden sind und damit unabhängig vom Bewusstsein sind
(vgl. Beschluss des Senats vom 12.10.2011, a.a.O.; BSG, Beschluss vom 10.05.1994 - a.a.O.). Solche
Funktionsbeeinträchtigungen bestehen bei der Klägerin vorliegend jedoch nicht. Soweit teilweise
ärztlicherseits vorgetragen wurde, dass die Klägerin an Schwindel und Sturzneigung leidet, so ergibt
sich dies nur aus ihren subjektiven, nicht objektivierten Angaben. Dagegen spricht, dass keiner der
behandelnden Ärzte aus eigener Anschauung berichtet hat, dass die Klägerin jemals tatsächlich
gestürzt ist. Auch liegen keinerlei Berichte darüber vor, dass es durch solche Stürze zu Verletzungen
gekommen ist oder sich die Klägerin deswegen gar in Behandlung begeben musste. Vielmehr sind nur
von Dr. H. Schmerzen im rechten Ellenbogen nach einem Fahrradsturz im Jahr 2011 angegeben
worden, wobei das Fahrradfahren an sich schon dagegen spricht, dass nennenswerter Schwindel
besteht. Auch führt die Klägerin keinerlei richtungsweisende Behandlung wegen Schwindel durch.
Damit ist nicht nachgewiesen, dass die Klägerin unter Schwindel, der zu unvorhergesehenen Stürzen
führt, leidet.
Ebenso ist keine Störung der Orientierungsfähigkeit aufgrund der Taubheit links und der
Schwerhörigkeit rechts gegeben. Die Klägerin hat selbst bei Dr. S. angegeben, kleine Besorgungen zu
Fuß durchzuführen. Für größere Einkäufe nimmt sie für die Fahrtstrecke ein Taxi, besorgt diese im
Übrigen jedoch auch selbst. Weder aus dem Gutachten von Dr. S. noch aus dem Gutachten von Dr. S.
wie auch nicht aus den Niederschriften über den Erörterungstermin am SG am 24.07.2012 sowie den
Erörterungstermin am LSG am 22.10.2013 ergibt sich, dass das Hörvermögen der Klägerin für eine
normale Kommunikation nicht ausreichend ist. Damit liegen keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür
vor, dass aufgrund des eingeschränkten Hörvermögens eine relevante Störung der
Orientierungsfähigkeit bei der Klägerin vorliegt. Dies ergibt sich auch nicht im Zusammenwirken mit
der Abducens-Parese . Diese schränkt den Seitenblick nach links etwas ein, indem Doppelbilder beim
Blick nach links entstehen. Aus dieser Einschränkung des Blickfeldes folgt jedoch keine Einschränkung
der Orientierungsfähigkeit, was der Senat dem Umstand entnimmt, dass sich die Klägerin auch in ihr
nicht vertrauter Umgebung wie den Gerichten oder bei Einkäufen zu orientieren vermag.
Zur Überzeugung des Senats liegen die Voraussetzungen für das Merkzeichen G auch nicht aufgrund
einer sich auf die Gehfähigkeit auswirkenden (somatoformen) Schmerzstörung vor. Denn es lässt sich
vorliegend nicht positiv feststellen, dass der Klägerin bei zumutbarer Anstrengung eine Gehstrecke
von etwa 2 Kilometern in etwa 30 Minuten aufgrund Schmerzen nicht möglich ist. So hat Dr. S. in
seinem Gutachten keine somatoforme Schmerzstörung, sondern eine paranoide
Persönlichkeitsstörung diagnostiziert und hierzu ausgeführt, dass die Bezeichnung des seelischen
Leidens mit „Funktionellen Organbeschwerden, Kopfschmerzsyndrom, Schwindel“ nicht angemessen
ist, weil es sich um unspezifische Beschwerden bzw. Leiden handelt, im Vordergrund auf
psychiatrischem Gebiet jedoch die Persönlichkeitsstörung steht, wie sie auch bereits von Dr. K. im
Rentenverfahren diagnostiziert worden ist. Eine Schmerzstörung ist von ihm daher ausdrücklich nicht
diagnostiziert worden. Zum anderen haben sich sowohl bei der Begutachtung durch Dr. S. wie auch
bei der Begutachtung durch Dr. S. deutliche Hinweise auf Aggravation ergeben. Den Schmerzangaben
der Klägerin sowie dem von ihr geschilderten und demonstrierten Gehverhalten sowie ihrer
Selbsteinschätzung kommt daher nur
ein geringer Beweiswert zu. Darüber hinaus kommt es für die Beurteilung der der Klägerin zumutbar
zu bewältigenden Gehstrecke nicht maßgeblich auf die mit dem Gehen verbundenen Schmerzen,
sondern allein darauf an, ob die Gehstrecke von 2 Kilometern durch sie zu Fuß in etwa 30 Minuten -
auch mit Schmerzen - zu bewältigen ist (vgl. Urteil des Senats vom 13.12.2012 - L 6 SB 4838/10 -,
juris).
Dass sich die Klägerin im Rahmen der gutachterlichen Untersuchungen eindeutig final und bewusst
aggravierend verhalten hat, ergibt sich eindrücklich aus den Schilderungen der Gutachter wie auch
aus einem Vergleich mit sonstigen Angaben von behandelnden Ärzten. So betrat die Klägerin bei der
Begutachtung durch Dr. S. das Untersuchungszimmer in Konfektionsschuhwerk mir diskreten
Abnutzungserscheinungen ohne irgendwelche Hilfsmittel wie Gehstützen, Rollator oder Bandagen.
Nachdem ihr Gangbild auf dem Praxisflur nur andeutungsweise links hinkend war, war es nach Aufruf
dann sehr stark links hinkend und sie ging zusätzlich vornüber gebeugt. Dabei wirkte im Rahmen der
direkten Untersuchung das Gangbild zeitweise durch starkes Einknicken des linken Kniegelenkes und
Verlagerung des Körperschwerpunkts nach links, ohne dass hierfür anhand der erhobenen Befunde
eine organische Ursache vorliegt, nach Angabe von Dr. S. sogar grotesk. Bei der Untersuchung
demonstrierte sie sodann das Freistehen sehr unsicher, drohte immer wieder nach hinten zu fallen,
manchmal auch zur Seite. Sie stützte sich wechselweise an der Stuhlkante oder am Tisch ab. Im
Stehen erreichte die Klägerin mit Mühe einen Finger-Boden-Abstand von 35 cm. Erschwert war diese
Bewegungsprüfung durch wechselseitiges Abstützen, mal mit der rechten, mal mit der linken Hand an
der Stuhllehne bzw. Untersuchungsliege. Der Zehenspitzenstand war kurzzeitig beidseits möglich, der
Hackengang wurde verweigert mit Hinweis auf zu starke Schmerzen. Das Einnehmen der tiefen Hocke
wurde in eine kniende Position abgewandelt, was aber recht rasch erfolgte. Auch zum Aufstehen aus
dieser Position gelangte sie ohne fremde Hilfe recht zügig. Der Faustschluss rechts erfolgte unter
Zuhilfenahme der linken Hand mit passiver Beugung. Beim Wiederöffnen wurden die Finger einzeln
mit der linken Hand geöffnet. Bei Wiederholung des Untersuchungsganges, vermeintlich
unbeobachtet, war hingegen der Faustschluss selbständig möglich. Auch Dr. S. sah bei der
neurologischen Untersuchung die Kooperation seitens der Klägerin insgesamt als eingeschränkt an.
So gab die Klägerin bei ihm an, sie könne sich bei Prüfung des Finger-Boden-Abstandes überhaupt
nicht vornüber beugen, obwohl sie im Sitzen die Wirbelsäule sehr gut bewegen konnte. Das Gangbild
war wechselnd, eher leicht links hinkend. Die Klägerin hielt sich an Einrichtungsgegenständen im
Untersuchungsraum fest. Der Einbeinstand war beidseits deutlich unsicher. Bei der Prüfung der
Koordination lag ein Schwanken im Romberg-Versuch vor, zum Unterberger-Tretversuch gab die
Klägerin an, er sei ihr nicht möglich. Der Knie-Hacke-Versuch war beidseits leicht dysmetrisch, der
Seiltänzergang ungerichtet unsicher. Nach dem Befundbericht des Dr. S. vom 24.04.2014 war bei der
ambulanten Untersuchung der Klägerin am 24.02.2014 hingegen der Zehen-, Hackenund
Einbeinstand beidseits möglich. Dafür betrug der Finger-Boden-Abstand 80 cm und es wurde
angegeben, Flexion und Extension der Wirbelsäule seien wegen der muskulären Anspannung kaum
möglich gewesen, obwohl bei Dr. S. der Finger-Boden-Abstand nur 35 cm betragen und Dr. S. eine
sehr gute Beweglichkeit der Wirbelsäule im Sitzen angegeben hatte. Dr. S. beschrieb als Gangbild
einen „Robotergang“ mit gleichzeitiger Anspannung von Flexoren und Extensoren, was dem bei den
Gutachtern gezeigten Gangbild widerspricht. In dem MDK-Gutachten vom 13.09.2012 wurde zum
Gangbild hingegen angegeben, sie gehe etwas breitbeinig. Sie könne frei stehen, aus der Sitzposition
reiche sie bis zu den Füßen. Diese in vielen Bereichen unplausiblen und teilweise gravierend
differierenden Befunde sind nicht erklärbar und daher ein Hinweis darauf, dass die erhobenen
Befunde aufgrund Aggravation insgesamt nicht einer Bewertung der Gehfähigkeit zugrunde gelegt
werden können.
Hinzu kommt, dass die Klägerin gegenüber Dr. S. angab, für kleinere Besorgungen wie Tabak kaufen,
die Bank bzw. Bäckerei aufsuchen, laufe sie auch zu Fuß zwischen 200 und 400 m. Bei den
Begutachtungen demonstrierten Gangbildern bzw. dem demonstrierten massiv eingeschränktem
Stehvermögen, wäre jedoch auch keine Gehfähigkeit für diese Distanzen und Besorgungen
vorstellbar, insbesondere ohne Zuhilfenahme von Gehhilfen. Ebenso wäre damit nicht vorstellbar,
dass die Klägerin - wie bei Dr. S. angegeben - sich alleine um ihren Haushalt einschließlich eines
Gartenanteils kümmert. Die Klägerin sucht auch regelmäßig ihren behandelnden
Schmerztherapeuten Dr. S. auf und macht sämtliche Einkäufe selbst. Unabhängig davon, dass sie
angibt, für die Fahrten ein Taxi zu nehmen, kann die Klägerin es nicht vermeiden, für die Einkäufe
sowie die Arztbesuche auch gewisse Strecken zu gehen bzw. zeitweise zu stehen. Hinzu kommt, dass
sich aus der Angabe von Dr. H., die Klägerin habe im Jahr 2011 Schmerzen im rechten Ellenbogen
nach einem Fahrradsturz gehabt, ergibt, dass sie im Jahr 2011 auch Fahrrad gefahren ist. Dafür, dass
das bei den Begutachtungen demonstrierte Gehverhalten aufgrund deutlicher Aggravation nicht der
Bewertung der Gehfähigkeit zugrunde gelegt werden kann spricht auch, dass die behandelnden Ärzte
der Klägerin Dr. S. und Dr. H. übereinstimmend die Auffassung vertreten, dass die Klägerin in ihrer
Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr nicht erheblich beeinträchtigt ist. Dahingestellt bleiben kann
daher, ob eine somatoforme Schmerzstörung als Einschränkung des Gehvermögens im Sinne des §
Abs. 1 Satz 1 SGB IX anzuerkennen ist (so LSG Nordrhein-Westfalen, Urteil vom 16.10.2013 - L 10
SB 154/12 - juris; LSG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 20.02.2014 - L 13 SB 19/13 - juris, für eine
somatoforme Schmerzstörung im Sinne einer Fibromyalgie). Auch unter Berücksichtigung des bei der
Klägerin vorliegenden Untergewichts sind nach Ansicht des Senats die Voraussetzungen des
Merkzeichens G nicht erfüllt. Denn nach dem Entlassungsbericht über die Rehabilitationsmaßnahme
vom 13.12.1993 bis 11.01.1994 wog die Klägerin bereits damals nur 44 kg, ohne dass
Einschränkungen der Gehfähigkeit angegeben wurden, die Klägerin vielmehr auch an
Bewegungstherapie teilgenommen hat. Auch bei der Begutachtung durch Dr. K. am 05.02.2004 wog
die Klägerin nur 43 kg bei unauffälligem flüssigem Gangbild und gut durchführbarem Zehen- und
Hackenstand. Aus dem Gewicht von 46 kg bei Dr. S. bzw. 44 kg bei Dr. S. bei einer Körpergröße von
160 cm kann daher nicht allein geschlossen werden, dass das Gehvermögen der Klägerin aufgrund
Untergewichtigkeit derart eingeschränkt ist, dass sie nicht mehr etwa 2 Kilometer innerhalb von 30
Minuten zu Gehen in der Lage ist. Dies folgt zur Überzeugung des Senats auch nicht aus der mit dem
schmächtigen Habitus und der mangelnden Bewegung verbundenen schwach ausgebildeten
Muskulatur der Klägerin. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Dr. Sch. keine relevante
Muskelumfangsdifferenz an den unteren Gliedmaßen messen konnte und auch eine seitengleiche
schwache Beschwielung der Fußsohlen vorgelegen hat. Angegeben wurde vielmehr von Dr. S., dass
die paravertebrale Muskulatur verschmächtigt ist, sowie, dass die schulterführende Muskulatur
insgesamt schmächtig ausgebildet ist, jedoch ohne Atrophiezeichen oder Muskelbauchverlagerungen.
Auch von Dr. S. wurde angegeben, dass eine muskuläre Insuffizienz bei hypotrophischer
Stützmuskulatur der Wirbelsäule vorliegt. Damit beziehen sich die konkreten Angaben zu schwach
ausgebildeter Muskulatur auf die Wirbelsäule und die Schultern, nicht aber explizit auf die für die
Gehfähigkeit relevanteren unteren Gliedmaßen. Dass eine Muskelatrophie vorliegt, die die
Gehfähigkeit derart beeinträchtigt, dass der Klägerin Gehstrecken von 2 Kilometern in etwa 30
Minuten bei zumutbarer Anstrengung nicht mehr möglich sind, ist damit ebenfalls nicht
nachgewiesen.
Auch liegen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die Klägerin aufgrund eines allergischen Asthma
bronchiale bzw. einem hyperreagiblem Bronchialsystems in ihrer Gehfähigkeit relevant eingeschränkt
ist. Aus dem Befundbericht von Dr. P. vom 27.04.2011 ergibt sich bereits nur der Verdacht auf diese
Erkrankungen, ohne dass von sonstigen behandelnden Ärzten bzw. der Klägerin diese
Gesundheitsbeeinträchtigungen und hieraus folgende Einschränkungen auf die Gehfähigkeit
geschildert worden sind. Vielmehr konsumiert die Klägerin weiterhin Nikotin und Cannabis.
Die beantragte Einholung eines Gesamtgutachtens von Amts wegen, das den Zusammenhang der
Erkrankungen im Hinblick auf die Voraussetzungen des Merkzeichens G berücksichtigt, war nicht
geboten. Der Senat erachtet den vorliegenden Sachverhalt für ausreichend aufgeklärt. Es liegt bereits
ein orthopädisches wie auch ein neurologischpsychiatrisches und internistisches Gutachten vor. Die
Verpflichtung zur Einholung eines sogenannten Obergutachtens besteht auch bei einander
widersprechenden Gutachtensergebnissen im Allgemeinen nicht. Einen allgemeinen Anspruch auf
Überprüfung von Sachverständigengutachten durch ein "Obergutachten" sehen die
Prozessordnungen - auch das SGG - nicht vor (LSG Baden-Württemberg, Urteil 19.04.2013 - L 4 R
401/11- juris). Vielmehr hat sich das Gericht im Rahmen der Beweiswürdigung mit den einander
entgegenstehenden Ergebnissen auseinanderzusetzen. Liegen bereits mehrere Gutachten (oder
fachkundige Angaben) vor, ist das Tatsachengericht nur dann zu weiteren Beweiserhebungen
verpflichtet, wenn die vorhandenen Gutachten (oder fachkundigen Angaben) grobe Mängel oder
unlösbare Widersprüche enthalten oder von unzutreffenden sachlichen Voraussetzungen ausgehen
oder Anlass zu Zweifeln an der Sachkunde des Gutachters geben (BSG, Beschluss vom 01.04.2014 - B
V 54/13 B - juris). Dies ist vorliegend jedoch nicht der Fall.
Nach alledem war der Berufung des Beklagten stattzugeben und der Gerichtsbescheid aufzuheben,
soweit festgestellt worden ist, dass die Voraussetzungen des Merkzeichens G vorliegen.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG.
Die Revision war nicht zuzulassen, da kein Grund des § 160 Abs. 2 SGG vorliegt.