Landessozialgericht Sachsen-Anhalt – 05.12.2022 – L 7 SB 7/20
Merkzeichen Bl · Rechtsprechungsseite
Entscheidung / Quellenstand
Urteil
Landessozialgericht Sachsen-Anhalt – 05.12.2022 – L 7 SB 7/20
Einordnung: Schwerste Hirnschädigung / Beweislast
Bedeutung: Kann wegen fehlender Reaktion und Kommunikation weder Sehschärfe noch
Gesichtsfeld verlässlich geprüft werden, ersetzt dies den Vollbeweis der Blindheit nicht. Gnostische
Störungen genügen nach BSG 2019 nicht.
Entscheidungstext
Tenor
Das Urteil des Sozialgerichts Magdeburg vom 25. November 2019 wird aufgehoben und die Klage
abgewiesen.
Kosten sind nicht zu erstatten.
Die Revision wird nicht zugelassen.
Tatbestand
Die Beteiligten streiten über das Vorliegen der gesundheitlichen Voraussetzungen für die
Inanspruchnahme des Nachteilsausgleichs Blindheit, also die Zuerkennung des Merkzeichens Bl bei
dem Kläger und Berufungsbeklagten (nachfolgend: Kläger).
Der 1955 geborene Kläger erlitt 2012 nach einem Leitersturz aus ca. 10 Meter Höhe ein Polytrauma,
welches u.a. durch eine Skalpierungsverletzung frontal bis occipital charakterisiert war. Es bestand
eine kardiopulmonale Reanimationspflichtigkeit. In der Epikrise der Klinik für Anästhesiologie und
Operative Intensivmedizin der Uniklinik K. vom 13. August 2012 über die intensivmedizinische
Behandlung ab 16. Juli 2012 wurde u.a. ein posthypoxischer Hirnschaden diagnostiziert. Im Verlauf
des stationären Aufenthalts sei es zu einem Status epilepticus gekommen. Spontanatmung über eine
Trachealkanüle sei ab 6. August 2012 wieder erreicht worden. Im MRT vom 8. August 2012 hätten sich
keine Hinweise auf einen diffusen axonalen Schaden, jedoch mehrere hypoxische Läsionen im
Stammganglienbereich und in mehreren Rindenarealen gefunden. Der neurologische Zustand sei als
irreversibel zu werten. Nach Abschluss der neurologischen Rehabilitation (27. August 2012 bis 16.
November 2012) berichtete die M-Klinik in M. in der Epikrise vom 26. November 2012: Es bestehe
eine prompte Lichtreaktion, der Cornealreflex (Lidschlussreflex) sei erhalten. Reaktionen auf
Ansprache oder Schmerzreize bestünden nicht. Bei dem Kläger habe sich noch zum
Entlassungszeitpunkt eine massive Bewusstseinsbeeinträchtigung gezeigt. Aus neuropsychologischer
Sicht sei die Diagnose eines komatösen Zustands zu stellen. Nach zwischenzeitlicher Unterbringung
in einer vollstationären Pflegeeinrichtung ist der Kläger seit Februar 2013 in der eigenen Häuslichkeit
mit ambulanter 24-Stunden Intensivpflege untergebracht. Auf Antrag stellte der Beklagte und
Berufungskläger (nachfolgend: Beklagter) einen Grad der Behinderung (GdB) von und die
Merkzeichen B, G, aG, H, und RF ab dem 26. November 2012 fest (Bescheid vom 12. Februar 2013).
Im Rahmen eines Nachprüfungsverfahrens, in dessen Ergebnis aus Sicht des Beklagten keine
wesentliche Änderung eingetreten war, berichtete der den Kläger behandelnde Neurologe Dr. M. am
31. Januar 2014: Eine Kommunikation sei weder verbal noch nonverbal möglich. Nach dem Bericht
des Pflegeteams und der Lebensgefährtin des Klägers habe er sich seit Entlassung aus der
Rehabilitation weiter erholen können. Die Kommunikation erfolge durch Handdruck und
Fingerbeugung, emotionale Regungen würden sichtbar. Er fixiere die pflegenden bzw. anwesenden
Personen und zeige dabei eine Blickfolgebewegung. Zunehmend entstehe der Eindruck, er könne
teilweise verstehen und Zustimmung oder Ablehnung signalisieren. Die behandelnde Fachärztin für
Innere Medizin Dipl.-Med. D. gab am 2. Februar 2014 an, dass weder eine verbale noch nonverbale
Kommunikation möglich, zeitweise eine nonverbale Reaktion in Form des Versuchs der Fixierung mit
den Augen zu vermuten sei.
Vom 26. Februar 2014 bis 2. April 2014 befand sich der Kläger zu einer stationären neurologischen
Rehabilitation in der M.-Klinik für Rehabilitation in O. Diagnostisch wurde hier Folgendes festgestellt:
Spastische hochgradige Tetraparese, apallisches Syndrom („Wachkoma“), Locked-in-Syndrome,
lokalisationsbezogene fokale symptomatische Epilepsie und epileptische Syndrome mit komplexen
fokalen Anfällen, posthypoxischer Hirnschaden mit kardiopulmonaler Reanimation, Dysphagie
(Schluckstörung), PEG-Anlage 08/2012, arterielle Hypertonie, insulinpflichtiger Diabetes mellitus Typ
II.
Am 4. Juli 2016 beantragte die Lebensgefährtin des Klägers als dessen bestellte Betreuerin für ihn die
Feststellung der gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen Bl, worauf der Beklagte
erneut Befundberichte einholte. Dipl.-Med. D. berichtete am 8. August 2016: Es liege eine anoxische
Hirnschädigung vor. Der Kläger befinde sich im Wachkoma. Eine verbale Kommunikation sei nicht
möglich. Zeitweise sei Blickkontakt möglich, die Fixierung auf einen Ansprechpartner gelinge auch
zeitweise im Sinne einer nonverbalen Kommunikation. Beigefügt waren Befunde der behandelnden
Fachärztin für Neurologie Dr. H1 vom 3. März 2016 und 19. Juli 2016, wonach ein gelegentliches
Augenöffnen gegeben, kein sicherer Blickkontakt herstellbar, laut Angehörigen aber möglich sei.
Insgesamt sei er laut Familie und Angehörigen jetzt deutlich wacher, die Augen seien jetzt häufiger
auf, er verfolge alles. Dipl.-Med. W. (Fachärztin für Augenheilkunde) gab im Befundschein vom 6.
August 2016 an, dass durch sie keine Angaben oder weitere Untersuchungen zum Visus oder zur
Gesichtsfeldbestimmung möglich seien, da sich der Kläger im Wachkoma-Zustand befinde.
Diagnostiziert wurde eine Optikusatrophie beidseits (Schwund des Sehnervs).
Der ärztliche Gutachter des Beklagten Dr. med. B. verwies in seiner Stellungnahme vom 14.
September 2016 auf die berichteten Angaben, wonach ein Blickkontakt möglich sei und die Fixierung
auf einen Ansprechpartner zeitweise im Sinne einer nonverbalen Kommunikation gelinge. Er schloss
eine Blindheit oder hochgradige Sehbehinderung aus.
Mit Bescheid vom 22. September 2016 lehnte der Beklagte die Feststellung der Voraussetzungen für
das beantragte Merkzeichen Bl ab. Aufgrund der schweren Hirnleistungsminderung sei eine sichere
Einstufung des GdB für eine mögliche Sehbehinderung nicht möglich, es könne jedoch das Vorliegen
einer Blindheit bzw. hochgradigen Sehbehinderung ausgeschlossen werden. Dagegen legte die
Betreuerin des Klägers für ihn am 28. September 2016 Widerspruch ein und verwies auf ein Urteil des
Bundessozialgerichts (BSG) vom 11. August 2015 (B 9 BL 1/14 R), wonach betroffene Personen mit
dem Krankheitsbild „apallisches Syndrom“ das jeweilige Landesblindengeld erhalten könnten. Auch
cerebrale Störungen des Sehvermögens genügten.
Die ärztliche Gutachterin des Beklagten S1 gab am 8. November 2016 an, dass eine exakte
Beurteilung einer eventuellen Beeinträchtigung der Sehfähigkeit nicht möglich sei. Blindheit sei
anhand der vorliegenden Befunde aber auszuschließen. Die Fähigkeit, ein Gegenüber zu fixieren und
Vorgängen im Raum mit Blicken zu folgen, sei als hinreichender Beleg zumindest für ein
Restsehvermögen solcher Qualität zu werten, dass sich die Zuerkennung des Merkzeichens verbiete.
Dem folgend wies der Beklagte den Widerspruch des Klägers mit Widerspruchsbescheid vom 21.
November 2016 zurück.
Hiergegen hat der Kläger am 5. Dezember 2016 Klage vor dem Sozialgericht (SG) M. erhoben und zur
Begründung ausgeführt, die Einschätzung des Beklagten stehe nicht in Übereinstimmung mit der
Rechtsprechung des BSG. Hiernach setze eine der Blindheit entsprechende gleichschwere Störung
des Sehvermögens keine spezifische Sehstörung voraus. Dementsprechend komme es darauf an, ob
es beim Kläger an der umfassenden Möglichkeit zur Sinneswahrnehmung „Sehen“ dahingehend
mangele, dass eine optische Reizaufnahme und deren weitere notwendige Verarbeitung im
Bewusstsein fehle. Es müsse vorliegend davon ausgegangen werden, dass angesichts der
Hirnschädigung eine Fähigkeit zur Verarbeitung optischer Reize beim Kläger fehle. Das Merkzeichen
Bl sei wie beantragt festzustellen.
Das SG hat Befundberichte eingeholt. Dipl.-Med. W1 hat am 28. August 2019 nochmals darauf
hingewiesen, dass ein Visus nicht erhoben werden könne. Blindheit sei aufgrund der massiven
Optikusatrophie wahrscheinlich. Dr. H1 hat im Befundbericht vom 27. August 2019 berichtet: Die
Sehschärfe könne nicht untersucht werden, es liege eher kortikale Blindheit vor (Rindenblindheit). Der
Kläger befinde sich im Wachkoma, es bestehe allenfalls manchmal der Verdacht auf einen kurzen
Blickkontakt mit schwimmenden Bulbi. Es liege kein objektivierbarer Beweis für eine mögliche
Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen vor. Eine sichere verbale oder nonverbale Kommunikation
sei nicht möglich. Eine optische Reizaufnahme und deren weitere Verarbeitung im Bewusstsein fehle.
Dipl.- Med. D. hat am 17. September 2019 angegeben, dass eine Verarbeitung von aufgenommenen
Signalen durch den Kläger nicht möglich sei. In einer beigefügten Epikrise des Klinikums M., Zentrum
für Innere Medizin, vom 22. März 2019 ist angegeben, dass ein Lichtreflex beidseitig vorliege.
Der Beklagte hat vorgetragen, dass die Voraussetzungen von Blindheit bei visueller Agnosie, also dem
gestörten Verarbeiten visueller Informationen, nicht festzustellen seien. Die Frage zur visuellen
Wahrnehmung und der Verarbeitung der aufgenommenen Signale sei schwer zu beantworten, da sich
der Kläger im Wachkoma befinde. Die in den medizinischen Befunden angegebenen Blickkontakte
sprächen jedoch gegen eine der Blindheit gleichzusetzende Störung. Anzumerken sei zudem, dass
das mit dem Merkzeichen Bl angestrebte Landesblindengeld keine Personen erhielten, bei denen die
Nutzung der Leistung durch oder für sie zum Ausgleich des durch die Sehbehinderung bedingten
Mehraufwands nicht möglich sei. Der anspruchsvernichtende Einwand sei eingeräumt, wenn
bestimmte Krankheitsbilder blindheitsbedingte Aufwendungen von vornherein ausschlössen,
beispielsweise dauernde Bewusstlosigkeit oder Koma.
Das SG hat mit Urteil vom 25. November 2019 den Bescheid des Beklagten vom 22. September 2016
in Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 21. November 2016 aufgehoben und den Beklagten
verurteilt, beim Kläger ab Juli 2016 das Vorliegen der gesundheitlichen Voraussetzungen für das
Merkzeichen Bl festzustellen. Im Hinblick auf die fehlende Mitwirkungsmöglichkeit des Klägers seien
Visus oder Einengung des Gesichtsfeldes nicht feststellbar. Dennoch sei die Kammer davon
überzeugt, dass Blindheit im Sinne von Teil A Nr. 6 der Versorgungsmedizinischen Grundsätze (VMG)
vorliege. Im augenärztlichen Befundbericht aus August 2019 werde eingeschätzt, dass Blindheit
aufgrund der massiven Optikusatrophie wahrscheinlich sei. Es handele sich nicht um eine gnostische
Störung.
Gegen das ihm am 30. Dezember 2019 zugestellte Urteil hat der Beklagte am 15. Januar 2020 beim
Landessozialgericht (LSG) Berufung eingelegt. Er führt unter Bezugnahme auf das Urteil des BSG
vom 24. Oktober 2019 (B 9 SB 1/18 R) aus, dass die Unfähigkeit zur Sinneswahrnehmung, die aus
einer visuellen Agnosie oder anderen gnostischen Störungen resultiere, nicht zur Annahme von
Blindheit nach Teil A Nr. 6 VMG ausreiche. Blindheit sei auf die Störungen des Sehapparats
beschränkt und erfasse keine gnostischen Störungen des visuellen Erkennens. In der beigefügten
Stellungnahme der ärztlichen Gutachterinnen des Beklagten Dipl.-Med. H2 (Fachärztin für
Augenheilkunde) und Dr. med. S2 vom 11. Dezember 2019 wird angegeben, dass allein die Diagnose
einer Optikusatrophie keine Rückschlüsse auf das Ausmaß einer eventuell resultierenden
Sehbehinderung zulasse. Objektive Verfahren zur Sehschärfenbestimmung erforderten ein
Mindestmaß an Mitarbeit, die der Kläger nicht aufzubringen vermöge. Die dokumentierten beidseitigen
Pupillenreaktionen auf Licht schlössen Schwarzblindheit allein aufgrund der
Sehnervenschädigung aus. Bezüglich der Feststellung des Ausmaßes der Sehbehinderung liege
objektive Beweislosigkeit vor. Unter Berücksichtigung der zahlreichen Dokumente, die eine prompte
Lichtreaktion, Fixation und Augenfolgebewegungen beschrieben, sei Schwarzblindheit sicher
auszuschließen und Blindheit nicht wahrscheinlich.
Der Beklagte beantragt,
das Urteil des Sozialgerichts Magdeburg vom 25. November 2019 aufzuheben und die Klage
abzuweisen.
Der Kläger beantragt,
die Berufung zurückzuweisen.
Die Klägerseite trägt vor, dass die Fähigkeit zur bewussten Wahrnehmung von optischen Reizen bei
dem Kläger nicht mehr vorhanden sei. Es liege eine eindeutige augenärztliche Stellungnahme
dahingehend vor, dass eine massive Optikusatrophie bestehe. Damit sei aber das Sehorgan selbst
betroffen. Es fehle also die Fähigkeit zur optischen Reizaufnahme und -verarbeitung.
Der Senat hat ein neurologisches und neurophysiologisches Sachverständigengutachten durch PD Dr.
med. W2 (Direktor der Klinik für Neurologie und Fachübergreifende Frührehabilitation im BG Klinikum
B. H.) erstatten lassen. Dieser hat in dem Gutachten vom 14. Juli 2021 (Untersuchung am 18. Februar
2021) berichtet: In der momentanen Situation erfolge eine Kommunikation über einen
Kommunikationstrainer über Augenbewegungen. Es werde zudem berichtet, dass der Kläger eine
Reaktion auf laute Geräusche mit Zusammenzucken zeige, wobei jedoch keine gezielte, beabsichtigte
oder gerichtete Reaktion zu erkennen sei, selten fänden sich Reaktionen auf Ansprache, ca. 1- bis 2-
mal pro Tag mit gezielter Reaktion und Augenfolgebewegungen, zudem gebe es Reaktionen auf
schmerzhafte Reize mit Zusammenzucken und mimischer Aktivität sowie Herzfrequenzanstieg. Bei
Kommunikationsversuchen zeigte sich manchmal eine gezielte Reaktion/Antwort mit dem linken
Zeigefinger. Bei der Untersuchung sei die Blickmotorik nicht sicher beurteilbar gewesen,
gelegentliches Grimassieren und Gesichtsbewegungen seien erkennbar gewesen sowie eine gezielte
Reaktion auf Schmerzreize. Auf Ansprechen sei eine Beugung und Streckung des linken Zeigefingers
erfolgt. Bei bekannten Personen und einmalig auch beim Gutachter seien gezielte
Augenfolgebewegungen aufgetreten. Ein Restsehvermögen sei vorhanden. Es liege – in Abgrenzung
zum sog. Wachkoma – der Verdacht auf ein Minimally conscious state (minimaler
Bewusstseinszustand) vor. Bei einem solchen bestehe ein minimaler, aber definierter
Verhaltensbeweis von Selbst- oder Umweltwahrnehmung. Bei der Visuell evozierten Potentiale (VEP)
mit Blitzbrille (Überprüfung der Reizverarbeitung zwischen Auge und Sehrinde) seien bei Reizung
Wellen sicher ableitbar gewesen. Es ergäben sich Hinweise auf eine demyelinisierende Schädigung
im Bereich der Sehbahnen beidseits. Es handele sich daher um eine inkomplette Schädigung der
Sehbahnen beidseits. Eine komplette Läsion sei aufgrund der vorhandenen reproduzierbaren
blitzlichtevozierten VEP ausgeschlossen. Im Ergebnis wiesen sowohl die ableitbaren blitzevozierten
VEP als auch die klinisch-neurologische Untersuchung und die anamnestischen und
fremdanamnestischen Angaben mit erfolgreicher Nutzung eines visuellen Kommunikationstrainers
sowie die Aktenlage auf eine positive Reaktion auf visuelle Reize hin. Somit liege Blindheit oder ein
vollständiger Ausfall der Sehrinde (Rindenblindheit) nicht vor. In der ergänzenden Stellungnahme vom
29. Dezember 2021 hat der Sachverständige angegeben, dass im Rahmen der Untersuchung eine
gezielte Augenfolgebewegung habe beobachtet werden können; ein Restsehvermögen habe sich
gefunden. Mittels einer Blitzbrille habe zumindest eine gewisse strukturelle Integrität der Sehbahnen
nachgewiesen werden können, ebenfalls hätten sich Hinweise auf eine Verarbeitung visueller Reize in
höheren kognitiven Zentren gefunden. Visuelle Reize würden in der primären Sehrinde verarbeitet,
eine doppelseitige Zerstörung der gesamten primärvisuellen Rinde bedinge eine visuelle Agnosie oder
kortikale Blindheit. Sowohl im neurologischen Status als auch in der neurophysiologischen
Untersuchung sei eine inkomplette Läsion des visuellen Systems beidseits zu finden gewesen, d.h.
ein nahezu vollständiger Ausfall der Sehrinde liege nicht vor.
Die Beteiligten haben schriftsätzlich ihr Einverständnis zu einer Entscheidung ohne mündliche
Verhandlung durch die Berichterstatterin als Einzelrichterin erklärt.
Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten des Sachverhalts und des Vorbringens der Beteiligten wird auf
den Inhalt der Gerichtsakte und der Verwaltungsakte des Beklagten ergänzend verwiesen. Diese sind
Gegenstand der Entscheidungsfindung gewesen.
Entscheidungsgründe
Der Senat konnte den Rechtsstreit nach § 155 Abs. 3 und 4 Sozialgerichtsgesetz (SGG) sowie §§ 124
Abs. 2, 153 Abs. 1 SGG durch die Berichterstatterin als Einzelrichterin durch Urteil ohne mündliche
Verhandlung entscheiden, weil sich die Beteiligten damit einverstanden erklärt haben und keine
Umstände vorliegen, die gleichwohl eine Entscheidung durch den gesamten Senat gebieten.
Die Berufung des Beklagten ist nach § 143 SGG statthaft und auch im Übrigen zulässig; insbesondere
ist sie gemäß § 151 Abs. 1 SGG form- und fristgerecht eingelegt.
Gegenstand der Berufung ist das Urteil des SG vom 25. November 2019 und der Ablehnungsbescheid
des Beklagten vom 22. September 2016 in Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 21. November
2016. Der Kläger erstrebt mit seiner Anfechtungs- und Verpflichtungsklage (§ 54 Abs. 1 Satz 1 SGG)
unter Aufhebung der Ablehnungsentscheidung die Verpflichtung des Beklagten, mit Wirkung ab dem 4.
Juli 2016 (Antragstellung) die gesundheitlichen Voraussetzungen für die Inanspruchnahme des
Nachteilsausgleichs Blindheit festzustellen, was das SG dem Klagebegehren entsprechend
ausgesprochen hat. Dagegen wendet sich der Beklagte mit seiner Berufung. Maßgeblich ist der
Sachund Streitstand im Zeitpunkt der Entscheidung des Senats (vgl. Keller in: Meyer-Ladewig/Keller/
Leitherer/Schmidt, SGG, 13. Auflage 2020, § 54 ).
Die Berufung des Beklagten ist begründet. Der Ablehnungsbescheid vom 22. September 2016 in
Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 21. November 2016 ist rechtmäßig und verletzt den Kläger
nicht in seinen Rechten (§ 54 Abs. 2 SGG). Das SG hat den Bescheid zu Unrecht aufgehoben. Der
Kläger, bei dem die Schwerbehinderteneigenschaft vorliegt, hat keinen Anspruch auf Feststellung der
gesundheitlichen Voraussetzungen für die Inanspruchnahme des Nachteilsausgleichs Blindheit.
Rechtsgrundlage für die Feststellung der gesundheitlichen Merkmale als Voraussetzung für die
Inanspruchnahme eines Nachteilsausgleichs sind § 152 Abs. 1 und 4 Sozialgesetzbuch Neuntes Buch
– Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen (SGB IX) in der ab dem 1. Januar
2018 geltenden Fassung (inhaltsgleich dazu § 69 Abs. 1 und 4 SGB IX in der bis zum 31. Dezember
2017 geltenden Fassung) und die hierzu ergangenen versorgungsmedizinischen Vorschriften. Nach §
Abs. 1 Satz 1 und
Abs. 4 SGB IX stellen die zuständigen Behörden auf Antrag neben einer Behinderung auch weitere
gesundheitliche Merkmale fest, die Voraussetzung für die Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen
für behinderte Menschen sind. Zu diesen Merkmalen gehören diejenigen für den Nachteilsausgleich
Blindheit nach Teil A der als Anlage zur Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV) erlassenen
„Versorgungsmedizinischen Grundsätze“ (VMG) (in der Fassung vom 10. Dezember 2008; zuletzt
geändert am 12. Dezember 2019), für die im Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen Bl
einzutragen ist (§ 3 Abs. 1 Nr. 3 Schwerbehindertenausweisverordnung). Ermächtigungsgrundlage
insbesondere zum Erlass von Vorgaben für die Beurteilung von Nachteilsausgleichen durch
Rechtsverordnung ist § 153 Abs. 2 SGB IX (bzw. § 70 Abs. 2 SGB IX aF). Die bereits zuvor auf
Grundlage des damaligen § 30 Abs. 17 Bundesversorgungsgesetz erlassene Vers- MedV bleibt
weiterhin anwendbar, vgl. § 241 Abs. 5 SGB IX.
Die Grundsätze für die Feststellung der gesundheitlichen Merkmale für die Inanspruchnahme des
Nachteilsausgleichs der Blindheit werden in Teil A Nr. 6 Buchst. a), b) und c) VMG verbindlich
festgelegt. Nach Buchst. a) ist blind ein behinderter Mensch, dem das Augenlicht vollständig fehlt. Als
blind ist auch ein behinderter Mensch anzusehen, dessen Sehschärfe auf keinem Auge und auch nicht
beidäugig mehr als 0,02 (1/50) beträgt oder wenn andere Störungen des Sehvermögens von einem
solchen Schweregrad vorliegen, dass sie dieser Beeinträchtigung der Sehschärfe gleichzustellen sind.
Eine gleichzusetzende Sehbehinderung liegt nach den Richtlinien der Deutschen Ophthalmologischen
Gesellschaft (DOG) bei bestimmten Einengungen des Gesichtsfeldes, großen Skotomen sowie
homonymen, bitemporalen und binasalen Hemianopsien vor (siehe Buchst. b). Blind ist nach Buchst.
c) schließlich auch ein behinderter Mensch mit einem nachgewiesenen vollständigen Ausfall der
Sehrinde (Rindenblindheit), nicht aber mit einer visuellen Agnosie oder anderen gnostischen
Störungen.
Blindheit im Sinne von Teil A Nr. 6 Buchst. a) bis c) VMG ist danach beschränkt auf Störungen des
Sehapparates. Gnostische – neuropsychologische – Störungen des visuellen Erkennens führen nicht
zur Blindheit. Der Begriff der Blindheit im Schwerbehindertenrecht braucht nicht zwangsläufig
deckungsgleich zu sein mit dem der Blindheit in anderen Gesetzen, insbesondere in einigen
landesrechtlichen Vorschriften zum Blindengeld (zum Ganzen siehe: BSG, Urteil vom 24. Oktober
2019 – B 9 SB 1/18 R –).
Durch ihre wörtliche Bezugnahme auf die Richtlinien der DOG beschreiben die VMG Defekte im
Funktionssystem des optischen Apparates bzw. in der Verarbeitung optischer Reize in der Sehrinde.
Andere cerebrale Störungen wie eine "visuelle Agnosie oder andere gnostische Störungen" genügen
nicht (so ausdrücklich Teil A Nr. 6 Buchst. c VMG), was Folge der durch die VMG vorgenommenen
Differenzierung nach einzelnen Funktionssystemen – hier Auge bzw. Gehirn einschließlich Psyche –
ist. Als Folge dieser Systematik setzt das Merkzeichen Bl Störungen des Sehapparats im organischen
Sinn voraus. Für gnostische – neuropsychologische – Störungen des visuellen Erkennens, die
schwerpunktmäßig anderen Funktionsbereichen zuzuordnen sind, stehen im Schwerbehindertenrecht
dagegen andere Nachteilsausgleiche passgenau zur Verfügung, um die gleichberechtigte Teilhabe am
Leben in der Gesellschaft zu fördern (BSG, Urteil vom 24. Oktober 2019, a.a.O., mit weiteren
Ausführungen zur visuellen Agnosie [Seelenblindheit] als neuropsychologische Störung). Eine
Gleichstellung ophthalmologischer und neurologischer Beeinträchtigungen bei den gesundheitlichen
Merkmalen für die Inanspruchnahme des Merkzeichens Bl ist weder allgemein unter
Gleichbehandlungsgesichtspunkten noch aus Gründen der Einheit der Rechtsordnung geboten (zum
Ganzen siehe: BSG, Urteil vom 24. Oktober 2019, a.a.O.).
Die von der Klägerseite herangezogene Entscheidung des BSG vom 11. August 2015 (B 9 BL 1/14 R)
beschreibt dagegen blindengeldrelevante Störungen des Sehvermögens nach dem – zu einigen
anderen Blindengeldgesetzen inhaltsgleichen – Art. 1 des Bayerischen Blindengeldgesetzes; die
Differenzierung zwischen „Erkennens- und Benennungsstörungen“ habe hier keinen normativen
Niederschlag gefunden (BSG, Urteil vom 11. August 2015, a.a.O.; dem folgend BSG, Urteil vom 14.
Juni 2018 – B 9 BL 1/17 R –: der medizinische Begriff der Blindheit aus Teil A Nr. 6 VMG sei keine
Voraussetzung für die „Blindheit“ im Sinne des Bayerischen Blindengeldgesetzes). Die Bewertung
nach den VMG unterscheide sich aber von den landesrechtlichen Vorschriften zum Blindengeld, die
keine Bezugnahme auf die ophthalmologischen Grundsätze enthalten (so ausdrücklich: BSG, Urteil
vom 24. Oktober 2019, a.a.O.).
Der Kläger ist nicht blind nach Teil A Nr. 6 Buchst. a) VMG und gehört auch nicht zum Personenkreis
mit einer dieser Sehbeeinträchtigung gleichzusetzenden Sehbeeinträchtigung nach Teil A Nr. 6 Buchst.
b) VMG. Solche Beeinträchtigungen sind nicht bewiesen. Bei fehlender Reaktion auf visuelle Reize
und fehlender Kommunikationsfähigkeit kann bei dem Kläger weder eine Sehschärfe noch die
Gesichtsfeldfunktion überprüft werden, was auch die behandelnde Fachärztin für Augenheilkunde
Dipl.-Med. W1 in den Befundberichten bestätigt hatte. Die von ihr diagnostizierte „massive“
Optikusatrophie beidseitig (Schwund des Sehnervs), welche eine Erblindungsursache darstellen kann,
genügt nicht zum Nachweis einer Sehbeeinträchtigung im Sinne von Teil A Nr. 6 Buchst. a) oder b)
VMG. Sie selbst hält eine Blindheit lediglich für „wahrscheinlich“. Die ärztliche Gutachterin des
Beklagten Dipl.-Med. H2, gleichfalls Fachärztin für Augenheilkunde, hat hierzu nachvollziehbar
angegeben, dass allein die Diagnose einer Optikusatrophie keine Rückschlüsse auf das Ausmaß einer
eventuell daraus resultierenden Sehbehinderung zulasse. Jedenfalls würden die mehrfach
dokumentierten beidseitigen prompten Pupillenreaktionen auf Licht Schwarzblindheit allein aufgrund
einer Sehnervenschädigung ausschließen. Auch der vom Senat beauftragte Sachverständige PD Dr.
med. W2 geht in seinem Gutachten vom 14. Juli 2021 davon aus, dass ein Restsehvermögen
vorhanden ist. Bei der Begutachtung habe er gezielte Augenfolgebewegungen des Klägers feststellen
können, was bereits Angehörige und Pflegedienstmitarbeiter mehrfach angegeben hatten. Weder die
konkrete Sehschärfe noch Gesichtsfeldeinengungen bzw. -ausfälle (Skotome, Hemianopsien) lassen
sich bei dem Kläger bestimmen, was die Mediziner durchgehend bestätigen. Weitere Ermittlungen
dahingehend sind dem Senat demnach nicht möglich. Die Beweislosigkeit geht zu Lasten des Klägers,
da diesem als Anspruchsteller die Darlegungsund Beweislast obliegt (vgl. BSG, Urteil vom 24. Oktober
2019, a.a.O.).
Der Kläger ist nicht blind im Sinne von Teil A Nr. 6 Buchst. c) VMG. Danach ist blind auch ein
behinderter Mensch mit einem nachgewiesenen vollständigen Ausfall der Sehrinde (Rindenblindheit),
nicht aber mit einer visuellen Agnosie oder anderen gnostischen Störungen. Diese spezielle Form der
Blindheit infolge beidseitiger Zerstörung der Sehzentren in den Hinterhauptlappen des Gehirns liegt
bei dem Kläger nicht vor. Der Senat stützt sich auch hier auf das Gutachten von PD Dr. med. W2 vom
14. Juli 2021 und die ergänzende gutachterliche Stellungnahme vom 29. Dezember 2021. Danach
habe mittels einer Blitzbrille zumindest eine gewisse strukturelle Integrität der Sehbahnen
nachgewiesen werden können, ebenfalls hätten sich Hinweise auf eine Verarbeitung visueller Reize in
höheren kognitiven Zentren ergeben. Ein vollständiger Ausfall der Sehrinde
im Sinne einer Rindenblindheit könne nicht festgestellt werden. Vielmehr handele es sich um eine
inkomplette Schädigung der Sehbahnen beidseits, eine komplette Läsion erachtet der Gutachter
aufgrund der vorhandenen reproduzierbaren blitzlichtevozierten VEP als ausgeschlossen. Nach
Überzeugung des Senats ist damit ein vollständiger Ausfall der Sehrinde nicht nachgewiesen.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG.
Gründe für die Zulassung der Revision (§ 160 Abs. 2 SGG) liegen nicht vor.