BSG, 30.04.2019 – B 9 SB 76/18 B
Teil B Nr. 15 VersMedV · Stoffwechsel, innere Sekretion · Rechtsprechungsseite
Einordnung
Rechtsprechung zu Teil B Nr. 15 VersMedV
Adipositas allein begründet keinen GdB. Berücksichtigungsfähig sind Folge- und Begleitschäden sowie besondere funktionelle Auswirkungen einer Adipositas permagna; die Nichtzulassungsbeschwerde wurde als unzulässig verworfen.
Adipositas allein begründet keinen GdB. Berücksichtigungsfähig sind Folge- und Begleitschäden sowie besondere funktionelle Auswirkungen einer Adipositas permagna; die Nichtzulassungsbeschwerde wurde als unzulässig verworfen.
Entscheidungstext
DRsp Nr. 2019/9647
Feststellung eines höheren Grades der Behinderung
Grundsatzrüge im Nichtzulassungsbeschwerdeverfahren
Keine Zuerkennung eines GdB wegen Adipositas per magna
Berücksichtigung von Folge- und Begleitschäden
1. Eine Adipositas allein bedingt keinen GdB, deren Folge- und Begleitschäden können aber dies gleichwohl.
2. Die funktionellen Auswirkungen einer Adipositas per magna sind nicht nur bei Einschätzung eines aus anderen
Gesundheitsstörungen folgenden GdB (erhöhend) zu berücksichtigen, sondern auch insoweit, als sie zu einer für die
Zuerkennung des Merkzeichens G relevanten erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr führen.
3. Ob eine Erhöhung des GdB und/oder die Zuerkennung des Merkzeichens G bei Adipositas per magna in Betracht kommt, ist
eine Frage des Einzelfalls.
Die Beschwerde des Klägers gegen die Nichtzulassung der Revision im Urteil des Sächsischen Landessozialgerichts vom 20.
November 2018 wird als unzulässig verworfen.
Die Beteiligten haben einander für das Beschwerdeverfahren keine außergerichtlichen Kosten zu erstatten.
Normenkette:
SGG
§
Abs.
Nr.
;
Gründe:
I
Der Kläger begehrt in der Hauptsache die Feststellung eines Grades der Behinderung (GdB) von 50 anstelle von zuletzt 30.
Diesen Anspruch hat das LSG verneint (Urteil vom 20.11.2018). Für die bestehende Adipositas allein sei nach Teil B 15.3 der
Anl zu §
Versorgungsmedizin-Verordnung
(
VersMedV) kein GdB zu vergeben. Nur Folge- und Begleitschäden (insbesondere
am kardiopulmonalen System oder am Stütz- und Bewegungsapparat) könnten die Annahme eines GdB begründen. Gleiches
gelte für die besonderen funktionalen Auswirkungen einer Adipositas per magna. Die Einzel-GdB-Werte betrügen für die
Funktionsbehinderung der Wirbelsäule 30, für die Funktionsbehinderung der Schultergelenke 10, für das SchlafapnoeSyndrom 20 und für die Hypertonie 10. Die GdB-Werte für das Schlafapnoe-Syndrom sowie für die Schultergelenke und die
Hypertonie könnten den im Vordergrund stehenden GdB von 30 für den Wirbelsäulenschaden nicht erhöhen.
Gegen die Nichtzulassung der Revision in diesem Urteil hat der Kläger Beschwerde beim
BSG
eingelegt. Er macht als
Zulassungsgrund die grundsätzliche Bedeutung der Rechtssache geltend.
II
Die Beschwerde des Klägers ist unzulässig. Seine Begründung vom 3.3.2019 genügt nicht der gesetzlich vorgeschriebenen
Form, weil der von ihm allein geltend gemachte Zulassungsgrund der grundsätzlichen Bedeutung der Rechtssache (§
Abs
Nr
SGG) nicht in der hierfür erforderlichen Weise dargelegt worden ist (§
160a
Abs
S 3
SGG).
Eine Rechtssache hat nur dann grundsätzliche Bedeutung iS von §
Abs
Nr
SGG, wenn sie eine Rechtsfrage aufwirft,
die über den Einzelfall hinaus aus Gründen der Rechtseinheit oder der Fortbildung des Rechts einer Klärung durch das
Revisionsgericht bedürftig und fähig ist. Der Beschwerdeführer muss daher anhand des anwendbaren Rechts und unter
Berücksichtigung der höchstrichterlichen Rechtsprechung angeben, welche Fragen sich stellen, dass diese noch nicht geklärt
sind, weshalb eine Klärung dieser Rechtsfragen aus Gründen der Rechtseinheit oder der Fortbildung des Rechts erforderlich
ist und dass das angestrebte Revisionsverfahren eine Klärung erwarten lässt. Ein Beschwerdeführer muss daher, um seiner
Darlegungspflicht zu genügen, eine Rechtsfrage, ihre (abstrakte) Klärungsbedürftigkeit, ihre (konkrete) Klärungsfähigkeit
(Entscheidungserheblichkeit) sowie die über den Einzelfall hinausgehende Bedeutung der von ihm angestrebten Entscheidung
(sog Breitenwirkung) darlegen (zum Ganzen vgl Senatsbeschluss vom 31.1.2018 -
B 9 V 63/17 B
- ;
Senatsbeschluss vom 30.11.2017 -
B 9 V 35/17 B
- ). Diese Anforderungen erfüllt die Beschwerdebegründung
nicht.
Der Kläger hält die Fragen für grundsätzlich bedeutsam,
"ob einer Entscheidung des EuGH eine Bindungswirkung zukommt, welche die
VersMedV
außer Kraft setzt,
und ob bei der Beurteilung, ob krankhafte Adipositas einen GdB bedingt, eine Entscheidung im Einzelfall erforderlich ist."
Der Senat lässt dahingestellt, ob der Kläger damit überhaupt hinreichend bestimmte Rechtsfragen iS des §
Abs
Nr
SGG
bezeichnet hat (zu den Anforderungen
BSG
Beschluss vom 17.1.2019 - B
R 180/17
B - ). Soweit der Kläger
die Frage nach der Bindungswirkung einer Entscheidung des EuGH aufwirft, weist er zwar auf ein Urteil des EuGH vom
18.12.2014 (
C-354/13
- ) hin. Er setzt sich jedoch nicht mit dem Inhalt dieser Entscheidung auseinander und zeigt
hiervon ausgehend nicht auf, ob und inwieweit ihr überhaupt eine "Bindungswirkung" zukommen kann, welche die
"Versorgungsmedizinischen Grundsätze" der
VersMedV
als Maßstab für die Feststellung des GdB "außer Kraft setzen" kann.
Anlass hierzu hätte schon deshalb bestanden, weil die vom Kläger zitierte Vorabentscheidung des EuGH im Rahmen eines
Rechtstreits in Dänemark wegen einer Kündigung erging. Der Kläger sah in der Kündigung eine Diskriminierung wegen seines
Übergewichts. Hierzu hat der EuGH in seiner Entscheidung vom 18.12.2014 zunächst klargestellt, dass weder das Unionsrecht
noch das abgeleitete Unionsrecht ein allgemeines Verbot der Diskriminierung wegen Adipositas als solcher in Beschäftigung
und Beruf enthalte. Zu den Grundrechten als integraler Bestandteil der allgemeinen Grundsätze des Unionsrechts gehöre ua
das allgemeine Diskriminierungsverbot. Weder der
Vertrag über die Europäische Union
noch der
Vertrag über die
Arbeitsweise der Europäischen Union
(
AEUV) enthielten aber eine Bestimmung, die eine Diskriminierung wegen Adipositas
als solche verbiete. Ebenso wenig sei Adipositas in der
Richtlinie 2000/78/EG
des Rates vom 27.11.2000 zur Festlegung eines
allgemeinen Rahmens für die Verwirklichung der Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf (ABl EG Nr L 303, 16) als
Diskriminierungsgrund aufgeführt. Nach der Rechtsprechung des EuGH dürfe der Geltungsbereich der
Richtlinie 2000/78/EG
auch nicht in entsprechender Anwendung über die Diskriminierungen wegen der in Art 1 der Richtlinie abschließend
aufgezählten Gründe hinaus ausgedehnt werden (aaO, ).
BSG,
Beschluss
vom 30.04.2019
- Aktenzeichen B 9 SB 76/18 B
Die
Richtlinie 2000/78/EG
sei aber dahin auszulegen, dass die Adipositas eines Arbeitnehmers eine "Behinderung" iS der
Richtlinie darstelle, wenn sie eine Einschränkung mit sich bringe, die ua auf physische, geistige oder psychische
Beeinträchtigungen von Dauer zurückzuführen sei, die ihn in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen und
wirksamen Teilhabe am Berufsleben, gleichberechtigt mit den anderen Arbeitnehmern, hindern könne. Der Begriff
"Behinderung" sei so zu verstehen, dass er nicht nur die Unmöglichkeit erfasse, eine berufliche Tätigkeit auszuüben, sondern
auch eine Beeinträchtigung der Ausübung einer solchen Tätigkeit. Eine andere Auslegung sei mit dem Ziel der
Richtlinie
2000/78/EG
unvereinbar, die insbesondere Menschen mit Behinderung Zugang zur Beschäftigung oder die Ausübung eines
Berufs ermöglichen solle. Für den Anwendungsbereich der Richtlinie je nach Ursache der Behinderung zu differenzieren,
würde außerdem ihrem Ziel, die Gleichbehandlung zu verwirklichen, widersprechen. Der Begriff "Behinderung" iS der
Richtlinie 2000/78/EG
hänge nicht davon ab, inwieweit der Betreffende gegebenenfalls zum Auftreten seiner Behinderung
beigetragen habe. Die Adipositas als solche sei allerdings keine "Behinderung" iS der
Richtlinie 2000/78/EG, weil sie ihrem
Wesen nach nicht zwangsläufig eine der beschriebenen Einschränkungen zur Folge habe. Die Adipositas eines Arbeitnehmers
falle aber unter den Begriff "Behinderung", wenn der Arbeitnehmer aufgrund seiner Adipositas an der vollen und wirksamen
Teilhabe am Berufsleben, gleichberechtigt mit den anderen Arbeitnehmern, gehindert wäre, und zwar aufgrund
eingeschränkter Mobilität oder dem Auftreten von Krankheitsbildern, die ihn an der Verrichtung seiner Arbeit hinderten oder
zu einer Beeinträchtigung der Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit führten (aaO, ).
Selbst wenn nach dieser EuGH-Entscheidung eine Adipositas eine Behinderung iS des § 1 Allgemeines
Gleichbehandlungsgesetz darstellen könnte (so Lingscheid, jurisPR-ArbR 6/2015 Anm 2 D), zeigt der Kläger nicht auf, ob, aus
welchem Grund und inwieweit dieses im Vorabentscheidungsverfahren nach Art
AEUV
ergangene Urteil des EuGH zur
Antidiskriminierungsrichtlinie
2000/78/EG
überhaupt eine "Bindungswirkung" für Gerichte über die dort konkret
beantworteten vier Fragen hinaus in dem Sinne entfalten kann, welche die in der Anl 2 zur
VersMedV
enthaltenen
"Versorgungsmedizinischen Grundsätze" und hier insbesondere die Regelungen zur GdB-Bemessung bei Adipositas unter B
15.3 "außer Kraft setzen" könnten. Substantiierte Ausführungen hierzu enthält die Beschwerdebegründung nicht.
Soweit der Kläger die Frage aufwirft, ob die Beurteilung eines GdB bei krankhafter Adipositas eine Einzelfallentscheidung
erfordere, hat er deren Klärungsbedürftigkeit nicht aufgezeigt. Denn er setzt sich schon nicht mit dem Regelungsgehalt der
einschlägigen Bestimmung in B 15.3 der Anl 2 zur
VersMedV
auseinander. Danach bedingt die Adipositas allein zwar keinen
GdB. Deren Folgen- und Begleitschäden können aber die Annahme eines GdB begründen. Gleiches gilt für die besonderen
funktionellen Auswirkungen einer Adipositas per magna. In diesem Zusammenhang sei zudem darauf hingewiesen, dass der
Senat mit Urteil vom 24.4.2008 (B 9/9a SB 7/06 R - SozR 4-3250 § 146 Nr 1) entschieden hat, dass die funktionellen
Auswirkungen einer Adipositas per magna nicht nur bei Einschätzung eines aus anderen Gesundheitsstörungen folgenden
GdB (erhöhend) zu berücksichtigen sind, sondern auch insoweit, als sie zu einer für die Zuerkennung des Merkzeichens G
relevanten erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr führen (aaO, ). Ob nach diesen
Maßstäben eine Erhöhung des GdB und/oder die Zuerkennung des Merkzeichens G bei einem stark übergewichtigen
Antragsteller in Betracht kommt, kann stets nur im Einzelfall beurteilt werden.
Von einer weiteren Begründung sieht der Senat ab (vgl §
160a
Abs
S 2 Halbs 2
SGG).
Die Verwerfung der danach nicht formgerecht begründeten und somit unzulässigen Beschwerde erfolgt gemäß §
160a
Abs
S
Halbs 2 iVm §
S 2 und 3
SGG
durch Beschluss ohne Zuziehung der ehrenamtlichen Richter.
Die Kostenentscheidung folgt aus einer entsprechenden Anwendung des §
SGG
.
Vorinstanz: LSG Sachsen, vom 20.11.2018 - Vorinstanzaktenzeichen
L 9 SB 94/16
Vorinstanz: SG Dresden, vom 12.04.2016 - Vorinstanzaktenzeichen
S 41 SB 319/13
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