Senat, 09.03.1999 – L 6 SB 84/98
Merkzeichen G · Rechtsprechungsseite
Entscheidung / Quellenstand
Landessozialgericht für das Land Nordrhein-Westfalen 6.
Senat, 09.03.1999 – L 6 SB 84/98
Merkzeichen G · Adipositas / funktionelle Gesamtschau
Adipositas / funktionelle Gesamtschau
Einordnung:
Die Entscheidung ist eine positive Anwendungsentscheidung aus dem Bereich „Adipositas /
funktionelle Gesamtschau“. Für die heutige Prüfung ist vor allem der in Leitsatz/Orientierungssatz und
Entscheidungsgründen konkretisierte funktionelle Maßstab bedeutsam; die Diagnose allein ersetzt die
Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen auf Bewegungsfähigkeit, Gehvermögen oder Orientierung
nicht.
Gericht Landessozialgericht für das Land Nordrhein-Westfalen 6.
Senat
Datum 09.03.1999
Aktenzeichen L 6 SB 84/98
ECLI –
Ergebnis G bejaht
Rechtsprechungsbereich Adipositas / funktionelle Gesamtschau
Senat, Urteil vom 09.03.1999 – L 6 SB 84/98 –
Fundstellen / Quellenangabe Landessozialgericht für das Land Nordrhein-Westfalen 6.
Senat, Urteil vom 09.03.1999 – L 6 SB 84/98 –
Quellenstatus Volltext / Primärquelle verfügbar.
Kernaussage
Mit seiner noch im Juli 1998 eingegangenen Berufung hat der Beklagte gemeint, die Voraussetzungen
für die Feststellung des Merkzeichens G könnten beim Kläger nicht festgestellt werden. Zwar werde
nicht bestritten, dass auch eine schmerzbedingte Einschränkung des Gehvermögens ebenfalls zur
Feststellung des Nachteilsausgleichs "G" führen könne. Eine solche könne aber allein aufgrund des
Gutachtens von Dr. H ... nicht im erforderlichen Umfang festgestellt werden, so dass eine
entsprechende weitere Beweisaufnahme angeregt werde. Nach den Befunden sei ein GdB von 50 für
die unteren Extremitäten einschließlich der Wirbelsäule nicht zu rechtfertigen. Im übrigen sei ein Teil
des unbeholfenen Gangbildes im Zweifel auf das erhebliche Übergewicht zurückzuführen
(versorgungsärztliche Stellungnahme von Dr. R ..., M ..., vom 11. Januar 1999).
Entscheidende Gründe
Mit seiner noch im Juli 1998 eingegangenen Berufung hat der Beklagte gemeint, die Voraussetzungen
für die Feststellung des Merkzeichens G könnten beim Kläger nicht festgestellt werden. Zwar werde
nicht bestritten, dass auch eine schmerzbedingte Einschränkung des Gehvermögens ebenfalls zur
Feststellung des Nachteilsausgleichs "G" führen könne. Eine solche könne aber allein aufgrund des
Gutachtens von Dr. H ... nicht im erforderlichen Umfang festgestellt werden, so dass eine
entsprechende weitere Beweisaufnahme angeregt werde. Nach den Befunden sei ein GdB von 50 für
die unteren Extremitäten einschließlich der Wirbelsäule nicht zu rechtfertigen. Im übrigen sei ein Teil
des unbeholfenen Gangbildes im Zweifel auf das erhebliche Übergewicht zurückzuführen
(versorgungsärztliche Stellungnahme von Dr. R ..., M ..., vom 11. Januar 1999).
Erheblich gehbehindert ist, wer infolge einer Einschränkung des Gehvermögens ... nicht ohne
erhebliche Schwierigkeiten ... Weg strecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise
noch zu Fuß zurückgelegt werden. Dies ist der Fall, wenn eine Wegstrecke von 2000 Metern nicht
mehr in etwa 30 Minuten zurückgelegt werden kann (BSGE 62, 273, 277 = SozR 3870 § 60 Nr. 2), was
sich nunmehr auch aus den für die Beurteilung maßgeblichen
Diese konkret individuelle Einschätzung des Sachverständigen steht auch mit den angesprochenen
Vermutungstatbeständen in Ziffer 30 der AP 96 in Einklang. Danach können u. a. die
Voraussetzungen für die Annahme einer "erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im
Straßenverkehr" infolge einer behinderungsbedingten Einschränkung des Gehvermögens bei
Behinderungen an den unteren Gliedmaßen mit einem GdB unter 50 gegeben seien, wenn diese
Behinderungen sich auf die Gehfähigkeit besonders auswirken. Dies ist hier der Fall, weil beim Kläger
im Bereich der unteren Glied maßen - einschließlich der Lendenwirbelsäule - sich auf die Gehfähigkeit
besonders auswirkende Behinderungen vorliegen, die bei isolierter Betrachtung mit einem -
hypothetischen - GdB von 40 zu bewerten wären. Wenn ein solcher GdB auch nicht - wie der
Sachverständige offenbar meint - automatisch zu Annahme einer erheblichen Gehbehinderung führt,
so ist doch sein Urteil zur Vergleichbarkeit mit den in Ziffer 30 (3) AP genannten Fallgruppen, wo am
Ende ebenfalls Behinderungen mit Einzel-GdB-Werten von 40 genannt sind, nachvollziehbar. Die
konkrete Auswirkung auf die Funktion "Gehen" setzt er mit denjenigen bei ausgeprägten
Knorpelschäden der Kniegelenke beider Beine mit Bewegungseinschränkung (Ziffer 26.18 S. 152 AP
96) gleich, wofür ebenfalls ein GdB von 40 sachgerecht sei.
Das SG hat zu Recht entschieden, dass der Kläger durch die Be scheide vom 09. Januar und 14.
Februar 1997 beschwert ist, weil diese rechtswidrig sind, § 54 Abs. 2 Satz 1 Sozialgerichtsgesetz
(SGG). Denn der Kläger hat wieder einen Anspruch auf Feststellung des Nachteilsausgleichs "G" und
Eintragung des Merkzeichens G in seinen Schwerbehindertenausweis, §§ 4 Abs. 4, 60 Abs. 1 Satz 1
Schwerbehindertengesetz (SchwbG), 3 Abs. 2 Ausweisverordnung Schwerbehindertengesetz
(SchwbAwV). Aufgrund des Ergebnisses der Beweisaufnahme steht nämlich zur Überzeugung des
Senates fest, dass der Kläger wegen seiner die Fortbewegungsfähigkeit dauerhaft einschränkenden
Funktionsstörungen in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt ist, § 60
Abs. 1 Satz 1 SchwbG.
Bedeutung für das Merkzeichen G
Die Entscheidung ist eine positive Anwendungsentscheidung aus dem Bereich „Adipositas /
funktionelle Gesamtschau“. Für die heutige Prüfung ist vor allem der in Leitsatz/Orientierungssatz und
Entscheidungsgründen konkretisierte funktionelle Maßstab bedeutsam; die Diagnose allein ersetzt die
Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen auf Bewegungsfähigkeit, Gehvermögen oder Orientierung
nicht.
Rechtslage im Entscheidungszeitpunkt
Entscheidungszeitpunkt vor Inkrafttreten des SGB IX; maßgeblich waren das
Schwerbehindertengesetz und die damaligen AHP. Die tragenden funktionellen Grundsätze sind in die
heutige Systematik von § 229 SGB IX und Teil D Nr. 1 VMG übergegangen.
Übertragbarkeit auf die heutige Rechtslage
Die Terminologie stammt teilweise aus dem SchwbG/AHP-System. Die funktionelle Kernaussage bleibt
jedoch regelmäßig relevant, soweit sie mit § 229 SGB IX und Teil D Nr. 1 VMG übereinstimmt.
Querverweise
• BSG 9. Senat – 24.04.2008 – B 9/9a SB 7/06 R: BSG 2008 – Adipositas und Zusammenwirken
• Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen 13. Senat – 20.08.2025 – L 13 SB 31/24: LSG 2025 –
restriktive Vorentscheidung
• Bundessozialgericht – 11.06.2026 – B 9 SB 1/25 R: BSG 2026 – LSG aufgehoben, G bejaht
Vollständiger Entscheidungstext
L 6 SB 84/98
Gericht Landessozialgericht Kategorie Urteil Nordrhein-Westfalen
Datum 19.06.1998 Sachgebiet Entschädigungs-/Schwerbehin dertenrecht
Relationen Instanz Gericht Aktenzeichen Datum
1. Instanz Sozialgericht Düsseldorf S 29 SB 97/97 19.06.1998
2. Instanz Landessozialgericht L 6 SB 84/98 09.03.1999 Nordrhein-Westfalen
Entscheidungstext Die Berufung des Beklagten gegen das Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf vom
19. Juni 1998 wird zurückgewiesen. Der Beklagte hat dem Kläger auch die außergerichtlichen Kosten
des zweiten Rechtszuges zu erstatten. Die Revision wird nicht zugelassen.
Tatbestand:
Streitig ist, ob die Voraussetzungen des Nachteilsausgleichs "erhebliche Beeinträchtigung der
Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr - sog. "erhebliche Gehbehinderung" - " (im folgenden:
Nachteilsausgleich "G"), beim Kläger wieder vorliegen.
Der im April 1936 geborene Kläger ist seit 1978 als Schwerbehinderter anerkannt. Nachdem früher
ein GdB von 60 sowie der Nach teilsausgleich "G" anerkannt waren (Bescheide vom 09. Oktober
1978, 28. Juli 1981 und 07. März 1985), wurde mit dem letzten bindenden Bescheiden nur noch ein
GdB von 50 wegen der Behinderung
1. Funktionseinschränkung der Beine bei Hüft-, Knie- u. Sprungelenksverschleiß, Fußverformung nach
wiederholtem Unterschenkelbruch,
2. Verschleiß der Wirbelsäule mit Nervenreizung und Bewegungseinschränkung bei Kalksalzmangel,
3. Depressive Verstimmung mit somatischen Störungen,
4. Nasennebenhöhlenentzündung,
5. Funktionsstörung der Schultergelenke
festgestellt und die gesundheitlichen Merkmale für die Inanspruchnahme des Nachteilsausgleiches
"G" verneint (Bescheide vom 30. Juli 1990 und 26. Juli 1995).
Im September 1996 beantragte der Kläger erneut, eine "erhebliche Beeinträchtigung der
Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr" festzustellen. Nach Auswertung eines Berichtes des
behandelnden praktischen Arztes Dr. v ... H ... lehnte der Beklagte den Antrag ab, weil die
Voraussetzungen für die Inanaspruchnahme von "G" weiter nicht vorlägen (Bescheid vom 09. Januar
1997; Widerspruchsbescheid vom 04. Februar 1997).
Mit seiner Klage vom 13. Februar 1997 hat der Kläger sein Begehren weiterverfolgt und behauptet,
aufgrund seiner Behinderungen Weg strecken von mehr als 500 Meter nicht zu Fuß zurücklegen zu
können. Bereits nach wenigen Metern sei er gezwungen, eine Pause einzulegen.
Er hat beantragt,
den Beklagten unter Abänderung des Bescheides vom 09. Januar 1997 in der Gestalt des
Widerspruchsbescheides vom 14. Februar 1997 zu verurteilen, bei ihm ab September 1996 den
Nachteilsausgleich "erhebliche Gehbehinderung" festzustellen.
Der Beklagte hat beantragt,
die Klage abzuweisen.
Er hat gemeint, eine Vergleichbarkeit zu denjenigen Funktionsstörungen, bei denen der
Nachteilsausgleich "G" festgestellt werden könne, sei beim Kläger nicht gegeben.
Aufgrund der Beurteilung des Sachverständigen Dr. H ..., Arzt für Orthopädie aus N ..., der Kläger sei
aufgrund der zunehmenden arthrotischen Veränderungen mit glaubhafter Belastungsinstabilität in
seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr so erheblich beeinträchtigt, dass er Wegstrecken im
Ortsverkehr bis zu 2 km Länge nicht mehr innerhalb von 30 Minuten zu Fuß zurücklegen könne, da er
nach 300 bis 400 Metern glaubhaft unzumutbare Schmerzen aufträten, hat das SG den Beklagten
antragsgemäß verurteilt (Urteil vom 19. Juni 1998, dem Beklagten am 15. Juli 1998 zugestellt).
Mit seiner noch im Juli 1998 eingegangenen Berufung hat der Beklagte gemeint, die Voraussetzungen
für die Feststellung des Merkzeichens G könnten beim Kläger nicht festgestellt werden. Zwar werde
nicht bestritten, dass auch eine schmerzbedingte Einschränkung des Gehvermögens ebenfalls zur
Feststellung des Nachteilsausgleichs "G" führen könne. Eine solche könne aber allein aufgrund des
Gutachtens von Dr. H ... nicht im erforderlichen Umfang festgestellt werden, so dass eine
entsprechende weitere Beweisaufnahme angeregt werde. Nach den Befunden sei ein GdB von 50 für
die unteren Extremitäten einschließlich der Wirbelsäule nicht zu rechtfertigen. Im übrigen sei ein Teil
des unbeholfenen Gangbildes im Zweifel auf das erhebliche Übergewicht zurückzuführen
(versorgungsärztliche Stellungnahme von Dr. R ..., M ..., vom 11. Januar 1999).
Der Beklagte beantragt,
das Urteil des Sozialgerichts Düsseldorf vom 19.06.1998 abzuändern und die Klage
abzuweisen.
Der Kläger beantragt,
die Berufung zurückzuweisen.
Er hält das angefochtene Urteil für zutreffend.
Wegen der Darstellung der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes, insbesondere wegen
vom Senat eingeholten ergänzen den Stellungnahmen des Sachverständigen Dr. H ... vom 26.
Oktober und 04. Dezember 1998 sowie 06. Februar 1999 wird auf den Inhalt der Gerichtsakten, den
Inhalt der beigezogenen Verwaltungsakten des Beklagten (Gz.: 61-07148-8), der Akten der LVA
Rheinprovinz sowie der Vorprozeßakten des SG Düsseldorf Az.: S 29 V 343/91; S 8 J 63/90; S 5 J 92/73
und S 5 J 148/82) Bezug genommen; sämtliche Akten sind Gegenstand der mündlichen Verhandlung
gewesen.
Entscheidungsgründe:
Die Berufung ist unbegründet.
Das SG hat zu Recht entschieden, dass der Kläger durch die Be scheide vom 09. Januar und 14.
Februar 1997 beschwert ist, weil diese rechtswidrig sind, § 54 Abs. 2 Satz 1 Sozialgerichtsgesetz
(SGG). Denn der Kläger hat wieder einen Anspruch auf Feststellung des Nachteilsausgleichs "G" und
Eintragung des Merkzeichens G in seinen Schwerbehindertenausweis, §§ 4 Abs. 4, 60 Abs. 1 Satz 1
Schwerbehindertengesetz (SchwbG), 3 Abs. 2 Ausweisverordnung Schwerbehindertengesetz
(SchwbAwV). Aufgrund des Ergebnisses der Beweisaufnahme steht nämlich zur Überzeugung des
Senates fest, dass der Kläger wegen seiner die Fortbewegungsfähigkeit dauerhaft einschränkenden
Funktionsstörungen in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt ist, § 60
Abs. 1 Satz 1 SchwbG.
Dabei kommt es nicht darauf an, ob im Vergleich zum Juli 1990 eine wesentliche Änderung im Sinne
der Verschlimmerung eingetreten ist, weil es sich bei der damals erfolgten Entziehung des
Nachteilsausgleichs "G" nicht um einen Verwaltungsakt mit Dauerwirkung im Sinne des § 48 Abs. 1
Sozialgesetzbuch Zehntes Buch handelt (vgl. Urteil des Senats vom 31. Mai 1994 - Az.: L 6 VS 111/93
- Seite 11 f mit weiteren Nachweisen). In diesem Zusammenhang ist es daher ohne Bedeutung, dass
Dr. J ... in seinem im Vorprozeß erstatteten Gut achten vom 25. Januar 1995 bereits gemeint hat, der
Kläger benötige bei mangelnder Übung und deutlicher muskulärer Insuffizienz für eine 2 km lange
Gehstrecke zunächst mehrere Pausen, werde aber im Sinne des Trainingseffektes auch diese
Gehstrecken bald problemlos bewältigen können, was zumindest denkbar erscheinen läßt, dass
bereits damals eine erhebliche Gehbehinderung vorlag. Jedenfalls hat neben dem Gutachten von Dr.
H ... insbesondere das für die LVA Rheinprovinz erstellte Gutachten von Dr. H ... aus K ... vom
20.01.1997 dokumentiert, dass entgegen den Erwartungen von Dr. J ... zwischenzeitlich eine noch
weitergehende Beeinträchtigung der Gehfähigkeit vorliegt.
Erheblich gehbehindert ist, wer infolge einer Einschränkung des Gehvermögens ... nicht ohne
erhebliche Schwierigkeiten ... Weg strecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise
noch zu Fuß zurückgelegt werden. Dies ist der Fall, wenn eine Wegstrecke von 2000 Metern nicht
mehr in etwa 30 Minuten zurückgelegt werden kann (BSGE 62, 273, 277 = SozR 3870 § 60 Nr. 2), was
sich nunmehr auch aus den für die Beurteilung maßgeblichen
Anhaltspunkten für die ärztliche Gutachtertätigkeit im sozialen Entschädigungsrecht und nach dem
Schwerbehindertengesetz 1996 (im folgen den: AP) Ziffer 30 (2) 2. Abs. (S. 165) ergibt.
Die AP beschreiben in Ziffer 30 Absätze 3 bis 6 (S. 166 f.) Regelfälle, bei denen nach dem allgemein
anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse die Voraussetzungen für den Nachteilsausgleich
"G" als erfüllt anzusehen sind und die bei dort nicht ausdrücklich erwähnten Behinderungen als
Vergleichsmaßstab dienen können (BSG SozR - 3870 § 60 Nr. 2; zuletzt BSG, Urteil vom 27. August
1998 - Az.: B 9 SB 13/97 R - S. 59). Bei dort nicht ausdrücklich erwähnten Behinderungen ist eine
erhebliche Gehbehinderung dann anzunehmen, wenn die festgestellten körperlichen
Regelwidrigkeiten die Gehfähigkeit derart allgemein beeinträchtigt wie in den AP 96 beispielhaft
genannten Fällen (BSG a.a.O.). Dies ist beim Kläger der Fall.
Soweit der Sachverständige Dr. H ... aus den von ihm erhobenen Befunden, insbesondere den
dauerhaften körperlichen Regelwidrigkeiten im Bereich der unteren Extremitäten einschließlich der
Lendenwirbelsäule, gefolgert hat, dass der Kläger wegen der Schmerzen aufgrund arthrotischer
Veränderungen und glaubhafter Belastungsinstabilität eine Wegstrecke von 2000 Metern nicht mehr
innerhalb von 30 Minuten zu Fuß zurücklegen könne, hat der Senat keine Be denken, sich dieser
Einschätzung anzuschließen, durch die die vom Kläger und seinem Hausarzt Dr. v ... H ... geschilderte
Limitierung der zu Fuß zurückzulegenden Wegstrecke bestätigt wird. Wegen der Begründung nimmt
der Senat insoweit auf die zutreffenden, überzeugenden Gründe des angefochtenen Urteils Bezug, die
er sich zu eigen macht, § 153 Abs. 2 SGG.
Diese konkret individuelle Einschätzung des Sachverständigen steht auch mit den angesprochenen
Vermutungstatbeständen in Ziffer 30 der AP 96 in Einklang. Danach können u. a. die
Voraussetzungen für die Annahme einer "erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im
Straßenverkehr" infolge einer behinderungsbedingten Einschränkung des Gehvermögens bei
Behinderungen an den unteren Gliedmaßen mit einem GdB unter 50 gegeben seien, wenn diese
Behinderungen sich auf die Gehfähigkeit besonders auswirken. Dies ist hier der Fall, weil beim Kläger
im Bereich der unteren Glied maßen - einschließlich der Lendenwirbelsäule - sich auf die Gehfähigkeit
besonders auswirkende Behinderungen vorliegen, die bei isolierter Betrachtung mit einem -
hypothetischen - GdB von 40 zu bewerten wären. Wenn ein solcher GdB auch nicht - wie der
Sachverständige offenbar meint - automatisch zu Annahme einer erheblichen Gehbehinderung führt,
so ist doch sein Urteil zur Vergleichbarkeit mit den in Ziffer 30 (3) AP genannten Fallgruppen, wo am
Ende ebenfalls Behinderungen mit Einzel-GdB-Werten von 40 genannt sind, nachvollziehbar. Die
konkrete Auswirkung auf die Funktion "Gehen" setzt er mit denjenigen bei ausgeprägten
Knorpelschäden der Kniegelenke beider Beine mit Bewegungseinschränkung (Ziffer 26.18 S. 152 AP
96) gleich, wofür ebenfalls ein GdB von 40 sachgerecht sei.
Der Senat sieht - anders als der Beklagte - keine Veranlassung, an der Richtigkeit dieser
vergleichenden Bewertung zu zweifeln. Unstreitig liegt - wie auch dieser einräumt - eine
schmerzbedingte Limitierung der zumutbaren Wegstrecke, die insbesondere auf die nachvollziehbare
schmerzhafte Belastungsinstabilität an den unteren Sprunggelenken zurückzuführen ist, vor. Wenn
der Beklagte - und zunächst auch Dr. H ... - hier für das Funktionssystem Beine einen GdB von 30
annehmen, erscheint bereits dieser Wert etwas knapp bemessen. So hatte Dr. J ... im Vorprozeß im
Juli 1993 allein für die progredienten Auswirkungen der posttraumatischen Arthrose des rechten
Sprunggelenkes bereits einen GdB von 30 für zutreffend gehalten. Auch deutet der von Dr. H ... in
seiner Stellungnahme vom 06. Februar 1990 vorgenommene Vergleich mit ausgeprägten
Knorpelschäden der Kniegelenke mit Bewegungseinschränkungen eher darauf hin, dass hier bereits
der Vergleichswert von 40
zutreffend ist. Jedenfalls ergibt sich ein solcher Vergleichswert dann, wenn man die zusätzlichen, von
der Lendenwirbelsäule ausgehenden Beeinträchtigungen (Bewegungseinschränkung; ausgeprägte
Haltungsinsuffizienz bei muskulärem Defizit) mitberücksichtigt. Denn diese wirken sich nach den
Ausführungen des Sachverständigen ungünstig auf die Belastungsstabilität der unteren Extremitäten
und damit auf die Gehfähigkeit aus und stehen, wie neben Dr. H ... vor allem der behandelnde
Orthopäde Dr. L ... und Dr. H ... aber auch Dr. O ... in ihrer Stellungnahme vom 30.12.1998 bestätigen,
ganz im Vordergrund der Wirbelsäulenbeschwerden.
Die Kostenentscheidung beruht auf §§ 183, 193 Abs. 1 SGG.
Anlaß, die Revision zuzulassen, besteht nicht, § 160 Abs. 2 SGG. Insbesondere ist die Rechtssache
nicht von grundsätzlicher Bedeutung, weil für die Entscheidung die besonderen Umstände des
Einzelfalles maßgeblich sind.