06.11.2019 – L 13 SB 114/18
Merkzeichen G · Rechtsprechungsseite
Entscheidung / Quellenstand
Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen 13. Senat,
06.11.2019 – L 13 SB 114/18
Merkzeichen G · 2-km-Regel / orthopädischer Vergleichsmaßstab
Warum 2 km in 30 Minuten kein isolierter Gehstreckentest
sind
Einordnung:
Besonders klare Aussage, dass die bloße tatsächliche Fähigkeit oder Unfähigkeit, zwei Kilometer in 30
Minuten zu gehen, nicht vorrangig allein entscheidet. Maßgeblich ist die spezifische
behinderungsbedingte Funktionsstörung.
Gericht Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen 13. Senat
Datum 06.11.2019
Aktenzeichen L 13 SB 114/18
ECLI ECLI:DE:LSGNIHB:2019:1106.L13SB114.18.00
Ergebnis G verneint; erstinstanzliche Zuerkennung aufgehoben
Rechtsprechungsbereich 2-km-Regel / orthopädischer Vergleichsmaßstab
November 2019 – L 13 SB 114/18 –,
Fundstellen / Quellenangabe Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen, Urteil vom 6.
November 2019 – L 13 SB 114/18 –,
Quellenstatus Volltext / Primärquelle verfügbar.
Kernaussage
Im Rahmen der Entscheidung über die Feststellung des Merkzeichens G kann regelmäßig nicht
vorrangig auf die Frage abgestellt werden, ob die zu beurteilende Person in der Lage ist, zwei
Kilometer in 30 Minuten zurückzulegen. Orientierungssatz Liegen behinderungsbedingte
Einschränkungen des Gehvermögens vor, die nicht bereits mit einem Einzel-GdB von 50 zu bewerten
sind, so sind nach dem Zusammenhang der VMG die beispielhaft genannten Fälle etwa der
Versteifung des Hüftgelenks oder der Versteifung des Knieoder Fußgelenks in ungünstiger Stellung
heranzuziehen (hier verneint).
Entscheidende Gründe
Nach Teil D Nr. 1 d VMG fordert der Verordnungsgeber regelmäßig, dass auf die Gehfähigkeit sich
auswirkende Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen und/oder der Lendenwirbelsäule für sich
einen GdB von wenigstens 50 bedingen. Diese Vorgabe ist im Ausgangspunkt rechtmäßig und zu
beachten; so hat das BSG (Urteil vom 11. August 2015 – B 9 SB 1/14 R – ) etwa ausdrücklich
ausgeführt, der Verordnungsgeber sei für künftige Fälle nicht daran gehindert, die Voraussetzungen
des Merkzeichens G dadurch einzuschränken, dass er für Fälle psychischer Gehbehinderungen einen
Einzel-GdB von z. B. 70 verlange. Entsprechend ist es ihm auch nicht verwehrt, für
Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen bzw. der LWS für den Regelfall einen Mindest- GdB zu
fordern, hier einen solchen von 50. Ist ein solcher nicht gegeben, muss eine Einzelfallprüfung des
Gesamtzustandes ergeben, dass im Wege einer Gleichstellung auf dieses Kriterium verzichtet werden
kann (vgl. den Text von Teil D Nr. 1 d VMG – Versteifung des Hüftgelenks oder Versteifung des Knie-
oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung – sowie BSG, Urteil vom 24. April 2008 – B 9/9a SB 7/06 R –
– funktionelle Auswirkungen einer hinzutretenden Adipositas per magna). Insgesamt ist das
Gehvermögen des Menschen keine statische Messgröße, sondern wird von verschiedenen Faktoren
geprägt und variiert. Von diesen Faktoren bleiben all jene außer Betracht, welche die
Bewegungsfähigkeit des schwerbehinderten Menschen im Straßenverkehr nicht infolge einer
behinderungsbedingten Einschränkung des Gehvermögens, auch durch innere Leiden, oder infolge
von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit, sondern möglicherweise aus anderen
Gründen erheblich beeinträchtigen (so bereits BSG, Urteil
Gemäß den in den VMG niedergelegten Grundsätzen für die Feststellung der gesundheitlichen
Voraussetzungen für den Nachteilsausgleich G (Teil D Nr. 1 b) ist ein schwerbehinderter Mensch in
seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt, der infolge einer
Einschränkung des Gehvermögens, auch durch innere Leiden, oder infolge von Anfällen oder von
Störungen der Orientierungsfähigkeit, nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder nicht ohne
Gefahren für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise
noch zu Fuß zurückgelegt werden. Bei der Prüfung der Frage, ob diese Voraussetzungen vorliegen,
kommt es nicht auf die konkreten örtlichen Verhältnisse des Einzelfalles an, sondern darauf, welche
Wegstrecken allgemein - d. h. altersunabhängig von nicht behinderten Menschen - noch zu Fuß
zurückgelegt werden. Als ortsübliche Wegstrecke in diesem Sinne gilt eine Strecke von etwa zwei
Kilometern, die in etwa einer halben Stunde zurückgelegt wird. Nach Teil D Nr. 1 d VMG sind die
Voraussetzungen für die Annahme einer erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im
Straßenverkehr infolge einer behinderungsbedingten Einschränkung des Gehvermögens als erfüllt
anzusehen, wenn auf die Gehfähigkeit sich auswirkende Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen
und/oder der Lendenwirbelsäule bestehen, die für sich einen GdB von wenigstens 50 bedingen.
Darüber hinaus können die Voraussetzungen bei Behinderungen an den unteren Gliedmaßen mit
einem GdB unter 50 gegeben sein, wenn diese Behinderungen sich auf die Gehfähigkeit besonders
auswirken, z. B. bei Versteifung des Hüftgelenks, Versteifung des Knie- oder Fußgelenks in
ungünstiger Stellung, arteriellen Verschlusskrankheiten mit einem GdB von 40. Auch bei inneren
Leiden kommt es bei der Beurteilung entscheidend auf die Einschränkung des Gehvermögens an.
Dementsprechend ist eine erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit vor allem bei
Herzschäden mit Beeinträchtigung der Herzleistung wenigstens nach Gruppe 3 und bei
Atembehinderungen mit dauernder Einschränkung der Lungenfunktion wenigstens mittleren Grades
anzunehmen. Auch bei anderen inneren Leiden mit einer schweren Beeinträchtigung der körperlichen
Leistungsfähigkeit, z. B. chronische Niereninsuffizienz mit ausgeprägter Anämie, sind die
Voraussetzungen als erfüllt anzusehen.
Das Humpeln des Klägers mit der logischen Folge bestehender Auswirkungen auf das Gehvermögen
ist glaubhaft. Dies ergibt sich aus vielfältigen ärztlichen Unterlagen in den Gerichtsakten; der Kläger
ist mehrfach begutachtet worden. Demnach dürfte es feststehen, dass seine Gehfähigkeit aufgrund
der Verletzungsfolgen des linken oberen Sprunggelenks spürbar eingeschränkt ist (vgl. Gutachten Dr.
K. vom 30. Juli 2015, S. 26 ff.; Dr. Q. vom 8. Januar 2016, S. 12 f.; Dr. O. vom 18. Juli 2017, S. 20 f.).
Hinzu kommt eine glaubhafte erhebliche Schmerzsymptomatik; insoweit wird auf die Darstellung auf
Seite 9 des Urteils des SG Osnabrück vom 13. September 2018 verwiesen, die auch der Senat seiner
Einschätzung zugrunde legt. Eine Höherbewertung als mit einem Einzel-GdB von 30 kommt insoweit
allerdings nach Teil B Nr. 18.14 VMG nicht in Betracht. Die Wirbelsäulenbeschwerden sind mit einem
Einzel-GdB von 30 günstig bewertet und wirken insoweit im Wesentlichen nicht verstärkend.
Liegen – wie im Falle des Klägers – behinderungsbedingte Einschränkungen des Gehvermögens vor,
die nicht bereits mit einem Einzel-GdB von 50 zu bewerten sind, so sind nach dem Zusammenhang
der VMG die beispielhaft genannten Fälle etwa der Versteifung des Hüftgelenks oder der Versteifung
des Knie- oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung heranzuziehen.
Bedeutung für das Merkzeichen G
Besonders klare Aussage, dass die bloße tatsächliche Fähigkeit oder Unfähigkeit, zwei Kilometer in 30
Minuten zu gehen, nicht vorrangig allein entscheidet. Maßgeblich ist die spezifische
behinderungsbedingte Funktionsstörung.
Rechtslage im Entscheidungszeitpunkt
Die Entscheidung beruht bereits auf der heutigen Grundstruktur der §§ 228, 229 SGB IX in Verbindung
mit Teil D Nr. 1 VMG.
Übertragbarkeit auf die heutige Rechtslage
Grundsätzlich auf heutige Fälle übertragbar. Maßgeblich bleibt stets die konkrete funktionelle
Vergleichbarkeit mit den VMG-Regelfällen und die behinderungsbedingte Ursache der Einschränkung.
Querverweise
• BSG 9a. Senat – 10.12.1987 – 9a RVs 11/87: BSG 1987 – 2 km / ca. 30 Minuten
• Landessozialgericht Baden-Württemberg 3. Senat – 24.10.2018 – L 3 SB 2660/16:
Trainingszustand/Tagesform von Behinderungsfolgen trennen
Vollständiger Entscheidungstext
Gericht: Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen 13. Senat Entscheidungsdatum: 06.11.2019
Aktenzeichen: L 13 SB 114/18 ECLI: ECLI:DE:LSGNIHB:2019:1106.L13SB114.18.00 Dokumenttyp:
Urteil Quelle:
Normen: § 229 Abs 1 S 1 SGB 9 2018, § 152 Abs 1 S 1 SGB 9 2018, § 152 Abs 4 SGB 9 2018, § 3 Abs 1
Nr 7 SchwbAwV, Anlage Teil D Nr 1 Buchst b VersMedV ... mehr Niedersachsen-Bremen, Urteil vom 6. November 2019 – L 13 SB 114/18 –,
Schwerbehindertenrecht - Merkzeichen G - erhebliche Gehbehinderung - Gehvermögen - Zurücklegen
einer Wegstrecke von zwei Kilometern in 30 Minuten - objektive Wegefähigkeit nicht entscheidend -
Erfordernis einer spezifischen Gehbehinderung - Versorgungsmedizinische Grundsätze -
gehfähigkeitsbezogener GdB von 50 - Gleichstellung - Regelbeispiele - Vergleichbarkeit
Leitsatz
Im Rahmen der Entscheidung über die Feststellung des Merkzeichens G kann regelmäßig nicht
vorrangig auf die Frage abgestellt werden, ob die zu beurteilende Person in der Lage ist, zwei
Kilometer in 30 Minuten zurückzulegen.
Orientierungssatz
Liegen behinderungsbedingte Einschränkungen des Gehvermögens vor, die nicht bereits mit einem
Einzel-GdB von 50 zu bewerten sind, so sind nach dem Zusammenhang der VMG die beispielhaft
genannten Fälle etwa der Versteifung des Hüftgelenks oder der Versteifung des Knie- oder
Fußgelenks in ungünstiger Stellung heranzuziehen (hier verneint).
Verfahrensgang
vorgehend SG Osnabrück, 13. September 2018, S 35 SB 225/14, Urteil
Tenor
Das Urteil des Sozialgerichts Osnabrück vom 13. September 2018 wird geändert, soweit der Beklagte
verurteilt worden ist, bei dem Kläger das Merkzeichen G festzustellen. Die Klage wird auch insoweit
abgewiesen.
Der Beklagte hat dem Kläger 1/3 der notwendigen außergerichtlichen Kosten des Widerspruchs- und
Klageverfahrens, für das Berufungsverfahren keine Kosten zu erstatten.
Die Revision wird nicht zugelassen.
Tatbestand
Der Beklagte wendet sich gegen die seitens des Sozialgerichts (SG) Osnabrück ausgesprochene
Verpflichtung, bei dem Kläger das Merkzeichen G festzustellen.
Der 1961 geborene Kläger litt bereits seit Jahren unter Wirbelsäulenbeschwerden. Insoweit war
bereits seit langer Zeit ein Grad der Behinderung (GdB) von 30 anerkannt. Nachfolgend erlitt der
Kläger am 4. Dezember 2012 als Fahrer eines Pkw einen unverschuldeten Verkehrsunfall mit einem
Geisterfahrer, bei dem der Kläger und seine als selbständige Physiotherapeutin tätige Ehefrau
erheblich verletzt wurden; der Kläger selbst erlitt insbesondere eine Fraktur im Bereich des linken
Fußes mit verbleibenden Folgeschäden. Im Juni 2013 wurde bei ihm zudem eine
Hodenkrebserkrankung festgestellt. Eine ebenfalls bestehende psychische Gesundheitsstörung war
zu dieser Zeit noch nicht diagnostiziert und ist erst im Rahmen der Begutachtungen im vorliegenden
Rechtsstreit herausgearbeitet worden.
Am 10. Juli 2013 stellte der Kläger den Neufeststellungsantrag, der den Ausgangspunkt des hier
vorliegenden Rechtsstreits bildet, u. a. gerichtet auf Feststellung des Merkzeichens G. Die bereits
festgestellte Hodenkrebserkrankung erwähnte er erst in der Widerspruchsschrift vom 17. Dezember
2013, zuvor blieb sie dem Beklagten unbekannt. Aufgrund eines bei dem Verkehrsunfall erlittenen
Mittelfußbruchs empfahl der Ärztliche Dienst des Beklagten zunächst die Feststellung eines
Einzel-GdB von 20. Am 30. Oktober 2013 erfolgte eine weitere Operation der Fußfraktur. Mit Bescheid
vom 11. November 2013 stellte der Beklagte den GdB des Klägers mit 40 neu fest, dies unter
Zugrundelegung der Wirbelsäulenbeschwerden mit einem Einzel-GdB von 30 und der
Funktionseinschränkung aufgrund des Mittelfußbruchs mit Überlastung des linken Sprunggelenks mit
einem Einzel-GdB von 20. Nach Mitteilung der Hodenkrebserkrankung im Widerspruchsverfahren
wurde für diese seitens des Ärztlichen Dienstes ein Einzel-GdB von 50 empfohlen. Dies führte gemäß
Teilabhilfebescheid vom 5. März 2014 zur Feststellung eines GdB von 60. Den nach Erlass des
Teilabhilfebescheides noch verbliebenen Widerspruch – u. a. gerichtet auf die Feststellung des
Merkzeichens G – wies der Beklagte durch Widerspruchsbescheid vom 27. März 2014 zurück.
Der Kläger hat am 25. April 2014 Klage erhoben. Er hat ein Gutachten des Medizinischen Dienstes der
Krankenversicherung (MDK) Niedersachsen vom 21. Mai 2014 – Dr. J. – vorgelegt. Dort ist zum Unfall
ausgeführt, neben der Fußfraktur sei es auch zu Rippenserienfrakturen, Schulterfrakturen und
Ellenbogenfrakturen gekommen. Die Verletzungen im Bereich der oberen Extremitäten seien
ausgeheilt, im Fußbereich hätten sich die anfänglichen Schmerzen im Bereich des Vorfußes mehr in
den Bereich des oberen Sprunggelenkes hingezogen. Der Kläger gebe eine Gehstrecke von ca. 200
bis 300 Metern in fünf Minuten an, dann komme es zu starken Schmerzen, die ihn am Weitergehen
hinderten.
Das SG Osnabrück hat ein Sachverständigengutachten der Fachärztin für Orthopädie und
Unfallchirurgie sowie spezielle Schmerztherapie Dr. K. eingeholt, das diese unter dem 30. Juli 2015
erstattet hat. Auch dort hat der Kläger berichtet, im Vordergrund stünden Schmerzen im Bereich des
linken Fußes. Zunächst habe er ständig Schmerzen im linken Fuß gehabt, am 30. Oktober 2013 sei
eine Versteifung im Bereich des Fußes durchgeführt worden. Er habe dann im weiteren Verlauf
zunehmend Schmerzen im Fuß bekommen, nach zehn Minuten Gehen nehme der Schmerz zu. Die
Sachverständige hat ausgeführt, im Rahmen der Gewichtskontrolle sei es dem Kläger möglich
gewesen, einen Weg von 70 Metern zu gehen, dabei falle ein links humpelndes Gangbild auf. Die
Treppe, eine Etage, werde hinkend bewältigt. Der linke Fuß werde nachgezogen. Während der
ganzen Zeit finde sich ein links hinkendes Gangbild. Wegen des Wirbelsäulenbefundes wird auf Seite
15 des Gutachtens verwiesen. Die Sachverständige hat den Schwerpunkt der Beschwerden des
Klägers im Bereich des linken Fußes nach Arthrose und Versteifungsoperation gesehen, es bestünden
dort deutliche Funktionseinschränkungen sowie darüber hinaus ein chronisches Schmerzsyndrom. Die
Funktionseinschränkung des oberen Sprunggelenkes sei erheblich und beinhalte ein
Bewegungsausmaß für Fußhebung und Fußsenkung von 5/0/0, die Beweglichkeit des unteren
Sprunggelenks sei uneingeschränkt, darüber hinaus fänden sich erhebliche Beschwerden im Bereich
des Vorfußes. Von Seiten der Wirbelsäule bestünden rezidivierende Beschwerden, es fänden sich
jedoch nur geringe funktionelle Einschränkungen. Diesbezüglich sei ein Einzel-GdB von 20
gerechtfertigt, im Bereich des linken Fußes aufgrund der Bewegungseinschränkungen im oberen
Sprunggelenk nunmehr ein solcher von 30. Insgesamt bestehe auf orthopädischem Fachgebiet ein
GdB von 40, wobei die Geringfügigkeit der Funktionseinschränkungen der Wirbelsäule auch an
anderen Stellen im Gutachten nochmals betont wird. Dies hat der Ärztliche Dienst des Beklagten – Dr.
L. – zum Anlass genommen, die Wirbelsäulenbeschwerden lediglich mit einem Einzel-GdB von 10 zu
gewichten. Der GdB von 30 hinsichtlich der Beschwerden des linken Fußes ist dort hingegen
akzeptiert worden. Im Übrigen hat die Sachverständige Dr. K. eine ergänzende
neurologisch-psychiatrische Bewertung empfohlen, da Hinweise auf eine depressive Symptomatik
bestünden und der Kläger zudem eine Migräneerkrankung angegeben habe.
Nachfolgend hat sich der Kläger in Behandlung der Psychotherapeutin M. begeben, erstmals im
Oktober 2015, ab Juli 2016 hat er dort regelmäßige Termine wahrgenommen. Anschließend hat er
sich ab August 2016 auch in Behandlung des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie N.
begeben.
Mit Bescheid vom 1. März 2016 hatte der Beklagte zuvor den Bescheid vom 5. März 2014 insoweit
aufgehoben, als der GdB ab 1. April 2016 mit 30 neu festgestellt worden ist. Grundlage ist die
eingetretene Heilungsbewährung hinsichtlich der Hodenkrebserkrankung gewesen, der GdB von 30
gründet sich auf die Fußbeschwerden. Hieran ist in mehreren Stellungnahmen in der Folgezeit
zunächst festgehalten worden. Eine Erkrankung auf neurologisch-psychiatrischem Fachgebiet ist
insoweit noch nicht thematisiert worden.
Das SG Osnabrück hat ein weiteres Sachverständigengutachten des Facharztes für Neurologie und
Psychiatrie Dr. O. eingeholt, das dieser unter dem 18. Juli 2017 erstattet hat. Er hat eine extrem
schwierige Kindheitsanamnese des Klägers herausgearbeitet, bei jahrelangem Heimaufenthalt und
mangelndem Interesse seiner Mutter und seines Stiefvaters an seiner Person, die ihn erst im Alter von
Jahren zu sich genommen hätten. Er wisse bis heute nicht, warum seine Eltern ihn überhaupt
hätten zuhause haben wollen. Wegen der Einzelheiten wird auf den Inhalt des Gutachtens verwiesen.
Der Sachverständige hat die Beschwerden des linken Fußes aufgrund eines „Morbus Sudeck“ mit
einem Einzel-GdB von 30 bestätigt und zudem hinsichtlich einer psychischen Erkrankung ebenfalls
einen Einzel-GdB von 30 angenommen, insgesamt werde ein GdB von 50 erreicht.
Dieser Bewertung hat der Ärztliche Dienst des Beklagten – Dr. L. – zugestimmt. Daraufhin ist mit
Wirkung ab dem 1. April 2016 der GdB des Klägers gemäß Teilanerkenntnis vom 22. November 2017
mit 50 festgestellt worden. In einer weiteren Stellungnahme des Ärztlichen Dienstes – Dr. P. – vom 20.
November 2017 ist nunmehr ausgeführt, aufgrund einer Begutachtung des Orthopäden Dr. Q. für die
Deutsche Rentenversicherung vom 8. Januar 2016, der u. a. auch mit Schmerzhaftigkeit
einhergehende Einschränkungen der Beweglichkeit im Bereich der linken Sprunggelenke des Klägers
beschrieben hat, solle nunmehr auch der bisher vergebene GdB von 30 hinsichtlich der Beweglichkeit
im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule beibehalten werden. Dieser Einzel-GdB von 30 ist
infolgedessen erneut berücksichtigt worden.
Das SG Osnabrück hat medizinische Unterlagen beigezogen, die dort zu einem anderen Rechtsstreit
der 47. Kammer vorgelegen haben. Gemäß abschließendem Rehabilitationsbericht des R.
Gesundheits- und Rehabilitationszentrums S. in Bezug auf eine Maßnahme vom 5. bis 16. Januar 2015
heißt es u. a., es bestehe ein freies altersentsprechendes Bewegungsausmaß der einzelnen
Wirbelsäulenabschnitte. Nach einem Gutachten des Dr. T. vom 21. August 2014, erstattet gegenüber
einer privaten Versicherungsgesellschaft, ist ausgeführt, abgesehen von den erheblichen
Beschwerden im Bereich des linken Fußes würden auf ausdrückliches Befragen „bezüglich des Stütz-
und Bewegungsapparates, auch in Bezug auf die Wirbelsäule, keine weiteren Beschwerden
vorgebracht“. Zehenstand und -gang seien rechts normgerecht vorführbar, links aber nicht möglich.
Die untere Sprunggelenksbeweglichkeit sei links gegenüber rechts um etwa 1/3 eingeschränkt. Die
oberen wie unteren Sprunggelenke seien vollkommen reizlos. Es bestehe eine heftige
Druckempfindlichkeit im Bereich der gesamten linksseitigen Fußwurzel, zudem hat der
Sachverständige erhebliche Bewegungseinschränkungen aufgelistet, auch bestehe eine deutlich
erkennbare Muskelatrophie links gegenüber rechts. Die unteren Sprunggelenke seien unauffällig.
Insgesamt hat er eine Gebrauchsminderung des linken Beines von 1/4 gesehen. Außerdem findet sich
dort das bereits erwähnte Gutachten des Dr. Q. vom 8. Januar 2016, der die Beweglichkeit im oberen
Sprunggelenk links in allen Richtungen schmerzhaft eingeschränkt gesehen hat und ein deutliches
Schonhinken festgestellt hat.
Mit Urteil vom 13. September 2018 hat das SG Osnabrück die genannten Bescheide des Beklagten
abgeändert, hat den Beklagten verurteilt, bei dem Kläger das Merkzeichen G festzustellen und hat die
über das Teilanerkenntnis hinausgehende Klage im Übrigen abgewiesen. Das SG hat die drei
Einzel-GdB-Werte von 30 für jeweils zutreffend erachtet, ebenso den Gesamt-GdB von 50. Das
Merkzeichen G sei zuzuerkennen. Dies ergebe sich aus den in den Gutachten dargelegten
Einschränkungen der Gehfähigkeit, die das SG im Einzelnen angeführt hat. Wenn auch ein GdB von
50 oder mehr nicht allein für den Bereich der Funktionsbeeinträchtigungen des linken Fußes
festzustellen sei, so sei doch ausweislich der hohen Anzahl an vorliegenden Arztberichten über einen
Zeitraum von mehreren Jahren dokumentiert, dass die Gehfähigkeit des Klägers nicht ausreiche, um
eine ca. zwei Kilometer lange Strecke noch in 30 Minuten zurücklegen zu können.
Gegen das ihm am 26. Oktober 2018 zugestellte Urteil hat der Beklagte am 20. November 2018
Berufung eingelegt. Unter Inbezugnahme einer Stellungnahme seines Ärztlichen Dienstes vom 7.
November 2018 – Dr. P. – hat er sich darauf berufen, dass auch nach Auffassung des SG Osnabrück
die für die Gehbehinderung ursächliche Gesundheitsstörung lediglich mit einem GdB von 30 zu
bewerten sei und sich aus den Befundunterlagen darüber hinaus ergebe, dass das Wirbelsäulenleiden
mit dem Einzel-GdB von 30 ausgesprochen günstig bewertet sei. Daher komme eine Feststellung des
Merkzeichens G nicht in Betracht. Diese sei üblicherweise dann möglich, wenn der
mobilitätsbezogene Einzel-GdB 50 betrage. In besonders ungünstigen Fällen wie beispielsweise einer
schweren arteriellen Verschlusskrankheit der Beine oder einer Versteifung eines Hüftoder
Kniegelenks in ungünstiger Stellung könne das Merkzeichen G auch bereits bei einem GdB von 40
vergeben werden. Im vorliegenden Fall betrage der mobilitätsbezogene GdB allerdings auch nach
Auffassung der Kammer lediglich 30. Die Einschränkung der Gehfähigkeit des Klägers sei einem
Verlust eines Unterschenkels oder der Versteifung des Kniegelenks in ungünstiger Stellung nicht
gleichzusetzen. Die Voraussetzungen „Mindest-GdB“ und „Wegstrecke“ müssten kumulativ erfüllt
sein, auf die Feststellung eines Mindest-GdB könne nach derzeit geltender Rechtslage nicht verzichtet
werden. Ein mobilitätsbezogener GdB von lediglich 30 reiche nicht aus.
Der Beklagte beantragt,
das Urteil des SG Osnabrück vom 13. September 2018 abzuändern und die Klage insgesamt
abzuweisen.
Der Kläger beantragt,
die Berufung zurückzuweisen.
Er meint, es sei nicht zu beanstanden, dass zur Beurteilung der Gehfähigkeit eine Gesamtschau aller
Leiden und Beeinträchtigungen des Klägers herangezogen werde.
Der Senat hat ein erneutes Sachverständigengutachten der Orthopädin Dr. K. eingeholt, das diese
unter dem 23. Mai 2019 erstattet hat und das im Wesentlichen auf die Gehfähigkeit des Klägers
gerichtet worden ist. Dort hat der Kläger berichtet, im Vordergrund stehe die psychische Situation,
weiterhin bestünden Schmerzen im linken Fuß. Die Sachverständige hat eine umfassende
orthopädische Untersuchung vorgenommen und hat dargelegt, bei der Untersuchung habe sich im
Vergleich zur gutachtlichen Untersuchung von 2015 eine verbesserte Funktion im Bereich des linken
oberen Sprunggelenks gezeigt. Auch zeige sich eine deutlich bessere Beweglichkeit im Bereich der
Schultern, hier bestünden keine Beschwerden mehr und auch keine relevanten
Funktionseinschränkungen. Die Hüft- und Kniegelenksbeweglichkeit sei beidseits unauffällig.
Insgesamt drei Funktionseinschränkungen hat die Sachverständige jeweils mit einem Einzel-GdB von
30 gewichtet: Erstens bestünden Funktionseinschränkungen des linken oberen und unteren
Sprunggelenks sowie im Bereich der Fußwurzel mit Verschmächtigung der Unterschenkelmuskulatur
links und einem Morbus Sudeck im Bereich des linken Fußes, zweitens bestehe eine Gefühlstörung im
Bereich der Wirbelsäule (BWS und LWS) ohne radikuläre Symptomatik, aber mit erheblicher
BWS-Funktionseinschränkung und drittens bestehe eine psychische Beeinträchtigung, welche sich im
Einzelnen aus dem Sachverständigen des Dr. O. ergebe.
Hinsichtlich der Gesundheitsstörungen in Bezug auf das Gehvermögen hat die Sachverständige Dr. K.
ausgeführt, Voraussetzung für die Zuerkennung des Merkzeichens G sei ein mobilitätsbezogener GdB
von Seiten der Wirbelsäule oder der unteren Gliedmaßen von regelmäßig wenigstens 50. Unter
Berücksichtigung der Einzel-GdB des Klägers, insbesondere im Bereich des linken Fußes von 30 und
der eingeschränkten Brustwirbelbeweglichkeit verbunden mit rezidivierenden lumbalen Beschwerden
bei initial-degenerativen Veränderungen ohne das Vorliegen relevanter sensomotorischer Defizite
oder Hinweise auf Nervenwurzelreizerscheinungen, ergebe sich bei zusammenfassender Würdigung
kein mobilitätsbezogener GdB von mindestens 50. Auch die Kriterien, bei denen bereits bei einem
GdB von 40 das Merkzeichen G festgestellt werden könne, lägen im Fall des Klägers nicht vor.
Insbesondere bestehe keine Versteifung des Fußgelenks in ungünstiger Stellung oder eine
vergleichbare medizinische Situation. Die Voraussetzungen zur Erteilung des Merkzeichens G seien
nicht gegeben.
Hinsichtlich des weiteren Sach- und Streitstandes wird auf die Gerichtsakte und die beigezogenen
Verwaltungsakten des Beklagten verwiesen, die dem Gericht vorgelegen haben und Gegenstand der
mündlichen Verhandlung und der Beratung gewesen sind.
Entscheidungsgründe
Die form- und fristgerecht (§ 151 Abs. 1 Sozialgerichtsgesetz –SGG–) eingelegte Berufung ist zulässig
(§ 143 SGG) und begründet. Der Bescheid des Beklagten vom 11. November 2013 in der Fassung des
Teilabhilfebescheides vom 5. März 2014 und des Widerspruchsbescheides vom 27. März 2014,
geändert durch Bescheid vom 1. März 2016 unter Berücksichtigung des Teilanerkenntnisses vom 22.
November 2017, ist rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten. Der Kläger hat
keinen Anspruch gegen den Beklagten auf Feststellung des Merkzeichens G.
Rechtsgrundlage für den geltend gemachten Anspruch auf Feststellung der gesundheitlichen
Voraussetzungen für den Nachteilsausgleich G sind §§ 228 Abs. 1 S. 1, 229 Abs. 1 S 1 i. V. m. § 152
Abs. 1 und 4 SGB IX in der seit dem 1. Januar 2018 geltenden Neufassung durch das Gesetz zur
Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen
(Bundesteilhabegesetz - BTHG, BGBl. I 2016, 3234 ff.). Diese Neuregelungen, die inhaltlich den
bisherigen Regelungen im SGB IX entsprechen, sind auf den geltend gemachten Anspruch
anwendbar, da für die vorliegende Anfechtungs- und Verpflichtungsklage die Sach- und Rechtslage
zum Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung maßgeblich ist. Hinsichtlich der hier allein
streitgegenständlichen Ablehnung der Feststellung des Merkzeichens G sind die zwischenzeitlichen
Änderungsbescheide nicht relevant. Betroffen ist insoweit allein die mit der Klage angefochtene
Regelung im Bescheid des Beklagten vom 11. November 2013 in der Fassung des
Widerspruchsbescheides vom 27. März 2014.
Gemäß § 228 Abs. 1 S. 1 SGB IX haben schwerbehinderte Menschen, die infolge ihrer Behinderung in
ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt sind, gegen Vorzeigen eines
entsprechend gekennzeichneten Ausweises nach § 152 Abs. 5 SGB IX Anspruch auf unentgeltliche
Beförderung im Nahverkehr i. S. des § 230 Abs. 1 SGB IX. Über das Vorliegen der damit
angesprochenen gesundheitlichen Merkmale treffen die für die Durchführung des
Bundesversorgungsgesetzes (BVG) zuständigen Behörden die erforderlichen Feststellungen (§ 152
Abs. 1 und 4 SGB IX).
Nach § 229 Abs. 1 S. 1 SGB IX n. F. ist in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich
beeinträchtigt, wer infolge einer Einschränkung des Gehvermögens (auch durch innere Leiden oder
infolge von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit) nicht ohne erhebliche
Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahr für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr
zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden.
Maßstäbe für die Bestimmung des Personenkreises schwerbehinderter Menschen mit einer
erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr enthält die aufgrund des §
Abs. 17 (bzw. Abs. 16) BVG erlassene und zwischenzeitlich mehrfach geänderte Rechtsverordnung
zur Durchführung des § 1 Abs. 1 und 3, des § 30 Abs. 1 und des § 35 Abs. 1 BVG
(Versorgungsmedizin-Verordnung - VersMedV -) vom 10. Dezember 2008 (BGBl. I 2412). Die zum 15.
Januar 2015 in Kraft getretene Übergangsregelung des § 159 Abs. 7 SGB IX (jetzt: § 241 Abs. 5 SGB
IX) sieht ausdrücklich vor, dass bis zum Inkrafttreten einer eigenständigen Rechtsverordnung für das
Schwerbehindertenrecht aufgrund von § 70 Abs. 2 SGB IX (jetzt: § 153 Abs. 2 SGB IX), in der u. a. die
medizinischen Voraussetzungen für die Vergabe von Merkzeichen aufgestellt werden sollen, die
Maßstäbe des § 30 Abs. 1 BVG und der auf Grund des § 30 Abs. 16 BVG erlassenen
Rechtsverordnungen entsprechend gelten. Damit hat der Gesetzgeber u. a. die Anwendung der
Regelungen angeordnet, die in Teil D Nr. 1 der als Anlage zu § 2 VersMedV erlassenen
"Versorgungsmedizinischen Grundsätze" (VMG) vorgesehen sind. Die darin enthaltenen
Konkretisierungen sind auch deshalb verbindlich, weil die VMG antizipierte
Sachverständigengutachten darstellen, die wegen ihrer normähnlichen Wirkungen wie
untergesetzliche Rechtsnormen anzuwenden sind (ständige Rechtsprechung des
Bundessozialgerichts [BSG], vgl. Urteil vom 11. August 2015 - B 9 SB 2/14 R - m. w. N.).
Gemäß den in den VMG niedergelegten Grundsätzen für die Feststellung der gesundheitlichen
Voraussetzungen für den Nachteilsausgleich G (Teil D Nr. 1 b) ist ein schwerbehinderter Mensch in
seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt, der infolge einer
Einschränkung des Gehvermögens, auch durch innere Leiden, oder infolge von Anfällen oder von
Störungen der Orientierungsfähigkeit, nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder nicht ohne
Gefahren für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise
noch zu Fuß zurückgelegt werden. Bei der Prüfung der Frage, ob diese Voraussetzungen vorliegen,
kommt es nicht auf die konkreten örtlichen Verhältnisse des Einzelfalles an, sondern darauf, welche
Wegstrecken allgemein - d. h. altersunabhängig von nicht behinderten Menschen - noch zu Fuß
zurückgelegt werden. Als ortsübliche Wegstrecke in diesem Sinne gilt eine Strecke von etwa zwei
Kilometern, die in etwa einer halben Stunde zurückgelegt wird. Nach Teil D Nr. 1 d VMG sind die
Voraussetzungen für die Annahme einer erheblichen Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im
Straßenverkehr infolge einer behinderungsbedingten Einschränkung des Gehvermögens als erfüllt
anzusehen, wenn auf die Gehfähigkeit sich auswirkende Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen
und/oder der Lendenwirbelsäule bestehen, die für sich einen GdB von wenigstens 50 bedingen.
Darüber hinaus können die Voraussetzungen bei Behinderungen an den unteren Gliedmaßen mit
einem GdB unter 50 gegeben sein, wenn diese Behinderungen sich auf die Gehfähigkeit besonders
auswirken, z. B. bei Versteifung des Hüftgelenks, Versteifung des Knie- oder Fußgelenks in
ungünstiger Stellung, arteriellen Verschlusskrankheiten mit einem GdB von 40. Auch bei inneren
Leiden kommt es bei der Beurteilung entscheidend auf die Einschränkung des Gehvermögens an.
Dementsprechend ist eine erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit vor allem bei
Herzschäden mit Beeinträchtigung der Herzleistung wenigstens nach Gruppe 3 und bei
Atembehinderungen mit dauernder Einschränkung der Lungenfunktion wenigstens mittleren Grades
anzunehmen. Auch bei anderen inneren Leiden mit einer schweren Beeinträchtigung der körperlichen
Leistungsfähigkeit, z. B. chronische Niereninsuffizienz mit ausgeprägter Anämie, sind die
Voraussetzungen als erfüllt anzusehen.
Nach Teil D Nr. 1 d VMG sind die Voraussetzungen nach alledem als erfüllt anzusehen, wenn auf die
Gehfähigkeit sich auswirkende Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen und/oder der
Lendenwirbelsäule bestehen, die für sich einen GdB von wenigstens 50 bedingen. Dies ist beim Kläger
nicht der Fall. Darüber hinaus können die Voraussetzungen hiernach bei Behinderungen an den
unteren Gliedmaßen mit einem GdB unter 50 gegeben sein, wenn diese Behinderungen sich auf die
Gehfähigkeit besonders auswirken, etwa bei Versteifung des Hüftgelenks oder Versteifung des Knie-
oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung. Anspruch auf den Nachteilsausgleich G hat über die
genannten
Regelbeispiele hinausgehend auch der schwerbehinderte Mensch, der nach Prüfung des einzelnen
Falles aufgrund anderer Erkrankungen mit gleich schweren Auswirkungen auf die Gehfunktion und die
zumutbare Wegstrecke dem beispielhaft aufgeführten Personenkreis gleichzustellen ist (vgl. BSG,
Urteil vom 11. August 2015 - B 9 SB 1/14 R - ). Es handelt sich hierbei nicht um eine abschließende
Aufzählung des anspruchsberechtigten Personenkreises, sondern lediglich um Regelbeispiele
(„Regelfälle“, so BSG, Urteil vom 24. April 2008 – B 9/9a SB 7/06 R – ), die für andere behinderte
Menschen als Vergleichsmaßstab dienen (LSG Berlin-Brandenburg, Urteil vom 11. Dezember 2008 – L
SB 193/08 – ).
Die Frage der Gleichstellung des Klägers mit den in Teil D Nr. 1 d VMG Fallgruppen, hier aufgrund der
Eigenart des Beschwerdebildes denjenigen auf orthopädischem Fachgebiet, ist vorliegend für den
Ausgang des Rechtsstreits maßgeblich. Demgegenüber kann nicht in streitentscheidender Weise
allein auf die Frage abgestellt werden, ob er in der Lage ist, zwei Kilometer in 30 Minuten
zurückzulegen.
Das Humpeln des Klägers mit der logischen Folge bestehender Auswirkungen auf das Gehvermögen
ist glaubhaft. Dies ergibt sich aus vielfältigen ärztlichen Unterlagen in den Gerichtsakten; der Kläger
ist mehrfach begutachtet worden. Demnach dürfte es feststehen, dass seine Gehfähigkeit aufgrund
der Verletzungsfolgen des linken oberen Sprunggelenks spürbar eingeschränkt ist (vgl. Gutachten Dr.
K. vom 30. Juli 2015, S. 26 ff.; Dr. Q. vom 8. Januar 2016, S. 12 f.; Dr. O. vom 18. Juli 2017, S. 20 f.).
Hinzu kommt eine glaubhafte erhebliche Schmerzsymptomatik; insoweit wird auf die Darstellung auf
Seite 9 des Urteils des SG Osnabrück vom 13. September 2018 verwiesen, die auch der Senat seiner
Einschätzung zugrunde legt. Eine Höherbewertung als mit einem Einzel-GdB von 30 kommt insoweit
allerdings nach Teil B Nr. 18.14 VMG nicht in Betracht. Die Wirbelsäulenbeschwerden sind mit einem
Einzel-GdB von 30 günstig bewertet und wirken insoweit im Wesentlichen nicht verstärkend.
Nach Teil D Nr. 1 d VMG fordert der Verordnungsgeber regelmäßig, dass auf die Gehfähigkeit sich
auswirkende Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen und/oder der Lendenwirbelsäule für sich
einen GdB von wenigstens 50 bedingen. Diese Vorgabe ist im Ausgangspunkt rechtmäßig und zu
beachten; so hat das BSG (Urteil vom 11. August 2015 – B 9 SB 1/14 R – ) etwa ausdrücklich
ausgeführt, der Verordnungsgeber sei für künftige Fälle nicht daran gehindert, die Voraussetzungen
des Merkzeichens G dadurch einzuschränken, dass er für Fälle psychischer Gehbehinderungen einen
Einzel-GdB von z. B. 70 verlange. Entsprechend ist es ihm auch nicht verwehrt, für
Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen bzw. der LWS für den Regelfall einen Mindest- GdB zu
fordern, hier einen solchen von 50. Ist ein solcher nicht gegeben, muss eine Einzelfallprüfung des
Gesamtzustandes ergeben, dass im Wege einer Gleichstellung auf dieses Kriterium verzichtet werden
kann (vgl. den Text von Teil D Nr. 1 d VMG – Versteifung des Hüftgelenks oder Versteifung des Knie-
oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung – sowie BSG, Urteil vom 24. April 2008 – B 9/9a SB 7/06 R –
– funktionelle Auswirkungen einer hinzutretenden Adipositas per magna). Insgesamt ist das
Gehvermögen des Menschen keine statische Messgröße, sondern wird von verschiedenen Faktoren
geprägt und variiert. Von diesen Faktoren bleiben all jene außer Betracht, welche die
Bewegungsfähigkeit des schwerbehinderten Menschen im Straßenverkehr nicht infolge einer
behinderungsbedingten Einschränkung des Gehvermögens, auch durch innere Leiden, oder infolge
von Anfällen oder von Störungen der Orientierungsfähigkeit, sondern möglicherweise aus anderen
Gründen erheblich beeinträchtigen (so bereits BSG, Urteil
vom 13. August 1997 – 9 RVs 1/96 – , sowie aktuell Landessozialgericht – LSG –
Berlin-Brandenburg, Urteil vom 27. September 2018 – L 13 SB 89/16 – ; LSG Baden-Württemberg,
Urteil vom 24. Oktober 2018 – L 3 SB 2660/16 – ). Mit Hilfe der unter Teil D Nr. 1 Buchst. d bis f
VMG aufgeführten Regelbeispiele ist der für die Feststellung des Merkzeichens G tatsächlich in
Betracht kommende Personenkreis praxisgerecht von den Personen abzugrenzen, die lediglich
behaupten, ortsübliche Wegstrecken nicht mehr zu Fuß zurücklegen zu können, oder die aus nicht
behinderungsbedingten Gründen (wie z. B. mangelnder Trainingszustand oder fehlender Antrieb)
ortsübliche Wegstrecken nicht zurücklegen. Entscheidend ist damit, ob ein Regelbeispiel gemäß Teil
D Nr. 1 Buchst. d bis f VMG vorliegt oder ob die vorhandene Behinderung mit einem solchen
Regelbeispiel vergleichbar ist (LSG Baden-Württemberg, a. a. O.).
Liegen – wie im Falle des Klägers – behinderungsbedingte Einschränkungen des Gehvermögens vor,
die nicht bereits mit einem Einzel-GdB von 50 zu bewerten sind, so sind nach dem Zusammenhang
der VMG die beispielhaft genannten Fälle etwa der Versteifung des Hüftgelenks oder der Versteifung
des Knie- oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung heranzuziehen.
In der zusammenfassenden Würdigung der komplexen medizinischen Unterlagen ist festzustellen,
dass die Einschränkung der Gehstrecke glaubhaft ist, ebenso wie das Humpeln und die
Schmerzsymptomatik des Klägers, während die Wirbelsäulenerkrankung mit einem Einzel-GdB von 30
günstig bewertet sein dürfte. Der Hodenkrebserkrankung kommt nach eingetretener
Heilungsbewährung keine streitentscheidende Bedeutung zu, gleiches gilt in Bezug auf das
Gehvermögen für die psychische Erkrankung, die in Verbindung mit dem Zustand des linken Fußes
die Schwerbehinderteneigenschaft des Klägers rechtfertigt.
Die Anforderungen für die Feststellung des Merkzeichens G erfüllt der Kläger nicht, da er keinen GdB
von 50 durch Erkrankungen der Wirbelsäule oder der unteren Extremitäten erreicht und auch keine
volle Überzeugung des Senats vom Erfordernis einer Gleichstellung des Klägers nach den vorstehend
beschriebenen Grundsätzen besteht. Die anspruchsbegründenden Tatsachen müssen zur vollen
Überzeugung des Gerichts in der Weise nachgewiesen werden, dass vernünftige Zweifel nicht
verbleiben und das Vorliegen der anspruchsbegründenden Tatsachen zumindest mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit festgestellt werden kann. Auch hinsichtlich des geltend gemachten
Ausmaßes einer Gesundheitsstörung ist für den Ausspruch einer entsprechenden Feststellung eine
jeden vernünftigen Zweifel ausschießende volle Überzeugung erforderlich, dass die Funktionsstörung
in diesem Ausmaß vorliegt und die Möglichkeit einer lediglich mit einem geringeren GdB zu
bewertenden Störung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausscheidet. Verbleiben
insoweit Zweifel, ist auch im Falle überwiegender Wahrscheinlichkeit eines höher zu bewertenden
Ausmaßes eine Höherbewertung nicht möglich, so lange deren Erforderlichkeit auf der Grundlage der
getroffenen Feststellungen nicht mit dem entsprechenden Beweismaß der vollen richterlichen
Überzeugung als erwiesen gelten kann. Insoweit verbleiben auch nach erschöpfender Ausermittlung
des Rechtsstreits nicht überbrückbare Zweifel daran, dass der Kläger trotz Nichterreichens eines GdB
von wenigstens 50 für auf die Gehfähigkeit sich auswirkende Funktionsstörungen der unteren
Gliedmaßen und/oder der Lendenwirbelsäule und Nichterfüllung der weiteren Regelbeispiele den in
Teil D Nr. 1 d VMG genannten Personengruppen gleichzustellen wäre. Zweifel ergeben sich
insbesondere aus dem vom Senat eingeholten Sachverständigengutachten der Orthopädin Dr. K. vom
23. Mai 2019, das explizit die
Gehfähigkeit des Klägers zum Gegenstand hat. Die Sachverständige hat eine gegenüber 2015
verbesserte Funktion im Bereich des linken oberen Sprunggelenks bei unauffälliger Hüft- und
Kniegelenksbeweglichkeit festgestellt und einen mobilitätsbezogenen GdB von wenigstens 50 ebenso
verneint wie das Vorliegen einer medizinischen Situation, die eine Gleichstellung des Klägers mit den
in den Regelbeispielen des Teil D Nr. 1 d VMG genannten Personengruppen rechtfertigen würde. Der
Senat erachtet dieses Gutachten für überzeugend und den geltend gemachten Klageanspruch auf
Feststellung des Merkzeichens G nach alledem nicht für gegeben.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG.
Gründe für die Zulassung der Revision gemäß § 160 Abs. 1 und Abs. 2 SGG liegen nicht vor.