Landessozialgericht Hamburg 3. Senat, 10.10.2017 – L 3 SB
Merkzeichen G · Rechtsprechungsseite
Entscheidung / Quellenstand
Landessozialgericht Hamburg 3. Senat, 10.10.2017 – L 3 SB
21/15
Merkzeichen G · Orthopädie / Innere Leiden
Voraussetzungen einer Anerkennung des Merkzeichens "G"
Einordnung:
Die Entscheidung ist eine negative Anwendungsentscheidung aus dem Bereich „Orthopädie / Innere
Leiden“. Für die heutige Prüfung ist vor allem der in Leitsatz/Orientierungssatz und
Entscheidungsgründen konkretisierte funktionelle Maßstab bedeutsam; die Diagnose allein ersetzt die
Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen auf Bewegungsfähigkeit, Gehvermögen oder Orientierung
nicht.
Gericht Landessozialgericht Hamburg 3. Senat
Datum 10.10.2017
Aktenzeichen L 3 SB 21/15
ECLI –
Ergebnis G verneint
Rechtsprechungsbereich Orthopädie / Innere Leiden
– L 3 SB 21/15 –,
Fundstellen / Quellenangabe Landessozialgericht Hamburg, Urteil vom 10. Oktober 2017
– L 3 SB 21/15 –,
Quellenstatus Volltext / Primärquelle verfügbar.
Kernaussage
1. Zur Zuerkennung des Merkzeichens "G" ist nach § 69 Abs. 4 i. V. m. § 146 Abs. 1 S. 1 SGB 9 eine
doppelte Kausalität erforderlich: Ursache der beeinträchtigten Bewegungsfähigkeit muss eine
Behinderung des schwerbehinderten Menschen sein und diese Behinderung muss sein Gehvermögen
einschränken. 2. Maßgeblich ist, ob der Betroffene noch eine Strecke von etwa zwei Kilometern in
etwa einer halben Stunde zurücklegen kann. Die mit wenigstens einem GdB von 50 zu bewertende
Behinderung muss sich auf das Gehvermögen auswirken. 3. Bei Bestehen hirnorganischer Anfälle ist
eine erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit erst ab einer mittleren Anfallshäufigkeit
von mit einem GdB von 70 zu bewertenden Behinderung gerechtfertigt, wenn die Anfälle
überwiegend am Tag auftreten.
Entscheidende Gründe
Die nähere Präzisierung des Personenkreises schwerbehinderter Menschen mit einer erheblichen
Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr ergibt sich aus der nach § 69 Abs. 1
Satz 5 SGB IX im Schwerbehindertenrecht entsprechend geltenden, nach § 30 Abs. 16 BVG erlassenen
Verordnung zur Durchführung des § 1 Abs. 1 und 3, des 30 Abs. 1 und des § 35 Abs. 1 BVG
(Versorgungsmedizinverordnung – VersMedV) vom 10. Dezember 2008 (BGBl. I 2412). Nach Teil D Nr.
1b S. 2 und 3 der Anlage zu § 2 VersMedV kommt es für die Prüfung der Voraussetzungen nicht auf
die konkreten Verhältnisse des Einzelfalles an, sondern darauf, welche Wegstrecken allgemein – d.h.
altersunabhängig von nicht behinderten Menschen – noch zu Fuß zurückgelegt werden. Als
ortsübliche Wegstrecke in diesem Sinne gilt eine Strecke von etwa zwei Kilometern, die in etwa einer
halben Stunde zurückgelegt wird. Nähere Umschreibungen für einzelne Krankheitsbilder und
Behinderungen enthalten darüber hinaus Teil D Nr. 1d, e und f VersMedV. Nach Teil D Nr. 1d
VersMedV sind diese Voraussetzungen als erfüllt anzusehen, wenn auf die Gehfähigkeit sich
auswirkende Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen und/oder der Lendenwirbelsäule bestehen,
die für sich einen GdB von wenigstens 50 bedingen (S. 1). Darüber hinaus können die
Voraussetzungen bei Behinderungen an den unteren Gliedmaßen mit einem GdB von unter 50
gegeben sein, wenn diese Behinderungen sich auf die Gehfähigkeit besonders auswirken, z.B. bei
Versteifung des Hüftgelenks, Versteifung des Knie- oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung,
arteriellen Verschlusskrankheiten mit einem GdB von 40 (S. 2). Auch bei inneren Leiden kommt es bei
der Beurteilung entscheidend auf die Einschränkung des Gehvermögens an (S. 3). Dementsprechend
ist eine erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit vor allem bei Herzschäden mit
Beeinträchtigung der Herzleistung wenigstens nach Gruppe 3 und bei Atembehinderungen mit
dauernder Einschränkung der Lungenfunktion wenigstens mittleren Grades anzunehmen (S. 4).
Besonderheiten gelten für hirnorganische Anfälle (Teil D Nr. 1e) und Orientierungsstörungen infolge
von Sehstörungen, Hörstörungen oder geistiger Behinderung (Teil D Nr. 1f), die grundsätzlich erst ab
einem Behinderungsgrad von wenigstens 70 Merkzeichenrelevanz entfalten. Bei dem Kläger liegt
keines dieser Krankheitsbilder vor.
Gemäß § 145 Abs. 1 S. 1 Sozialgesetzbuch Neuntes Buch (SGB IX) haben schwerbehinderte
Menschen, die infolge ihrer Behinderung in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich
beeinträchtigt sind, gegen Vorzeigen eines entsprechend gekennzeichneten Ausweises nach § 69 Abs.
SGB IX Anspruch auf unentgeltliche Beförderung im Nahverkehr im Sinne des § 147 Abs. 1 SGB IX.
Über das Vorliegen der damit ausgesprochenen gesundheitlichen Merkmale treffen die für die
Durchführung des Bundesversorgungsgesetzes (BVG) zuständigen Behörden die erforderlichen
Feststellungen (§ 69 Abs. 1 und 4 SGB IX). Nach § 146 Abs. 1 S. 1 SGB IX ist in seiner
Bewegungsfreiheit im Straßenverkehr erheblich eingeschränkt, wer infolge einer Einschränkung des
Gehvermögens (auch durch innere Leiden oder infolge von Anfällen oder von Störungen der
Orientierungsfähigkeit) nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahr für sich oder
andere Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß
zurückgelegt werden. Das Gesetz fordert somit in § 145 Abs. 1 S. 1, § 146 Abs. 1 S. 1 SGB IX eine
doppelte Kausalität: Ursache der beeinträchtigten Bewegungsfähigkeit muss eine Behinderung des
schwerbehinderten Menschen sein und diese Behinderung muss sein Gehvermögen einschränken
(BSG, Urteil vom 11.08.2015 – B 9 SB 1/14 R – ).
Nach Teil D Nr. 1e VersMedV ist bei hirnorganischen Anfällen die Beurteilung, ob durch sie eine
erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit gegeben ist, von der Art und Häufigkeit der
Anfälle sowie von der Tageszeit des Auftretens abhängig. Im Allgemeinen ist auf eine erhebliche
Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit erst ab einer mittleren Anfallshäufigkeit von mit einem GdB
von wenigstens 70 zu schließen, wenn die Anfälle überwiegend am Tage auftreten. In den
vorliegenden Unterlagen ist jedoch nur der Verdacht auf einen fokalen epileptischen Anfall am 11.
September 2013 dokumentiert. Für die vom Kläger behaupteten "regelmäßig auftretenden
epileptischen Anfälle" gibt es daher keinen Nachweis.
Das Sozialgericht hat die Klage zu Recht und mit zutreffender Begründung abgewiesen, da die
angefochtenen Bescheide rechtmäßig sind. Der Kläger kann die Feststellung der gesundheitlichen
Voraussetzungen für das Merkzeichen G nicht beanspruchen. Die vom Kläger im Berufungsverfahren
vorgelegten Befunde führen nicht zu einer anderen Beurteilung und vermögen auch die behauptete
weitere Verschlechterung seiner Gehfähigkeit nicht zu belegen.
Bedeutung für das Merkzeichen G
Die Entscheidung ist eine negative Anwendungsentscheidung aus dem Bereich „Orthopädie / Innere
Leiden“. Für die heutige Prüfung ist vor allem der in Leitsatz/Orientierungssatz und
Entscheidungsgründen konkretisierte funktionelle Maßstab bedeutsam; die Diagnose allein ersetzt die
Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen auf Bewegungsfähigkeit, Gehvermögen oder Orientierung
nicht.
Rechtslage im Entscheidungszeitpunkt
Maßgeblich waren §§ 145, 146 SGB IX a.F. in Verbindung mit Teil D Nr. 1 VMG. Die inhaltlich
entsprechende gesetzliche Definition findet sich heute insbesondere in §§ 228, 229 SGB IX.
Übertragbarkeit auf die heutige Rechtslage
Grundsätzlich auf heutige Fälle übertragbar. Maßgeblich bleibt stets die konkrete funktionelle
Vergleichbarkeit mit den VMG-Regelfällen und die behinderungsbedingte Ursache der Einschränkung.
Querverweise
• BSG 9a. Senat – 10.12.1987 – 9a RVs 11/87: BSG 1987 – 2 km / ca. 30 Minuten
• Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen 13. Senat – 06.11.2019 – L 13 SB 114/18: 2 km / 30
Minuten nicht allein vorrangig
• Landessozialgericht Baden-Württemberg 3. Senat – 24.10.2018 – L 3 SB 2660/16:
Trainingszustand/Tagesform von Behinderungsfolgen trennen
Vollständiger Entscheidungstext
Gericht: Landessozialgericht Hamburg 3. Senat Entscheidungsdatum: 10.10.2017 Aktenzeichen: L 3
SB 21/15 Dokumenttyp: Urteil Quelle:
Normen: § 69 Abs 4 SGB 9, § 146 Abs 1 SGB 9 vom 10. Oktober 2017 – L 3 SB 21/15 –,
Voraussetzungen einer Anerkennung des Merkzeichens "G"
Orientierungssatz
1. Zur Zuerkennung des Merkzeichens "G" ist nach § 69 Abs. 4 i. V. m. § 146 Abs. 1 S. 1 SGB 9 eine
doppelte Kausalität erforderlich: Ursache der beeinträchtigten Bewegungsfähigkeit muss eine
Behinderung des schwerbehinderten Menschen sein und diese Behinderung muss sein Gehvermögen
einschränken.
2. Maßgeblich ist, ob der Betroffene noch eine Strecke von etwa zwei Kilometern in etwa einer halben
Stunde zurücklegen kann. Die mit wenigstens einem GdB von 50 zu bewertende Behinderung muss
sich auf das Gehvermögen auswirken.
3. Bei Bestehen hirnorganischer Anfälle ist eine erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit
erst ab einer mittleren Anfallshäufigkeit von mit einem GdB von 70 zu bewertenden Behinderung
gerechtfertigt, wenn die Anfälle überwiegend am Tag auftreten.
Verfahrensgang
vorgehend SG Hamburg 54. Kammer, 29. Juni 2015, S 54 SB 666/12, Gerichtsbescheid Diese
Entscheidung wird zitiert
Literaturnachweise Christina Börsel, RdLH 2018, 158-160 (Aufsatz)
Tenor
Die Berufung wird zurückgewiesen. Außergerichtliche Kosten sind nicht zu erstatten. Die Revision
wird nicht zugelassen.
Tatbestand
Die Beteiligten streiten darüber, ob der Kläger die gesundheitlichen Voraussetzungen für das
Merkzeichen G erfüllt.
Der 1941 geborene Kläger hatte im Jahr 1994 einen Hirnfarkt erlitten und stellte danach einen
Erstantrag nach dem Schwerbehindertengesetz. Zuletzt stellte das Versorgungsamt Braunschweig
mit Ausführungbescheid vom 24. Oktober 2000 aufgrund eines im Gerichtsverfahren vor dem LSG
Niedersachsen (L 9 SB 117/00) abgegebenen Teilanerkenntnisses einen Grad der Behinderung GdB
von 50 für den Bereich Nervensystem und Psyche fest, wobei jeweils ein Teil-GdB von 30 für 1. eine
Restaphasie mit Störung vornehmlich im Bereich der Schriftsprache mit leichtem hirnorganischen
Psychosyndrom mit Beeinträchtigung der Aufmerksamkeitsfunktionen sowie 2. eine psychische
Beeinträchtigung zugrunde gelegt wurde. Als weitere Funktionsbeeinträchtigungen wurden
Gefühlsstörungen in der linken Körperhälfte, Bluthochdruck, ein Schlafapnoe-Syndrom und ein
Wirbelsäulenschaden berücksichtigt, die sich jedoch mit einem Teil-GdB von jeweils 10 nicht auf den
Gesamt-GdB auswirkten.
Am 6. November 2011 stellte der Kläger einen Neufeststellungsantrag, mit dem er die Feststellung
des Merkzeichens G geltend machte, da eine Coxarthrose rechts mit Implantation einer
Hüftgelenksprothese hinzugekommen war.
Gegen die mit Bescheid vom 18. April 2012 erfolgte Ablehnung erhob der Kläger Widerspruch und
führte aus, es sei durch die Hüftoperation zu einer Beinlängendifferenz gekommen, die zu Schmerzen
beim Gehen und Stehen führe. Außerdem seien Herzrhythmusstörungen und plötzlicher Schwindel zu
berücksichtigen.
Nach Einholung von Befundberichten der behandelnden Ärzte des Klägers wies die Beklagte den
Widerspruch mit Widerspruchsbescheid vom 12. September 2012 zurück.
Mit seiner dagegen am 15. Oktober 2012 erhobenen Klage hat der Kläger geltend gemacht, dass sich
durch die Hüftoperation eine Verschlechterung der gesundheitlichen Beeinträchtigungen ergeben
habe und insbesondere seine Beweglichkeit eingeschränkt sei. Auch seine übrigen Erkrankungen
seien nicht ausreichend gewürdigt worden.
Dem Sozialgericht haben Befundberichte der behandelnden Ärzte Dr. H. (Orthopäde), Dr. B.
(Orthopäde), Dr. G. (Kardiologe/Internist), Dr. V. (Kardiologe/Internist), Dr. D. (Allgemeinmediziner),
Dr. S. (Neurologe) sowie der Entlassungsbericht der D1-Klinik über den stationären Aufenthalt vom
25. Juli bis 12. August 2011 und zwei Arztbriefe der A. Klinik A1 über stationäre Aufenthalte vom 11.
bis 14. September 2013 und vom 18. bis 22. November 2014 vorgelegen.
Das Sozialgericht hat die Klage sodann durch Gerichtsbescheid vom 29. Juni 2015 abgewiesen und
ausgeführt, den vorliegenden Befunden lasse sich eine massive Einschränkung der Gehfähigkeit nicht
entnehmen. Auch in Bezug auf die Herzerkrankung ergebe sich eine gute Belastbarkeit mit
Beschwerdefreiheit. Ein Anfallsleiden mit mittlerer Anfallshäufigkeit sei nicht belegt und auch
hinsichtlich des vorgetragenen Schwindels sei den Befunden Beschwerdefreiheit zu entnehmen.
Der Kläger hat gegen den ihm am 18. August 2015 zugestellten Gerichtsbescheid am 11. September
2015 Berufung eingelegt und verweist zur Begründung auf sein erstinstanzliches Vorbringen. Er
benötige das Merkzeichen G, denn neben den zunehmenden körperlichen Beeinträchtigungen plagten
ihn auch kognitive Defizite, die zu täglichen Zuständen der Verwirrung und Desorientierung führten.
Er hat hierzu weitere Befundberichte von Dr. D., Dr. G., Dr. N. (Neurologin), der Praxisgemeinschaft
Radiologie B1 sowie einen Arztbrief der A. Klinik A1 über einen stationären Aufenthalt vom 29. bis 31.
Oktober 2014 eingereicht.
Der Kläger beantragt,
den Gerichtsbescheid des Sozialgerichts Hamburg vom 29. Juni 2015 und den Bescheid der Beklagten
vom 18. April 2012 in Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 12. September 2012 aufzuheben und
die Beklagte zu verpflichten, das
Vorliegen der gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen G festzustellen.
Die Beklagte beantragt,
die Berufung zurückzuweisen.
Die Beklagte hält nach Auswertung der im Berufungsverfahren übersandten Befunde an ihrer
Auffassung fest und bezieht sich auf eine gutachtliche Stellungnahme ihres beratenden Internisten
Dr. P. vom 20. Februar 2016. Darin heißt es, es ergebe sich lediglich eine Neufassung des Herzleidens
(Herzschrittmacher und Herzleistungsminderung, operierte koronare Herzkrankheit,
Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck) mit einer GdB- Anhebung auf 20, der jedoch bei einer
Ergometerleistung von 150 Watt keine wesentliche negative Beeinflussung der anderen
Behinderungsleistungen zuzuerkennen sei. Zu den vorgetragenen kognitiven Defiziten mit Zuständen
der Verwirrung und Desorientierung fänden sich in den vorgelegten Unterlagen keine ärztlichen
Aussagen. Unter Berücksichtigung der wechselseitigen Beziehungen der einzelnen festgestellten
Behinderungsleiden untereinander lasse sich ein höherer Gesamt-GdB als 50 nicht begründen. Die
Voraussetzungen für das Merkzeichen G seien eindeutig nicht gegeben, weder aus orthopädischer
noch aus kardialer Ursache. Ein behandlungspflichtiges Krampfleiden sei nicht dokumentiert. Eine
Beinlängendifferenz von 0,5 cm wirke sich weder auf das Gangbild noch auf die Wirbelsäulenstatik
gravierend aus.
Das Berufungsgericht hat den Kläger unter dem 8. März 2016 auf die fehlende Erfolgsaussicht der
Berufung hingewiesen und ihm gleichzeitig gemäß §§ 153 Abs. 1, 106a Sozialgerichtsgesetz (SGG)
eine Frist bis zum 29. März 2016 zur Angabe der Tatsachen gesetzt, durch deren Berücksichtigung
oder Nichtberücksichtigung er sich (noch) beschwert fühle. Der Kläger ist außerdem auf die
gesetzlichen Folgen einer Einreichung von Erklärungen und Beweismittel nach Fristablauf
hingewiesen. Auch für die eventuelle Stellung eines Antrages nach § 109 SGG ist dem Kläger eine
Frist bis zum 29. März 2016 gesetzt worden. Weiterer Vortrag des Klägers ist danach nicht erfolgt.
Der Senat hat die Berufung mit Beschluss vom 13. Juni 2017 der Berichterstatterin zur Entscheidung
mit den ehrenamtlichen Richtern übertragen (§ 153 Abs. 5 SGG).
Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf die Prozessakte und die
Schwerbehindertenakte der Beklagten Bezug genommen.
Entscheidungsgründe
Die statthafte, form- und fristgerecht eingelegte und auch sonst zulässige Berufung (§§ 143, 151 SGG)
ist unbegründet.
Das Sozialgericht hat die Klage zu Recht und mit zutreffender Begründung abgewiesen, da die
angefochtenen Bescheide rechtmäßig sind. Der Kläger kann die Feststellung der gesundheitlichen
Voraussetzungen für das Merkzeichen G nicht beanspruchen. Die vom Kläger im Berufungsverfahren
vorgelegten Befunde führen nicht zu einer anderen Beurteilung und vermögen auch die behauptete
weitere Verschlechterung seiner Gehfähigkeit nicht zu belegen.
Gemäß § 145 Abs. 1 S. 1 Sozialgesetzbuch Neuntes Buch (SGB IX) haben schwerbehinderte
Menschen, die infolge ihrer Behinderung in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich
beeinträchtigt sind, gegen Vorzeigen eines entsprechend gekennzeichneten Ausweises nach § 69 Abs.
SGB IX Anspruch auf unentgeltliche Beförderung im Nahverkehr im Sinne des § 147 Abs. 1 SGB IX.
Über das Vorliegen der damit ausgesprochenen gesundheitlichen Merkmale treffen die für die
Durchführung des Bundesversorgungsgesetzes (BVG) zuständigen Behörden die erforderlichen
Feststellungen (§ 69 Abs. 1 und 4 SGB IX). Nach § 146 Abs. 1 S. 1 SGB IX ist in seiner
Bewegungsfreiheit im Straßenverkehr erheblich eingeschränkt, wer infolge einer Einschränkung des
Gehvermögens (auch durch innere Leiden oder infolge von Anfällen oder von Störungen der
Orientierungsfähigkeit) nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahr für sich oder
andere Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß
zurückgelegt werden. Das Gesetz fordert somit in § 145 Abs. 1 S. 1, § 146 Abs. 1 S. 1 SGB IX eine
doppelte Kausalität: Ursache der beeinträchtigten Bewegungsfähigkeit muss eine Behinderung des
schwerbehinderten Menschen sein und diese Behinderung muss sein Gehvermögen einschränken
(BSG, Urteil vom 11.08.2015 – B 9 SB 1/14 R – ).
Die nähere Präzisierung des Personenkreises schwerbehinderter Menschen mit einer erheblichen
Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr ergibt sich aus der nach § 69 Abs. 1
Satz 5 SGB IX im Schwerbehindertenrecht entsprechend geltenden, nach § 30 Abs. 16 BVG erlassenen
Verordnung zur Durchführung des § 1 Abs. 1 und 3, des 30 Abs. 1 und des § 35 Abs. 1 BVG
(Versorgungsmedizinverordnung – VersMedV) vom 10. Dezember 2008 (BGBl. I 2412). Nach Teil D Nr.
1b S. 2 und 3 der Anlage zu § 2 VersMedV kommt es für die Prüfung der Voraussetzungen nicht auf
die konkreten Verhältnisse des Einzelfalles an, sondern darauf, welche Wegstrecken allgemein – d.h.
altersunabhängig von nicht behinderten Menschen – noch zu Fuß zurückgelegt werden. Als
ortsübliche Wegstrecke in diesem Sinne gilt eine Strecke von etwa zwei Kilometern, die in etwa einer
halben Stunde zurückgelegt wird. Nähere Umschreibungen für einzelne Krankheitsbilder und
Behinderungen enthalten darüber hinaus Teil D Nr. 1d, e und f VersMedV. Nach Teil D Nr. 1d
VersMedV sind diese Voraussetzungen als erfüllt anzusehen, wenn auf die Gehfähigkeit sich
auswirkende Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen und/oder der Lendenwirbelsäule bestehen,
die für sich einen GdB von wenigstens 50 bedingen (S. 1). Darüber hinaus können die
Voraussetzungen bei Behinderungen an den unteren Gliedmaßen mit einem GdB von unter 50
gegeben sein, wenn diese Behinderungen sich auf die Gehfähigkeit besonders auswirken, z.B. bei
Versteifung des Hüftgelenks, Versteifung des Knie- oder Fußgelenks in ungünstiger Stellung,
arteriellen Verschlusskrankheiten mit einem GdB von 40 (S. 2). Auch bei inneren Leiden kommt es bei
der Beurteilung entscheidend auf die Einschränkung des Gehvermögens an (S. 3). Dementsprechend
ist eine erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit vor allem bei Herzschäden mit
Beeinträchtigung der Herzleistung wenigstens nach Gruppe 3 und bei Atembehinderungen mit
dauernder Einschränkung der Lungenfunktion wenigstens mittleren Grades anzunehmen (S. 4).
Besonderheiten gelten für hirnorganische Anfälle (Teil D Nr. 1e) und Orientierungsstörungen infolge
von Sehstörungen, Hörstörungen oder geistiger Behinderung (Teil D Nr. 1f), die grundsätzlich erst ab
einem Behinderungsgrad von wenigstens 70 Merkzeichenrelevanz entfalten. Bei dem Kläger liegt
keines dieser Krankheitsbilder vor.
Er leidet nicht an Funktionsstörungen der unteren Gliedmaßen und/oder der Lendenwirbelsäule, die
für sich einen GdB von wenigstens 50 bedingen. Auch eine andere Behinderung an den unteren
Gliedmaßen, die sich auf die Gehfähigkeit besonders auswirkt, besteht nicht. Zwar wurde ihm ein
Hüftgelenkersatz rechts implantiert, von den behandelnden Ärzten werden insoweit jedoch
weitgehende Beschwerdefreiheit und ein guter Prothesensitz (Dr. H. am 2. Januar 2012 bzw. 16. Juli
2012) sowie ein unauffälliges Gangbild (Dr. B. am 6. Februar 2013) beschrieben. Wegen der
Beinlängendifferenz von 0,5 bzw. – nach Angaben des Klägers – 0,7 cm wird links ein 0,5 cm dicker
Fersenkeil getragen. Eine besondere Auswirkung auf die Gehfähigkeit ist nirgends dokumentiert und
auch nicht erkennbar.
Die Gehfähigkeit des Klägers ist auch durch innere Leiden nicht erheblich beeinträchtigt.
Insbesondere liegt kein Herzschaden mit Beeinträchtigung der Herzleistung wenigstens nach Gruppe
3 im Sinne von Teil B 9.1.1 VersMedV vor. Hierunter fällt eine Leistungsbeeinträchtigung bereits bei
alltäglicher leichter Belastung sowie bei Beschwerden und Auftreten pathologischer Messdaten bei
Ergometerbelastung mit 50 Watt. Eine solche liegt bei dem Kläger nicht vor. Bei ihm bestehen zwar
eine koronare Herzkrankheit mit Stentimplantation, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck und ein
Zustand nach Herzschrittmacher-Implantation. Den vorliegenden Befunden ist jedoch eine stärkere
Leistungsbeeinträchtigung nicht zu entnehmen. Vielmehr hat der Kläger anlässlich einer
Untersuchung durch den Kardiologen Dr. G. am 16. Januar 2015 Beschwerdefreiheit angegeben und
berichtet, dass er Sport treibt. Ergometrisch war der Kläger ebenso wie schon bei den
Untersuchungen am 22. Juni 2012 und 24. Januar 2013 bis 150 Watt belastbar; der Abbruch erfolgte
lediglich wegen muskulärer Erschöpfung. Herzschrittmachertypische Beschwerden werden im Bericht
der A. Klinik A1 vom 27. Januar 2015 verneint. Auch zum vorgetragenen Schwindel finden sich keine
Belege. Vielmehr hat Dr. G. in seinem Bericht vom 20. September 2012 mitgeteilt, dass der Kläger
bezüglich Schwindel und Synkopen beschwerdefrei sei. Der Kardiologe Dr. V. hat in seinem Bericht
vom 10. Mai 2012 ausgeführt, der Kläger habe angegeben, beim Sport keine Probleme zu haben. Es
gebe keinen Hinweis auf eine hämodynamisch relevante koronare Herzkrankheit. Es bestehe eine
gute linksventrikuläre Pumpfunktion, den Arrhythmien könne kein wesentlicher Krankheitswert
beigemessen werden.
Nach Teil D Nr. 1e VersMedV ist bei hirnorganischen Anfällen die Beurteilung, ob durch sie eine
erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit gegeben ist, von der Art und Häufigkeit der
Anfälle sowie von der Tageszeit des Auftretens abhängig. Im Allgemeinen ist auf eine erhebliche
Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit erst ab einer mittleren Anfallshäufigkeit von mit einem GdB
von wenigstens 70 zu schließen, wenn die Anfälle überwiegend am Tage auftreten. In den
vorliegenden Unterlagen ist jedoch nur der Verdacht auf einen fokalen epileptischen Anfall am 11.
September 2013 dokumentiert. Für die vom Kläger behaupteten "regelmäßig auftretenden
epileptischen Anfälle" gibt es daher keinen Nachweis.
Nach der Rechtsprechung des BSG (Urteil vom 11.08.2015, a.a.O.) sind die in Teil D Nr. 1 VersMedV
aufgeführten Regelbeispiele allerdings nicht abschließend. Anspruch auf das Merkzeichen G hat
vielmehr auch der schwerbehinderte Mensch, der aufgrund anderer Erkrankungen mit gleich
schweren Auswirkungen auf die Gehfunktion und die zumutbare Wegstrecke dem beispielhaft
aufgeführten Personenkreis gleichzustellen ist. Auch hierfür gibt es jedoch keine Anhaltspunkte,
zumal der Kläger regelmäßig gegenüber den behandelnden Ärzten angegeben hat, beschwerdefrei
Sport zu treiben und im Sommer sogar Bergsteigen zu gehen (Befundbericht von Dr. G. vom 24.
Januar 2013).
Schließlich gibt es für die von ihm im Berufungsverfahren geltend gemachten kognitiven Defizite mit
täglichen Zuständen der Verwirrung und Desorientierung keine Belege. Er erlitt zwar am 29. Oktober
2014 eine transistorisch-ischämische Attacke (TIA) und wurde
daher in der U1 der A. Klinik A1 behandelt. Hinweise auf danach bestehende Störungen der
Orientierungsfähigkeit finden sich jedoch nicht, auch nicht im Bericht der Neurologin Dr. N. vom 18.
August 2015.
Die Kostenentscheidung folgt aus § 193 SGG.
Die Revision wurde nicht zugelassen, weil die Voraussetzungen des § 160 Abs. 2 SGG nicht vorliegen.