25.02.2015 – L 13 SB 103/12
Merkzeichen G · Rechtsprechungsseite
Entscheidung / Quellenstand
Landessozialgericht Berlin-Brandenburg 13. Senat,
25.02.2015 – L 13 SB 103/12
Merkzeichen G · Psychogene Gangstörung / Schwankschwindel
Zuerkennung des Merkzeichens "G" wegen einer
psychogenen Gangstörung
Einordnung:
Die Entscheidung ist eine positive Anwendungsentscheidung aus dem Bereich „Psychogene
Gangstörung / Schwankschwindel“. Für die heutige Prüfung ist vor allem der in
Leitsatz/Orientierungssatz und Entscheidungsgründen konkretisierte funktionelle Maßstab
bedeutsam; die Diagnose allein ersetzt die Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen auf
Bewegungsfähigkeit, Gehvermögen oder Orientierung nicht.
Gericht Landessozialgericht Berlin-Brandenburg 13. Senat
Datum 25.02.2015
Aktenzeichen L 13 SB 103/12
ECLI ECLI:DE:LSGBEBB:2015:0225.L13SB103.12.0A
Ergebnis G bejaht
Rechtsprechungsbereich Psychogene Gangstörung / Schwankschwindel
Zitiervorschlag Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 25.
Februar 2015 – L 13 SB 103/12 –, juris
Fundstellen / Quellenangabe Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 25.
Februar 2015 – L 13 SB 103/12 –, juris
Quellenstatus Volltext / Primärquelle verfügbar.
Kernaussage
1. Nach § 145 Abs. 1 S. 1 SGB 9 haben schwerbehinderte Menschen, die infolge ihrer Behinderung in
ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt sind, Anspruch auf
unentgeltliche Beförderung. Diese Voraussetzungen sind bei einem Schwerbehinderten erfüllt, der
infolge einer Einschränkung des Gehvermögens nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder nicht
ohne Gefahr für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die
üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden. 2. Ein psychogen verursachter,
behinderungsbedingter Schwankschwindel stellt eine psychogene Gangstörung dar. Führt diese dazu,
dass der Schwerbehinderte ohne fremde Begleitung keine nennenswerten Wege unter ortsüblichen
Bedingungen zurücklegen kann, so ist damit insgesamt dessen Gehvermögen im Rechtssinn
erheblich beeinträchtigt, mit der Folge, dass ihm das Merkzeichen "G" zuzuerkennen ist.
Entscheidende Gründe
das Vorliegen der damit angesprochenen gesundheitlichen Merkmale treffen die für die Durchführung
des Bundesversorgungsgesetzes zuständigen Behörden die erforderlichen Feststellungen (§ 69 Abs. 1
und 4 SGB IX). Nach § 146 Abs. 1 Satz 1 SGB IX ist in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr
erheblich beeinträchtigt, wer infolge einer Einschränkung des Gehvermögens nicht ohne erhebliche
Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahr für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr
zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden. Das Gesetz fordert in §
Abs. 1 Satz 1, § 146 Abs. 1 Satz 1 SGB IX eine doppelte Kausalität: Ursache der beeinträchtigten
Bewegungsfähigkeit muss eine Behinderung des schwerbehinderten Menschen sein und diese
Behinderung muss sein Gehvermögen einschränken. Die AHP 2008 beschrieben dazu in Nr. 30 Abs. 3
bis Abs. 5 Regelfälle, bei denen nach dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen
Erkenntnisse die gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen G als erfüllt anzusehen sind
und die bei der Beurteilung einer dort nicht erwähnten Behinderung als Vergleichsmaßstab dienen
können (vgl. Bundessozialgericht, Urteil vom 24. April 2008, B 9/9a SB 7/06 R, juris). Nichts anderes
gilt im Ergebnis für den Zeitraum nach dem Außerkrafttreten der AHP 2008 (vgl. Urteil des Senats
vom 28. November 2014, L 13 SB 73/13).
Die so verstandenen gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen G erfüllt die Klägerin.
Nach dem Gesamtergebnis des Verfahrens (§ 128 Abs. 1 Satz 1 SGG) steht zur Überzeugung des
Senats fest, dass sie infolge ihrer behinderungsbedingten Einschränkung des Gehvermögens nicht
ohne Gefahr für sich Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu
Fuß zurückgelegt werden.
Die AHP 2008 gaben an, welche Funktionsstörungen in welcher Ausprägung vorliegen müssen, bevor
angenommen werden kann, dass ein Behinderter infolge einer Einschränkung des Gehvermögens „in
seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt ist“. Damit wurde dem
Umstand Rechnung getragen, dass das menschliche Gehvermögen keine statische Messgröße ist,
sondern von verschiedenen Faktoren geprägt und variiert wird. Darunter sind neben den
anatomischen Gegebenheiten des Körpers, also Körperbau und etwaige Behinderungen, vor allem der
Trainingszustand, die Tagesform, Witterungseinflüsse, die Art des Gehens (ökonomische
Beanspruchung der Muskulatur, Gehtempo und Rhythmus) sowie Persönlichkeitsmerkmale, vor allem
die Motivation, zu nennen. Von diesen Faktoren filtern die AHP all jene heraus, die nach dem Gesetz
außer Betracht zu bleiben haben, weil sie die Bewegungsfähigkeit des schwerbehinderten Menschen
im Straßenverkehr nicht infolge einer behinderungsbedingten Einschränkung seines Gehvermögens,
sondern möglicherweise aus anderen Gründen erheblich beeinträchtigen (Bundessozialgericht a. a. O.
mit weiteren Nachweisen).
Gemäß § 145 Abs. 1 Satz 1 Sozialgesetzbuch/Neuntes Buch (SGB IX) haben schwerbehinderte
Menschen, die infolge ihrer Behinderung in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich
beeinträchtigt sind, Anspruch auf unentgeltliche Beförderung. Über
Bedeutung für das Merkzeichen G
Die Entscheidung ist eine positive Anwendungsentscheidung aus dem Bereich „Psychogene
Gangstörung / Schwankschwindel“. Für die heutige Prüfung ist vor allem der in
Leitsatz/Orientierungssatz und Entscheidungsgründen konkretisierte funktionelle Maßstab
bedeutsam; die Diagnose allein ersetzt die Prüfung der tatsächlichen Auswirkungen auf
Bewegungsfähigkeit, Gehvermögen oder Orientierung nicht.
Rechtslage im Entscheidungszeitpunkt
Maßgeblich waren §§ 145, 146 SGB IX a.F. in Verbindung mit Teil D Nr. 1 VMG. Die inhaltlich
entsprechende gesetzliche Definition findet sich heute insbesondere in §§ 228, 229 SGB IX.
Übertragbarkeit auf die heutige Rechtslage
Grundsätzlich auf heutige Fälle übertragbar. Maßgeblich bleibt stets die konkrete funktionelle
Vergleichbarkeit mit den VMG-Regelfällen und die behinderungsbedingte Ursache der Einschränkung.
Querverweise
• BSG 9. Senat – 11.08.2015 – B 9 SB 1/14 R: BSG 2015 – Öffnung für psychische Gehstörungen
• Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen 5. Senat – 12.05.2023 – L 5 SB 34/21: Panik/Agoraphobie
ohne spezifische Gehfunktionsstörung – G verneint
• Landessozialgericht Baden-Württemberg 8. Senat – 01.03.2024 – L 8 SB 634/23:
Autismus/Angst/vereinzelte psychogene Lähmungen – G verneint
Vollständiger Entscheidungstext
Gericht: Landessozialgericht Berlin-Brandenburg 13. Senat Entscheidungsdatum: 25.02.2015
Aktenzeichen: L 13 SB 103/12 ECLI: ECLI:DE:LSGBEBB:2015:0225.L13SB103.12.0A Dokumenttyp:
Urteil Quelle:
Normen: § 145 Abs 1 S 1 SGB 9, § 146 Abs 1 S 1 SGB 9, § 69 Abs 4 SGB 9 Zitiervorschlag:
Landessozialgericht Berlin-Brandenburg, Urteil vom 25. Februar 2015 – L 13 SB 103/12 –, juris
Zuerkennung des Merkzeichens "G" wegen einer psychogenen Gangstörung
Orientierungssatz
1. Nach § 145 Abs. 1 S. 1 SGB 9 haben schwerbehinderte Menschen, die infolge ihrer Behinderung in
ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt sind, Anspruch auf
unentgeltliche Beförderung. Diese Voraussetzungen sind bei einem Schwerbehinderten erfüllt, der
infolge einer Einschränkung des Gehvermögens nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten oder nicht
ohne Gefahr für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die
üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden.
2. Ein psychogen verursachter, behinderungsbedingter Schwankschwindel stellt eine psychogene
Gangstörung dar. Führt diese dazu, dass der Schwerbehinderte ohne fremde Begleitung keine
nennenswerten Wege unter ortsüblichen Bedingungen zurücklegen kann, so ist damit insgesamt
dessen Gehvermögen im Rechtssinn erheblich beeinträchtigt, mit der Folge, dass ihm das
Merkzeichen "G" zuzuerkennen ist.
Verfahrensgang
vorgehend SG Potsdam, 12. April 2012, S 9 SB 314/08, Urteil
Tenor
Auf die Berufung der Klägerin werden das Urteil des Sozialgerichts Potsdam vom 12. April 2012 und
der Bescheid des Beklagten vom 1. September 2010 aufgehoben sowie der Beklagte unter Änderung
des Bescheides vom 22. Januar 2008 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 8. Oktober
2008 verpflichtet, bei der Klägerin die gesundheitlichen Voraussetzungen des Merkzeichens „G“ mit
Wirkung ab 5. November 2007 festzustellen.
Der Beklagte hat der Klägerin die notwendigen außergerichtlichen Kosten des Klageverfahrens zur
Hälfte und des Berufungsverfahrens im vollen Umfang zu erstatten.
Die Revision wird nicht zugelassen.
Tatbestand
Die Beteiligten streiten über die Höhe des Grades der Behinderung (GdB) und über das Vorliegen der
gesundheitlichen Voraussetzungen für die Zuerkennung des Merkzeichens "G" (erhebliche
Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr).
Bei der 1950 geborenen Klägerin war 2006 ein Gesamt-GdB von 30 festgestellt worden. Auf deren
Verschlimmerungsantrag vom 5. November 2007 stellte der Beklagte nach Auswertung der
vorliegenden ärztlichen Unterlagen mit Bescheid vom 22. Januar 2008 bei ihr einen GdB von 40 fest,
wobei er von folgenden Funktionsbeeinträchtigungen ausging:
3 - entzündlich-rheumatische Gelenkerkrankung, psychosomatische Störungen (Einzel-GdB von 30),
4 - Magenerkrankung (Einzel-GdB von 10).
Auf den Widerspruch der Klägerin, mit dem sie auch die Feststellung der gesundheitlichen
Voraussetzungen der Merkzeichen „G“ und „aG“ begehrte, setzte der Beklagte nach erneuten
Ermittlungen und auf der Grundlage des versorgungsärztlichen Hinweises, die Internistin Dr. M habe
in ihrem Befundbericht vom 13. Juni 2007 von einer Nephrektomie links berichtet, mit
Widerspruchsbescheid vom 8. Oktober 2008 den Gesamt-GdB auf 50 ab Antragstellung herauf, lehnte
aber die Zuerkennung des beantragten Merkzeichen ab. Dem legte er folgende
Funktionsbeeinträchtigungen zugrunde:
6 - Exostose-Syndrom, entzündlich-rheumatische Gelenkerkrankung, psychosomatische Störungen
(Einzel-GdB von 40),
7 - Verlust einer Niere (Einzel-GdB von 30),
8 - Magenerkrankung (Einzel-GdB von 10).
Mit ihrer Klage bei dem Sozialgericht Potsdam hat die Klägerin zunächst einen Gesamt- GdB von 80
und das Merkzeichen „G“ begehrt.
Nach Anhörung der Klägerin hat der Beklagte mit Bescheid vom 1. September 2010 den
Widerspruchsbescheid vom 8. Oktober 2008 insoweit zurückgenommen, als ein Gesamt- GdB von 50
festgestellt wurde. Zur Begründung hat er ausgeführt, dass der Gesamt-GdB lediglich 40 betrage, da
die Beeinträchtigung „Verlust einer Niere“ nicht vorliege. Tatsächlich sei eine Nierentumor-Exzision
links durchgeführt worden, wobei die Niere erhalten geblieben sei. Ein schutzwürdiges Interesse der
Klägerin in den Bestand des Bescheides sei unter Abwägung mit dem öffentlichen Interesse an der
Rücknahme nicht zu erkennen. Es liege im öffentlichen Interesse, ungerechtfertigte Aufwendungen zu
vermeiden.
Die Klägerin hat daraufhin ihr Klagebegehren auf die Aufhebung des Rücknahmebescheides vom 1.
September 2010 und die Zuerkennung des Merkzeichens „G“ gerichtet.
Das Sozialgericht hat das Gutachten des Internisten Prof. Dr. Dr. S vom 17. September 2011
eingeholt, der bei der Klägerin eine schwere somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert hat. Der
Gesamt-GdB betrage 40.
Ferner hat das Sozialgericht das Gutachten des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie Prof.
Dr. P vom 4. Januar 2012 eingeholt, der den Gesamt-GdB mit 50 eingeschätzt hat. Neben die
somatoforme Schmerzstörung mit einem Einzel-GdB von 40 trete ein phobischer Schwankschwindel,
der einen Einzel-GdB von 20 und die Zuerkennung des Merkzeichens „G“ bedinge.
Das Sozialgericht hat die Klage mit Urteil vom 12. April 2012 abgewiesen: Der Beklagte habe den
Gesamt-GdB zu Recht auf 40 herabgesetzt. Der Bewertung des Sachverständigen Prof. Dr. P werde
nicht gefolgt. Denn nach dem Beschluss des Ärztlichen Sachverständigenbeirats vom März 1998,
bestätigt durch die Auskunft des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung vom 11. Juli 2000,
müssten für die Annahme einer psychischen Erkrankung mit mittelgradigen sozialen
Anpassungsschwierigkeiten, die einen GdB von 50 bedinge, alle sozialen Lebensbereiche und damit
auch die familiäre Ebene betroffen sein. Dies sei bei der Klägerin nicht der Fall, da deren Beziehung
zu ihren Familienmitgliedern harmonisch und gut sei. Das Merkzeichen „G“ käme bei einem Gesamt-
GdB von 40 nicht in Betracht.
Mit der Berufung wendet der Kläger sich gegen diese Entscheidung.
Der Senat hat Beweis erhoben durch Einholung des Gutachtens des Allgemeinmediziners Dr. S vom
20. März 2014 mit ergänzender Stellungnahme vom 16. September 2014. Der Sachverständige hat
bei der Klägerin folgende Funktionsbeeinträchtigungen festgestellt:
17 - Depression, Somatisierungsstörung / Fibromyalgiesyndrom (Einzel-GdB von 50),
18 - Magen- und Zwölffingerdarmbeschwerden (Einzel-GdB von 10),
19 - Funktionsstörung der Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule (Einzel-GdB von 10),
20 - Schultergelenkfunktionsstörung bei Verschleiß, Verkalkung und Schultereckgelenkverschleiß
(Einzel-GdB von 10).
Den Gesamt-GdB hat der Sachverständige mit 50 eingeschätzt. Die gesundheitlichen
Voraussetzungen des Merkzeichens „G“ lägen nicht vor.
Die Klägerin beantragt,
das Urteil des Sozialgerichts Potsdam vom 12. April 2012 und den Bescheid des Beklagten vom 1.
September 2010 aufzuheben sowie den Beklagten unter Änderung des Bescheides vom 22. Januar
2008 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 8. Oktober 2008 zu verpflichten, bei ihr die
gesundheitlichen Voraussetzungen des Merkzeichens „G“ mit Wirkung ab 5. November 2007
festzustellen.
Der Beklagte beantragt,
die Berufung zurückzuweisen.
Er hält die erstinstanzliche Entscheidung für zutreffend.
Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird Bezug genommen auf die
Schriftsätze der Beteiligten, den übrigen Inhalt der Gerichtsakte und die Verwaltungsvorgänge des
Beklagten, die vorgelegen haben und Gegenstand der mündlichen Verhandlung gewesen sind.
Entscheidungsgründe
Die zulässige Berufung der Klägerin ist begründet.
Das Sozialgericht hat die Klage zu Unrecht abgewiesen.
30 1. Der angegriffene Herabsetzungsbescheid vom 1. September 2010 ist rechtswidrig und verletzt
die Klägerin in ihren Rechten.
Rechtsgrundlage für die Aufhebung des Bewilligungsbescheides ist § 45 Abs. 1 Sozialgesetzbuch,
Zehntes Buch (SGB X), wonach ein Verwaltungsakt, der ein Recht oder einen rechtlich erheblichen
Vorteil begründet oder bestätigt hat (begünstigender Verwaltungsakt), auch nachdem er
unanfechtbar geworden ist, ganz oder teilweise mit Wirkung für die Zukunft oder für die
Vergangenheit zurückgenommen werden darf, soweit er rechtswidrig ist.
Der Widerspruchsbescheid vom 8. Oktober 2008 war, soweit er von dem Beklagten aufgehoben
worden ist, nicht rechtswidrig. Denn bei der Klägerin war ein Gesamt-GdB von 50 festzustellen.
Nach den §§ 2 Abs. 1, 69 Abs. 1 Sozialgesetzbuch, Neuntes Buch (SGB IX) sind die Auswirkungen der
länger als sechs Monate anhaltenden Funktionsstörungen nach Zehnergraden abgestuft
entsprechend den Maßstäben des § 30 Bundesversorgungsgesetz zu bewerten. Hierbei waren als
antizipierte Sachverständigengutachten die vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale
Sicherung herausgegebenen Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit (AHP) in der Fassung
vom 2008 heranzuziehen.
Der von dem Sozialgericht als Sachverständiger herangezogene Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie Prof. Dr. P hat in seinem Gutachten vom 4. Januar 2012 überzeugend – und im
Einklang mit dem Sachverständigen Prof. Dr. Dr. S in dessen Gutachten vom 17. September 2011 –
dargelegt, dass die somatoforme Schmerzstörung mit einem Einzel-GdB von 40 einzuschätzen ist.
Ausdrücklich hat Prof. Dr. P darauf hingewiesen, dass die Behinderung der Klägerin die Kategorie für
schwere Störungen mit mittelgradigen sozialen Anpassungsschwierigkeiten nicht erfüllt. Dieser
Bewertung, die den Vorgaben in Nr. 26.3 der AHP 2008 entspricht, schließt der Senat sich an.
Vorliegend ist allerdings zu berücksichtigen, dass im Falle der KIägerin ein phobischer
Schwankschwindel hinzu tritt. Diese Behinderung ist mit einem Einzel-GdB von 20 zu würdigen.
Ausweislich der Feststellungen des Sachverständigen stellen die Schmerzstörung und die
Schwindelerkrankung unterschiedliche Funktionsstörungen mit unterschiedlichen Auswirkungen auf
die Teilhabefähigkeit der Klägerin dar. Das Hinzutreten des schwindelbedingten Einzel-GdB von 20
zum führenden schmerzbedingten Einzel-GdB von 40 führt deshalb zu einer Erhöhung des
Gesamt-GdB auf 50.
35 2. Der Klägerin steht ab dem 5. November 2007 ein Anspruch auf Zuerkennung des Merkzeichens
G zu.
Gemäß § 145 Abs. 1 Satz 1 Sozialgesetzbuch/Neuntes Buch (SGB IX) haben schwerbehinderte
Menschen, die infolge ihrer Behinderung in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich
beeinträchtigt sind, Anspruch auf unentgeltliche Beförderung. Über
das Vorliegen der damit angesprochenen gesundheitlichen Merkmale treffen die für die Durchführung
des Bundesversorgungsgesetzes zuständigen Behörden die erforderlichen Feststellungen (§ 69 Abs. 1
und 4 SGB IX). Nach § 146 Abs. 1 Satz 1 SGB IX ist in seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr
erheblich beeinträchtigt, wer infolge einer Einschränkung des Gehvermögens nicht ohne erhebliche
Schwierigkeiten oder nicht ohne Gefahr für sich oder andere Wegstrecken im Ortsverkehr
zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu Fuß zurückgelegt werden. Das Gesetz fordert in §
Abs. 1 Satz 1, § 146 Abs. 1 Satz 1 SGB IX eine doppelte Kausalität: Ursache der beeinträchtigten
Bewegungsfähigkeit muss eine Behinderung des schwerbehinderten Menschen sein und diese
Behinderung muss sein Gehvermögen einschränken. Die AHP 2008 beschrieben dazu in Nr. 30 Abs. 3
bis Abs. 5 Regelfälle, bei denen nach dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen
Erkenntnisse die gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen G als erfüllt anzusehen sind
und die bei der Beurteilung einer dort nicht erwähnten Behinderung als Vergleichsmaßstab dienen
können (vgl. Bundessozialgericht, Urteil vom 24. April 2008, B 9/9a SB 7/06 R, juris). Nichts anderes
gilt im Ergebnis für den Zeitraum nach dem Außerkrafttreten der AHP 2008 (vgl. Urteil des Senats
vom 28. November 2014, L 13 SB 73/13).
Die AHP 2008 gaben an, welche Funktionsstörungen in welcher Ausprägung vorliegen müssen, bevor
angenommen werden kann, dass ein Behinderter infolge einer Einschränkung des Gehvermögens „in
seiner Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt ist“. Damit wurde dem
Umstand Rechnung getragen, dass das menschliche Gehvermögen keine statische Messgröße ist,
sondern von verschiedenen Faktoren geprägt und variiert wird. Darunter sind neben den
anatomischen Gegebenheiten des Körpers, also Körperbau und etwaige Behinderungen, vor allem der
Trainingszustand, die Tagesform, Witterungseinflüsse, die Art des Gehens (ökonomische
Beanspruchung der Muskulatur, Gehtempo und Rhythmus) sowie Persönlichkeitsmerkmale, vor allem
die Motivation, zu nennen. Von diesen Faktoren filtern die AHP all jene heraus, die nach dem Gesetz
außer Betracht zu bleiben haben, weil sie die Bewegungsfähigkeit des schwerbehinderten Menschen
im Straßenverkehr nicht infolge einer behinderungsbedingten Einschränkung seines Gehvermögens,
sondern möglicherweise aus anderen Gründen erheblich beeinträchtigen (Bundessozialgericht a. a. O.
mit weiteren Nachweisen).
Die so verstandenen gesundheitlichen Voraussetzungen für das Merkzeichen G erfüllt die Klägerin.
Nach dem Gesamtergebnis des Verfahrens (§ 128 Abs. 1 Satz 1 SGG) steht zur Überzeugung des
Senats fest, dass sie infolge ihrer behinderungsbedingten Einschränkung des Gehvermögens nicht
ohne Gefahr für sich Wegstrecken im Ortsverkehr zurückzulegen vermag, die üblicherweise noch zu
Fuß zurückgelegt werden.
Zwar ist die Klägerin nicht aufgrund von orthopädischen oder internistischen Beeinträchtigungen
daran gehindert, ortsübliche Strecken zurückzulegen. Im Falle der Klägerin besteht die Besonderheit
indessen darin, dass sie unter einem psychogen verursachten, behinderungsbedingten
Schwankschwindel leidet, der als psychogene Gangstörung zu bewerten ist. Dies hat insbesondere
der Sachverständige Prof. Dr. P zweifelsfrei festgestellt. Diese Gangstörung führt dazu, dass die
Klägerin ohne fremde Begleitung keine nennenswerten Wege unter ortsüblichen Bedingungen
zurücklegen kann und damit insgesamt das Gehvermögen im Rechtssinne erheblich beeinträchtigt
ist.
An dieser Einschätzung ändert sich auch nichts dadurch, dass die psychogene Gangstörung der
Klägerin weder unter die hirnorganischen Anfälle nach Nr. 30 Abs. 4 AHP 2008 fällt noch als
Störungen der Orientierungsfähigkeit nach Nr. 30 Abs. 5 AHP 2008 anzusehen ist. Denn die
vorgenannten Beispiele beschreiben lediglich Regelfälle, bei denen die Voraussetzungen des
Merkzeichens G als erfüllt anzusehen sind, sie sind indessen nicht abschließend, sondern dienen bei
der Beurteilung einer dort nicht erwähnten Behinderung als Vergleichsmaßstab (BSG, Urteil vom 24.
April 2008, B 9/9a SB 7/06 R, juris). Der Senat hat keine Zweifel, dass die behinderungsbedingte
psychogene Gangstörung der Klägerin so schwer wiegt, dass sie ohne weiteres mit den genannten
Regelbeispielen der hirnorganischen Anfälle oder der Störungen der Orientierungsfähigkeit
vergleichbar ist. Sie gehört nicht zu den Faktoren, die bei einer Betrachtung einer
behinderungsbedingten Gangstörung außer Betracht zu haben bleiben, sondern stellt eine
schwerwiegende gesundheitliche Einschränkung dar.
Die Kostenentscheidung beruht auf § 193 SGG und folgt dem Ausgang in der Hauptsache.
Die Voraussetzungen für die Zulassung der Revision (§ 160 Abs. 2 SGG) sind nicht erfüllt.