Rechtsprechung zu Teil B Nr. 17 VersMedV – Haut
LSG Baden-Württemberg
13.03.2025 – L 6 SB 835/24
Einordnung: 17.12 Nävi / Abgrenzung 17.13
Kernaussage: Bei unauffälligem Hautbefund und verschiedenen unauffälligen Nävi bestand im Funktionssystem Haut kein GdB von wenigstens 10. Ein Weichteilsarkom des Oberschenkels ist zudem kein „maligner Tumor der Haut“ im Sinne von Nr. 17.13.
Entscheidungsstatus: Materielle Entscheidung; direkte Aussagen zu Nr. 17.12 und zur Abgrenzung von Nr. 17.13.
Bedeutung für die GdB-Bewertung
Die Entscheidung ist doppelt wichtig: Sie markiert die Nullstufe bei Nävi ohne Entstellung oder funktionelle Auswirkungen und grenzt die hautonkologische Heilungsbewährung der Nr. 17.13 von Weichteiltumoren anderer Gewebe ab.
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Tenor
Die Berufung des Klägers gegen den Gerichtsbescheid des Sozialgerichts Ulm
vom 13. Februar 2024 wird zurückgewiesen.
Außergerichtliche Kosten sind auch im Berufungsverfahren nicht zu erstatten.
Tatbestand
1 Der Kläger wendet sich gegen den Entzug des Grades der Behinderung (GdB) von 50
aufgrund eingetretener Heilungsbewährung.
2 Bei dem 1977 geborenen Kläger wurde im Dezember 2012 im Universitätsklinikum T1
ein High grade Sarkom am linken Oberschenkel diagnostiziert. Das Sarkom wurde histo-
logisch als maligner, spindelzelliger mesenchymaler Tumor mit ausgedehnten Tumorne-
krosen und hoher mitotischer Aktivität beschrieben, das initiale Tumorstadium wurde mit
cT2b, cNO, cMO festgestellt. Nach der neoadjuvanten Radiochemotherapie erfolgte am
10. Juni 2013 eine en-bloc-Tumorresektion der Außenrotatoren des Hüftgelenks links.
3 Der Kläger beantragte im August 2013 bei dem Landratsamt O1 (LRA) rückwirkend ab 1.
Dezember 2012 die Feststellung des GdB im Hinblick auf seine Krebserkrankung.
4 N1 empfahl versorgungsärztlich nach Auswertung der medizinischen Unterlagen die
rückwirkende Anerkennung eines GdB von 50 wegen eines Weichteilsarkoms am linken
Oberschenkel. Ab der Tumorentfernung am 10. Juni 2013 könne die Heilungsbewährung
angesetzt werden.
5 Mit Bescheid vom 22. August 2013 stellte das LRA daher einen GdB von 50 seit dem 1.
Dezember 2012 wegen eines Weichteilsarkoms am linken Oberschenkel (in Heilungsbe-
währung) fest. Bei der Bewertung des GdB sei eine Gesundheitsstörung im Stadium der
Heilungsbewährung berücksichtigt. Das heiße, dass der GdB höher eingeschätzt sei, als
dies dem tatsächlichen Zustand entspreche. Dies geschehe, um über einen bestimmten
Zeitraum eine Stabilisierung des Gesundheitszustandes abzuwarten. Sei nach dem Er-
gebnis einer entsprechenden Nachprüfung diese Stabilisierung eingetreten, werde der
GdB gegebenenfalls auf das tatsächlich bestehende Maß zurückgeführt, selbst wenn Be-
schwerden und Allgemeinzustand unverändert sein sollten.
6 Das LRA leitete 2018 eine erste Nachprüfung der gesundheitlichen Verhältnisse ein. Der
Kläger verwies hierbei auf einen Arztbrief des W1 vom 17. Juli 2018, nach dem sich im
MRT ein kontrastmittelaufnehmender Herdbefund im Musculus adductor longus links-
seitig sowie kontralateral im rechtsseitigen Musculus adductor brevis gezeigt hatte. Lo-
kalrezidive bzw. Metastasen könnten nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, wes-
wegen sich eine erneute Bildgebung (z.B. PET-CT) empfehle. Der behandelnde H1 teilte
dem LRA in einem Befundschein vom 21. Oktober 2018 mit, dass sich bei der Kontroll-
untersuchung im September 2018 eine Progredienz des Herdbefundes im Musculus ad-
ductor brevis gezeigt habe. Deshalb sei eine Vorstellung in der Radiologischen Klinik der
Universität T1 zum PET-CT erfolgt, das keinen Nachweis eines rezidiv- oder metastasen-
suspekten Befundes erbracht habe. Um für den verunsicherten Patienten einen endgül-
tigen Ausschluss zu erhalten, sei für den Jahreswechsel nochmals ein MRT vorgesehen.
Nach dem entsprechenden MRT-Bericht von W1 vom 3. September 2018 war der Herd-
befund am rechtsseitigen Musculus adductor brevis nicht mehr nachweisbar. Ansonsten
bestehe Befundkonstanz mit Befundprogredienz der Adduktorenmuskulatur linksseitig.
Nach dem Bericht des Universitätsklinikums T1 vom 26. September 2018 hatte sich im
PET-CT kein Nachweis eines rezidiv- oder metastasensuspekten Befundes ergeben. Es
bestehe eine kleine fokale Stoffwechselsteigerung im linken Musculus adductor longus
ohne CT-morphologisches Korrelat und ohne korrelierende Raumforderung in der exter-
nen MRT.
7 Nach versorgungsärztlicher Stellungnahme von Z1 vom 8. Februar 2019 sollte damit die
Behinderung entfallen, da kein Hinweis auf Progress oder Rezidiv bestünde.
8 Der Kläger wies auf das entsprechende Anhörungsschreiben des LRA zu einer beabsich-
tigten Aufhebung des Bescheides darauf hin, dass bei unklaren Befunden eine weite-
re Bildgebung empfohlen worden sei. Er beantrage daher die dauerhafte Beibehaltung
des GdB und wies darauf hin, dass er als Mitarbeiter einer Krankenkasse alle rechtlichen
Möglichkeiten ausschöpfen werde.
9 In dem Befundbericht vom 15. März 2019 nach einer weiteren MRT mit Kontrastmittel
führte W1 aus, dass keine Befundprogredienz festzustellen sei. Es bestehe kein Hin-
weis auf ein Lokalrezidiv, Satellitenherde oder Fernmetastasen. Die Veränderungen sei-
en wahrscheinlich operationsbedingt bzw. postradiogen. K1 vom Städtischen Klinikum
D1 hatte zuvor am 31. Januar 2019 ausgeführt, dass bei der über Jahre hinweg zuneh-
menden Signalstörung im Bereich des Adductor longus eine aktuelle MRT mit KM und bei
fortbestehendem Befund eine histologische Sicherung empfohlen werde.
10 Nach Auswertung dieser Unterlagen führte Z1 am 20. Mai 2019 versorgungsärztlich er-
gänzend aus, dass, obwohl das PET-CT keinen Hinweis auf ein Rezidiv ergeben habe,
weiterhin der unklare Befund von verschiedenen Ärzten diskutiert werde. Nach dem Be-
fundbericht aus D1 sollte ein erneutes MRT durchgeführt werden. Insgesamt werde vor-
geschlagen, die Heilungsbewährung um ein Jahr zu verlängern und 5/2020 den aktuellen
Stand zu erfragen.
11 Das LRA teilte dem Kläger am 23. Mai 2019 hierauf schriftlich mit, dass derzeit keine
Herabsetzung des GdB beabsichtigt sei.
12 In dem erneuten Nachprüfungsverfahren ab Mai 2020 wirkte der Kläger unter Verweis
auf die Corona-Pandemie nicht mit und beantragte stattdessen die unbefristete Verlän-
gerung des Schwerbehindertenausweises. Z1 schlug daher versorgungsärztlich vor, bei
mangelnder Mitwirkung von einem bestmöglichen Verlauf auszugehen, so dass die Be-
hinderung entfalle.
13 Auf das entsprechende Anhörungsschreiben des LRA vom 28. Dezember 2020 hin führ-
te der Kläger aus, dass sein Antrag zu verbescheiden sei. Er legte ferner die Art und das
Ausmaß des bei ihm festgestellten Tumors dar. Frühestens Ende 2023 sei das Ende der
Heilungsbewährung erreicht. Er werde einen Herabstufungsbescheid bis zu diesem Zeit-
punkt definitiv nicht akzeptieren und den Rechtsweg beschreiten, zumal Widerspruch
und Klage aufschiebende Wirkung hätten. Er setzte dem LRA dann eine Frist bis 28. Fe-
bruar 2021 zur Entscheidung über seinen Antrag.
14 Nach dem von dem LRA beigezogenen CT der Thoraxorgane mit KM berichtete der T2
am 21. Oktober 2020 von keiner Befundveränderung. Es bestünden keine abgrenzbaren
Herdbefunde oder suspekte Lymphknoten oder suspekte ossäre Skelettherde. In seinem
Befundschein teilte H1 dem LRA am 18. März 2021 mit, dass ein Rezidiv 2018 im PET-CT
habe ausgeschlossen werden können. Die nachfolgenden Untersuchungen hätten keinen
weiteren Anhalt für ein Rezidiv ergeben. Der Kläger leide seit der Behandlung an rezidi-
vierenden Schmerzen und Reizungen im linken Bein bei deutlich geringerem Beinumfang
und einem erheblichen Kraftdefizit. In dem weiteren von dem LRA eingeholten Arztbrief
gaben die W2 am 9. Juni 2021 an, dass keine Hauterkrankung dokumentiert sei. Sie be-
richteten nach einem Hautkrebsscreening im Mai 2021 von den Diagnosen Melanozyten-
naevi, Sarcom und atypischer Naevuszellnaevus, wobei die vorhandenen Naevi unauffäl-
lig gewesen seien. Ein etwas irregulär pigmentiertes Muttermal hinter dem Ohr sei vor-
sichtshalber entfernt worden. Der Vater des Klägers habe wohl an einem metastasieren-
den Melanom gelitten.
15 Die P1 führte hierzu versorgungsärztlich aus, dass ein Zustand nach (Z.n.) Weichteilsar-
kom linker Oberschenkel bei 2018 eingetretener Heilungsbewährung mit keinem Teil-
GdB von mindestens 10 zu bewerten sei. Bei malignen Erkrankungen sei eine Heilungs-
bewährung von maximal 5 Jahren vorgesehen. Eine Verlängerung auf 10 Jahre wegen
weiter erforderlicher Nachsorge sei nicht zu begründen. Mit den aktuellen Befunden sei
Rezidivfreiheit nachgewiesen und damit Heilungsbewährung eingetreten. Der Verlauf
des Nachuntersuchungsverfahrens zeige, dass der Kläger mit seinen Bemühungen, alle
rechtlichen Möglichkeiten zur Beibehaltung der Schwerbehinderteneigenschaften auszu-
schöpfen, bislang erfolgreich gewesen sei.
16 Mit dem hier angefochtenen Bescheid vom 28. Juni 2021 hob das LRA den Bescheid vom
22. August 2013 auf und stellte fest, dass ab dem 1. Juli 2021 ein GdB von mindestens
20 und die Schwerbehinderteneigenschaft nicht mehr vorlägen. Der Zustand nach (Z.n.)
Weichteilsarkom linker Oberschenkel mit 2018 eingetretener Heilungsbewährung bedin-
ge keinen Teil-GdB von wenigstens 10 und stelle deshalb keine Behinderung dar.
17 Der Kläger legte hiergegen unter Verweis auf sein bisheriges Vorbringen Widerspruch
ein. Auf seinen Antrag auf Verlängerung der Heilungsbewährung bis Ende 2023 sei nicht
eingegangen worden und seine Fristsetzungen seien ignoriert worden. Er fühle sich auch
persönlich angegriffen.
18 W3 nahm versorgungsärztlich dahingehend Stellung, dass nach den vorliegenden ärzt-
lichen Unterlagen von Seiten des Sarkoms Rezidivfreiheit bestehe. Somit sei Heilungs-
bewährung eingetreten. Verbliebene Gesundheitsstörungen seien nicht objektivierbar
belegt. Die Rückstufung nach Eintritt der Heilungsbewährung sei zutreffend. Tenor und
GdB entfielen.
19 Mit Widerspruchsbescheid vom 4. August 2021 wies das Regierungspräsidium S1 den
Widerspruch zurück. In den Verhältnissen, die dem letzten maßgebenden Bescheid vom
22. August 2013 zugrunde gelegen hätten, sei eine wesentliche Änderung insoweit ein-
getreten, als die Heilungsbewährung von 5 Jahren abgelaufen sei. Nachdem kein Rezi-
div der malignen Grunderkrankung aufgetreten sei, könne kein GdB von mindestens 20
mehr festgestellt werden. Mit den aktuellen Befunden sei Rezidivfreiheit nachgewiesen.
Die Heilungsbewährung sei eingetreten.
20 Der Kläger hat am 3. September 2021 beim Sozialgericht Ulm (SG) Klage erhoben, da
der GdB bis mindestens 31. Dezember 2023 mit 50 zu bemessen sei. Sein Antrag auf
Verlängerung der Heilungsbewährung sei nicht berücksichtigt worden. Auch sei die ver-
sorgungsärztliche Stellungnahme von unsachlichen Überlegungen beeinflusst gewesen.
21 Das SG hat den W2 sowie den H1 schriftlich als sachverständige Zeugen befragt.
22 W2 hat am 26. Januar 2022 von einem unauffälligen Hautbefund berichtet. Bei dem ent-
fernten suspekten Naevus habe es sich histologisch gesichert um einen unauffälligen
Compoundnaevus gehandelt. Für den GdB relevante Gesundheitsstörungen auf dermato-
logischem Gebiet bestünden nicht.
23 H1 hat am 7. Februar 2022 eine hausärztliche Behandlung seit 2013 dargelegt. Es be-
stehe eine deutliche muskuläre Differenz des linken zum rechten Oberschenkel im Hin-
blick auf Umfang, Kraft und Belastbarkeit. Auffällig sei, dass der Kläger seit der Feststel-
lung des Herdbefundes im MRT 2018 unter einer erheblich größeren Angst vor einem
Tumorrezidiv leide. Seine Beweglichkeit sei nicht wesentlich eingeschränkt. Es bestün-
den aber Anlaufschmerzen nach längerem Sitzen oder beim Aufstehen ein muskulärer
Spannungsschmerz im gesamten linken Bein. Diese Störungen seien seit Jahren gleich-
bleibend. Er hat einen Befundbericht von W1 vom 22. November 2021 vorgelegt, in dem
dieser nach einer erneuten MRT mit KM Im Vergleich zur letzten Voruntersuchung weiter-
hin keine relevanten Befundänderungen gesehen hat. Nach wie vor bestehe kein siche-
rer Hinweis auf ein lokales Tumorrezidiv oder Fernmetastasen. Es finde sich weiterhin ei-
ne als reaktiv zu wertende Kontrastmittelaufnahme im voroperierten und bestrahlten Be-
reich. Daneben bestehe eine unveränderte Hypotrophie von vielen muskulären Struktu-
ren des linken Oberschenkels mit resultierender persistierender Oberschenkel-Umfangs-
differenz.
24 Der Beklagte ist der Klage unter Verweis auf eine versorgungsärztliche Stellungnahme
von B1 vom 15. März 2022 entgegengetreten, da kein GdB von mindestens 20 mehr
festzustellen sei. B1 hat die hausärztlich angegebene muskuläre Differenz mit Kraftein-
schränkung als Gebrauchseinschränkung des linken Beines mit einem Teil-GdB von 10
bewertet. Radiologisch bestehe weiterhin kein Hinweis auf ein Rezidiv. Die Entfernung ei-
nes Naevus bedinge einen GdB von 0.
25 Der Kläger hat seinerseits an der Klage festgehalten, da die Heilungsbewährung indi-
viduell zu prüfen und zu bemessen gewesen wäre, weil die Versorgungsmedizinischen
Grundsätze (VG) keine Regelung zur Heilungsbewährung bei einem Weichteilsarkom ent-
hielten.
26 Mit einem als Gerichtsbescheid bezeichneten Schriftstück vom 3. Juli 2023 hat das SG
die Klage abgewiesen. Eine Namenswiedergabe des entscheidenden Richters ist weder
im Rubrum noch am Ende des elektronischen Dokuments enthalten; eine elektronische
Signatur ist erfolgt. Weiterhin hat das SG am 5. Juli 2023 den Beteiligten mitgeteilt, dass
ein Wechsel der Kammerzuständigkeit eingetreten sei und für das Verfahren nunmehr
die 9. Kammer zuständig sei.
27 Auf die Berufung des Klägers hat der Senat mit Urteil vom 5. Oktober 2023 (Az. L 6 SB
2273/23) festgestellt, dass es sich bei dem als Gerichtsbescheid bezeichneten Schrift-
stück des Sozialgerichts Ulm vom 3. Juli 2023 nicht um einen wie ein Urteil wirken-
den Gerichtsbescheid im Sinne des Sozialgerichtsgesetzes handelte. Es liege nur eine
Schein- bzw. Nichtentscheidung vor, die die Beteiligten nicht binde. Im Übrigen hat er
die Berufung als unzulässig verworfen, da keine Sachentscheidung vorliege. Das Verfah-
ren sei weiterhin bei dem SG anhängig.
28 Mit weiterem Gerichtsbescheid vom 13. Februar 2024 (Az.: S 9 SB 2763/23) hat das SG
die Klage nach erneuter Anhörung der Beteiligten zu dieser Verfahrensweise abgewie-
sen. In den Verhältnissen bei Erlass des Bescheides vom 22. August 2013 sei eine we-
sentliche Besserung eingetreten, da die Heilungsbewährung von 5 Jahren nach den VG,
Teil B Nr. 17.13 komplikationsfrei abgelaufen sei. Soweit H1 von einer muskulären Diffe-
renz zwischen linkem und rechtem Oberschenkel mit Krafteinschränkung berichtet habe,
erscheine ein Teil-GdB von 10 angemessen. Ein Gesamt-GdB von mindestens 20 sei da-
mit nicht festzustellen.
29 Der Kläger hat am 13. März 2024 beim SG Berufung mit der Begründung eingelegt, das
SG habe bei der Frage der Heilungsbewährung auf Regelungen der VG abgestellt, die ei-
nen malignen Tumor der Haut beträfen. Er habe nicht an einem derartigen Tumor, son-
dern an einem High grade Sarkom im Oberschenkel gelitten. Bei Weichteilsarkomen han-
dele es sich um bösartige Tumore, die aus mesenchymalem Gewebe wie Knochen- und
Muskelgewebe, Fett- und peripherem Nervengewebe, sowie dem Gewebe von Blut- und
Lymphgefäßen entstünden. Er sei bei Erkrankungsbeginn 35 Jahre alt gewesen, so dass
er zu einem seltenen Fall und zusätzlich auch nicht zur typischen Zielgruppe gehört ha-
be. In seinem Fall habe es sich um einen tiefen Tumor gehandelt, der zudem schlecht
differenziert gewesen sei, was sich auf die Prognose auswirke. Der Hautkrebs sei hiervon
deutlich zu unterscheiden. Er beantrage zu prüfen, ob die Heilungsbewährung in seinem
Einzelfall nicht über den 31. Dezember 2023 hinaus dauerhaft erteilt werden müsse, da
im Gesetz bzw. in den VG keine Höchstgrenze der Heilungsbewährung genannt sei.
30 Der Kläger beantragt,
31 den Gerichtsbescheid des Sozialgerichts Ulm vom 13. Februar 2024 sowie den
Bescheid vom 28. Juni 2021 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 4.
August 2021 aufzuheben und den Beklagten zu verpflichten, den Grad der Be-
hinderung weiterhin mit 50 festzustellen und ihm einen unbefristeten Schwerbe-
hindertenausweis auszustellen.
32 Der Beklagte beantragt,
33 die Berufung des Klägers zurückzuweisen.
34 Er verweist auf die angefochtene Entscheidung. Es erschließe sich ihm nicht ganz, wes-
halb das Weichteilsarkom im linken Oberschenkel nicht zu einem malignen Tumor der
Haut gezählt werden könne.
35 Der Senat hat den Kläger darauf hingewiesen, dass die vorgenommene Herabsetzung
nicht zu beanstanden sein dürfte, nachdem auch die letzte Untersuchung beim Haut-
arzt keine Hinweise auf ein Rezidiv ergeben habe. Alle behandelnden Ärzte seien be-
fragt worden; mehr könne der Senat für den abgelaufenen Zeitraum nicht ermitteln. Die
Schwerbehinderteneigenschaft verbleibe ihm bis zum Abschluss des Verfahrens.
36 Hinsichtlich des weiteren Sachverhalts und des Vorbringens der Beteiligten wird auf den
Inhalt der Gerichtsakten und der beigezogenen Verwaltungsakte Bezug genommen.
Entscheidungsgründe
37 Die form- und fristgerecht (§ 151 Sozialgerichtsgesetz [SGG]) eingelegte Berufung des
Klägers ist statthaft (§§ 143, 144 SGG) und auch im Übrigen zulässig, aber unbegründet.
38 Streitgegenstand des Berufungsverfahrens ist der Gerichtsbescheid vom 13. Februar
2024, mit dem das SG zum einen die isolierte Anfechtungsklage (§ 54 Abs. 1 SGG) ge-
gen den Bescheid vom 28. Juni 2021 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom
4. August 2021 (§ 95 SGG) abgewiesen hat. Der Kläger hat daneben ausdrücklich eine
Verpflichtungsklage auf Feststellung eines GdB von weiterhin 50 und eine Leistungskla-
ge auf Ausstellung eines entsprechenden Schwerbehindertenausweises erhoben (§§ 54
Abs. 1, Abs. 5, 56 SGG).
39 Die Klage auf Ausstellung eines entsprechenden unbefristeten Schwerbehindertenaus-
weises ist als echte Leistungsklage nach § 54 Abs. 5 SGG statthaft. Insoweit besteht ein
Rechtsschutzbedürfnis, da der Ausweis nur befristet erteilt wurde (vgl. LSG Baden-Würt-
temberg, Urteil vom 29. September 2023 – L 8 SB 1641/23 –, juris, Rz. 22).
40 Soweit es um die Prüfung von Schadensersatzansprüchen wegen angeblich verspäteter
Ausstellung geht, hat der kundige Kläger das Begehren im Klage- und Berufungsverfah-
ren nicht fortgeführt.
41 Insofern der Kläger erstinstanzlich geltend gemacht hat, die Heilungsbewährung bis zum
31. Dezember 2023 zu verlängern, so hat das SG dieses Begehren zutreffend dahinge-
hend verstanden, dass es als „bis mindestens“ zu verstehen ist und so dem klägerischen
Antrag zugrunde gelegt, was die dahingehende Nachfrage des Senats vom 4. April 2024
bestätigt hat. Er hat also den Antrag nicht zeitlich beschränkt, so dass durch den reinen
Zeitablauf das Rechtsschutzinteresse entfallen wäre. Eine Beschränkung des Streitge-
genstands liegt hierin deshalb ebenfalls nicht.
42 Maßgebender Zeitpunkt für die Beurteilung der Sach- und Rechtslage ist bei einer An-
fechtungsklage der Zeitpunkt der letzten Verwaltungsentscheidung, mithin derjenige des
Erlasses des Widerspruchsbescheides (vgl. für die Herabbemessung des GdB Urteil des
Senats vom 21. Februar 2019 – L 6 SB 2892/18 –, juris, Rz. 26; vgl. Urteil des Senats vom
14. Oktober 2021 – L 6 SB 2703/20 –, juris, Rz. 34). Maßgebender Zeitpunkt für die Be-
urteilung des Sach- und Streitstandes ist bei einer Verpflichtungs- und Leistungsklage
der Zeitpunkt der letzten Verwaltungsentscheidung (vgl. Keller in: Meyer-Ladewig/Kel-
ler/Schmidt, Kommentar zum SGG, 14. Aufl. 2023, § 54 Rz. 33; BSG, Urteil vom 13. Au-
gust 1997 – 9 RVs 10/96 –, juris, Rz. 15; BSG, Urteil vom 11. August 2015 – B 9 SB 2/15 R
–, juris, Rz. 13).
43 Die Unbegründetheit der Berufung ergibt sich hinsichtlich der Verpflichtungsklage aus
deren Unzulässigkeit. Die Verpflichtungsklage auf Feststellung eines GdB von weiterhin
50 ist unzulässig, da es hierfür an dem erforderlichen Rechtsschutzbedürfnis fehlt. Denn
bei der mit der Anfechtungsklage erstrebten Aufhebung des angefochtenen Bescheides
vom 28. Juni 2021 in der Gestalt des Widerspruchsbescheides vom 4. August 2021 wür-
de die vorherige Feststellung des höheren GdB von selbst wiederaufleben (vgl. Urteil des
Senats vom 21. Februar 2019 – L 6 SB 2892/18 –, juris, Rz. 24), zumal der rechtskundi-
ge Kläger eine Neufeststellung des GdB gar nicht beantragt hat. Das entnimmt der Senat
dem Formular im Nachprüfungsverfahren.
44 Die ursprüngliche Feststellung eines GdB von 50 wäre dann weiterhin wirksam, so dass
das alleine hierauf gerichtete Rechtsschutzziel des Klägers bereits erreicht wäre. Auf die
von dem Kläger behauptete Möglichkeit einer Genehmigungsfiktion ist bereits aus die-
sem Grunde nicht einzugehen. Die Genehmigungsfiktion des § 18 Abs. 3 Satz 1 SGB IX
kann schon in Ermangelung eines Antrags nicht greifen und bezieht sich abgesehen da-
von nach dem eindeutigen Wortlaut, der die Grenze der zulässigen Auslegung bildet, oh-
nehin nur auf „Leistungen zur Teilhabe“, die unzweifelhaft nicht streitbefangen sind.
45 Die Unbegründetheit der Berufung im Übrigen folgt aus der Unbegründetheit der An-
fechtungsklage. Der angefochtene Bescheid vom 28. Juni 2021 in der Gestalt des Wi-
derspruchsbescheides vom 4. August 2021 ist rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht
in seinen Rechten (§ 54 Abs. 1 Satz 2 SGG). Der Beklagte hat die Feststellung des GdB
nach ordnungsgemäßer Anhörung des Klägers zu Recht aufgehoben, weil bei ihm infolge
eingetretener Heilungsbewährung jedenfalls ab dem Herabsetzungszeitpunkt kein GdB
von 20 mehr festzustellen ist. Die Klageabweisung durch das SG ist damit nicht zu bean-
standen.
46 Rechtsgrundlage des angefochtenen Bescheides ist § 48 Abs. 1 Satz 1 Zehntes Buch So-
zialgesetzbuch (SGB X). Danach ist, soweit in den tatsächlichen oder rechtlichen Verhält-
nissen, die bei Erlass eines Verwaltungsaktes mit Dauerwirkung vorgelegen haben, ei-
ne wesentliche Änderung eintritt, der Verwaltungsakt mit Wirkung für die Zukunft aufzu-
heben. Gemäß § 48 Abs. 1 Satz 2 SGB X soll der Verwaltungsakt mit Wirkung vom Zeit-
punkt der Änderung der Verhältnisse aufgehoben werden, soweit die Änderung zuguns-
ten der Betroffenen erfolgt (§ 48 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 SGB X). Dabei liegt eine wesentliche
Änderung vor, soweit der Verwaltungsakt nach den nunmehr eingetretenen tatsächli-
chen oder rechtlichen Verhältnissen nicht mehr so erlassen werden dürfte, wie er ergan-
gen war. Die Änderung muss sich nach dem zugrundeliegenden materiellen Recht auf
den Regelungsgehalt des Verwaltungsaktes auswirken. Das ist bei einer tatsächlichen
Änderung nur dann der Fall, wenn diese so erheblich ist, dass sie rechtlich zu einer ande-
ren Bewertung führt. Von einer wesentlichen Änderung im Gesundheitszustand ist aus-
zugehen, wenn diese einen um wenigstens 10 veränderten Gesamt-GdB rechtfertigt (vgl.
BSG, Urteil vom 11. November 2004 – B 9 SB 1/03 R –, juris, Rz. 12). Im Falle einer sol-
chen Änderung ist der Verwaltungsakt – teilweise – aufzuheben und durch die zutreffen-
de Bewertung zu ersetzen (vgl. BSG, Urteil vom 22. Oktober 1986 – 9a RVs 55/85 –, juris,
Rz. 11 m. w. N.). Die Feststellung einer wesentlichen Änderung setzt einen Vergleich der
Sach- und Rechtslage bei Erlass des – teilweise – aufzuhebenden Verwaltungsaktes und
zum Zeitpunkt der Überprüfung voraus (vgl. BSG, Urteil vom 2. Dezember 2010 – B 9 V
2/10 R –, SozR 4-3100 § 35 Nr. 5, Rz. 38 m. w. N.).
47 Dass der Beklagte bei identischer Befundlage 2018 und 2019 keine Herabsetzung vorge-
nommen und dies dem Kläger jeweils schriftlich mitgeteilt hat, steht der Aufhebung nach
§ 48 SGB X nicht entgegen. Für den Fall der Aufhebung einer Feststellung der Schwer-
behinderung nach erfolgreicher Heilungsbewährung hat das BSG nämlich entschieden,
dass Sozialbehörden aus einer Änderung der Verhältnisse für die Zukunft jedenfalls
grundsätzlich zeitlich unbeschränkt Gestaltungsrechte ableiten können (BSG, Urteile
vom 12. Februar 1997 - 9 RVs 12/95 – juris, Rz. 16, und vom 11. August 2015 – B 9 SB
2/15 R –, juris, Rz. 22 ff.). Dies fordert maßgeblich der Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit
der Verwaltung, der die Wiederherstellung gesetzmäßiger Zustände und die Gleichbe-
handlung aller Antragsteller gebietet. Verwirken kann die zuständige Behörde ihr Recht,
eine rechtswidrig gewordene Feststellung der Schwerbehinderteneigenschaft aufzuhe-
ben, allenfalls dann, wenn sie erkennbar auf das Verstreichen einer Phase der Heilungs-
bewährung Bezug nimmt und darauf hinweist, daraus auch in Zukunft keine Folgerun-
gen mehr ziehen zu wollen (Verwirkungsverhalten, vgl. BSG, Urteil vom 11. August 2015
– a.a.O. Rz. 23). Zumindest im Fall der gebundenen Aufhebung einer Statusentscheidung
im Schwerbehindertenrecht wegen Änderung der tatsächlichen Verhältnisse muss die
Annahme einer Verwirkung daher auf Ausnahmefälle beschränkt bleiben, in denen eine
wortgetreue Anwendung der gesetzlichen Vorschriften dazu führen würde, insbesonde-
re grundrechtlich geschützte Positionen zu verletzen (BSG, Urteil vom 11. August 2015
– a.a.O. Rz. 23). Da die Verwirkungsvoraussetzungen deshalb eng auszulegen sind, hat
der Beklagte sein Aufhebungsrecht trotz seiner langen Untätigkeit nicht verwirkt. Da-
für fehlt es schon an einer ausreichenden Verwirkungshandlung des Beklagten und da-
mit auch an der erforderlichen Vertrauensgrundlage sowie unabhängig davon an einem
schützenswerten Vertrauensverhalten des Klägers. Denn die ihm in der Vergangenheit
gewährten Steuer- bzw. Statusvorteile verbleiben ihm. Für die Zukunft hat der Kläger
ganz offensichtlich keine Vertrauensdispositionen getroffen, die er nicht mehr oder nur
noch unter unzumutbaren Anstrengungen und Kosten rückgängig machen könnte. Die
Aufhebung der rechtswidrig gewordenen Statusentscheidung berührt insbesondere keine
grundrechtlich geschützten Positionen des Klägers (BSG, a.a.O.).
48 Die vorwiegenden Funktionseinschränkungen des Klägers lagen im Funktionssystem
„Beine“, wurden durch das High grade Sarkom am linken Oberschenkel begründet und
rechtfertigen nunmehr nur noch einen Teil-GdB von 10.
49 Nach den VG Teil B Nr. 1c gilt hinsichtlich der Heilungsbewährung folgendes: Eine Hei-
lungsbewährung ist nach Transplantationen innerer Organe und nach der Behandlung
von Krankheiten abzuwarten. Für die häufigsten und wichtigsten solcher Krankheiten
sind im Folgenden Anhaltswerte für den GdB angegeben, die auf den Zustand nach ope-
rativer oder anderweitiger Beseitigung der Geschwulst bezogen sind. Der Zeitraum des
Abwartens einer Heilungsbewährung beträgt in der Regel fünf Jahre. Der aufgeführte
GdB bezieht den regelhaft verbleibenden Organ- oder Gliedmaßenschaden ein. Außer-
gewöhnliche Folgen oder Begleiterscheinungen der Behandlung – z.B. lang dauernde
schwere Auswirkungen einer wiederholten Chemotherapie – sind zu berücksichtigen. Bei
den im Folgenden nicht genannten malignen Geschwulstkrankheiten ist von folgenden
Grundsätzen auszugehen: Bis zum Ablauf der Heilungsbewährung – in der Regel bis zum
Ablauf des fünften Jahres nach der Geschwulstbeseitigung – ist in den Fällen, in denen
der verbliebene Organ- oder Gliedmaßenschaden für sich allein keinen GdB von wenigs-
tens 50 bedingt, im Allgemeinen nach Geschwulstbeseitigung im Frühstadium ein GdB
von 50 und nach Geschwulstbeseitigung in höheren Stadien ein GdB von 80 angemes-
sen. Bedingen der verbliebene Körperschaden oder die Therapiefolgen einen GdB von
50 oder mehr, ist der bis zum Ablauf der Heilungsbewährung anzusetzende GdB entspre-
chend höher zu bewerten.
50 Soweit keine außergewöhnlichen Folgen oder Begleiterscheinungen der Krebserkran-
kung vorliegen, legen die VG die Höhe des GdB daher pauschal fest. Erst für die Zeit da-
nach ist der GdB nach den konkreten Auswirkungen der vorliegenden Gesundheitsstö-
rung zu bemessen. Beruht daher die Höhe des GdB auf einer Erkrankung, für welche die
einschlägigen Normen einen erhöhten GdB-Wert während des Zeitraums der Heilungs-
bewährung ansetzen, ändert das Verstreichen dieses Zeitraums die wesentlichen, d.h.
rechtserheblichen tatsächlichen Verhältnisse, die der Feststellung des GdB zu Grunde
lagen (BSG, Urteil vom 11. August 2015 – B 9 SB 2/15 R –, juris, Rz. 15; BSG, Urteil vom
12. Februar 1997 – 9 RVs 12/95 –, juris, Rz. 14). Somit begründet schon der reine rezidi-
vfreie Zeitablauf den Eintritt der Heilungsbewährung und damit die wesentliche Ände-
rung. Eine Beschwerdefreiheit oder eine folgenlose Ausheilung der Erkrankung wird nicht
vorausgesetzt.
51 Die VG stellen damit auf die medizinstatistisch ermittelte Rezidivgefahr und deren signi-
fikante Abnahme innerhalb der Zeit nach Heilungsbewährung ab. Deshalb ist weder der
Überlegung des Klägers zu folgen, dass ein trotzdem erhöhter GdB dann auch auf Dau-
er gelten müsse, weil die Angst, erneut an Krebs zu erkranken, lebenslang anhalte. Der
Kläger vernachlässigt dabei, dass mit der Verringerung der Rückfallgefahr auch die sub-
jektive Angst davor regelmäßig zurückgehen wird. Darüber hinaus beschreibt der Begriff
Heilungsbewährung nicht nur - wie vom Kläger angenommen -, dass nach Ablauf der Be-
währungszeit keine erhebliche Rezidivgefahr mehr besteht. Heilungsbewährung erfasst
daneben auch die vielfältigen Auswirkungen, die mit der Feststellung, Beseitigung und
Nachbehandlung des Tumors in allen Lebensbereichen verbunden sind. Dies rechtfertigt
es nach der in den VG zusammengefassten sozial-medizinischen Erfahrung, bei Krebs-
krankheiten nicht nur den Organverlust zu bewerten, der im Einzelfall zu einem GdB von
lediglich 10 führen könnte, sondern unter Berücksichtigung der Krebserkrankung als sol-
cher einen GdB von mindestens 50 anzunehmen und Krebskranken damit unterschieds-
los zunächst den Schwerbehindertenstatus zuzubilligen. Diese umfassende Berücksich-
tigung körperlicher und seelischer Auswirkungen der Erkrankung nötigt andererseits da-
zu, den GdB herabzusetzen, wenn die Krebskrankheit nach rückfallfreiem Ablauf von fünf
Jahren aufgrund medizinischer Erfahrungen mit hoher Wahrscheinlichkeit überwunden
ist und außer der unmittelbaren Lebensbedrohung damit auch die vielfältigen Auswir-
kungen der Krankheit auf die gesamte Lebensführung entfallen sind (so ausdrücklich
BSG, Urteil vom 9. August 1995 – 9 RVs 14/94 –, juris, Rz. 13).
52 Nach den VG, Teil B, Nr. 1c ist maßgeblich für den Beginn der Heilungsbewährung der-
jenige Zeitpunkt, an dem die Geschwulst durch Operation oder andere Primärtherapie
als beseitigt angesehen werden kann, wobei eine zusätzliche adjuvante Therapie keinen
Einfluss auf den Beginn der Heilungsbewährung hat.
53 Bei dem Kläger ist am 10. Juni 2013 erfolgreich nach einer neoadjuvanten Radiochemo-
therapie eine en-bloc-Tumorresektion der Außenrotatoren des Hüftgelenks links erfolgt,
wie der Senat den Befundberichten des Universitätsklinikums T1 entnimmt, die er wie
die anderen Befundberichte im Wege des Urkundsbeweises (§ 118 Abs. 1 SGG i.V.m.
§§ 415 ff. Zivilprozessordnung [ZPO]) verwertet. Die Heilungsbewährung hat somit am
11. Juni 2013 begonnen und damit grundsätzlich im Juni 2018 geendet; allein im Hin-
blick auf unklare, abklärungswürdige Befunde wurde der Zeitraum bis 2020 verlängert,
ist also jedenfalls zum maßgeblichen Zeitpunkt der Entscheidung des Beklagten abge-
laufen. Dass unter Zugrundelegung der Maßstäbe zur Abweichung von dem Regelfall die
Voraussetzungen für eine Verlängerung der Fünfjahresfrist im konkreten Einzelfall des
Klägers nicht vorliegen, hat die P1 schlüssig dargelegt, denn eine solche ist nicht allein
durch die weiter begründete Nachsorge gerechtfertigt. Eine solche Nachsorge ist näm-
lich geradezu der Regelfall nach einer Krebserkrankung und kann deshalb keinen Aus-
nahmefall darstellen.
54 Die Voraussetzungen des § 48 SGB X sind vorliegend erfüllt, da gegenüber dem maßge-
benden Vergleichsbescheid vom 22. August 2013 infolge Eintritts der Heilungsbewäh-
rung eine wesentliche Änderung in der Höhe des GdB eingetreten ist. Der Senat ent-
nimmt dem Bericht des Universitätsklinikums T1 vom 26. September 2018 und den An-
gaben des behandelnden H1, dass sich insbesondere im PET-CT kein Nachweis eines Re-
zidivs oder Metastasen-suspekten Befundes ergeben hat, also ein Rezidiv ausgeschlos-
sen werden kann. Zuletzt hat der W1 aufgrund der kernspintomographischen Diagnostik
vom 22. Dezember 2021 bestätigt, dass nach wie vor kein sicherer Hinweis auf ein loka-
les Tumorrezidiv oder Fernmetastasen, also keine tumoröse Veränderung bestand, viel-
mehr die Kontrastmittelaufnahme im voroperierten und bestrahlten Bereich weiterhin als
reaktiv zu werten ist.
55 Dass der Kläger den Hinweis der P1 auf sein durchaus dilatorisch wirkendes Vorgehen im
Herabsetzungsverfahren als abfällig empfunden haben will, ändert daran nichts. Ausge-
hend von der Entfernung des Tumors im Juni 2013 war damit nach Ablauf von fünf Jah-
ren, jedenfalls aber im Zeitpunkt, der in dem angefochtenen Bescheid bestimmt war (1.
Juli 2021), Heilungsbewährung eingetreten.
56 Die Heilungsbewährung folgt entgegen der Auffassung des SG allerdings nicht aus den
Vorgaben der VG in Teil B Nr. 17.13, da es sich bei dem seltenen Weichteilsarkom als
von Zellen des Weichgewebes (Fett-, Muskel- oder Bindegewebe, Blutgefäße und Ner-
ven) ausgehend nicht um einen Tumor der Haut handelt. Das folgt mittelbar schon aus
dem Arztbrief des W2. Der Senat entnimmt dessen Aussage, dass schon keine für den
GdB relevante Hauterkrankung bestand bzw. besteht.
57 Das Abwarten einer Heilungsbewährung von fünf Jahren ergibt sich aber, entgegen der
Auffassung des Klägers, für solche nicht ausdrücklich in den VG erwähnten Geschwuls-
terkrankungen aus den allgemeinen Regelungen in den VG Teil B Nr. 1 c). Dessen unge-
achtet bestand auch nach den Angaben von H1 vom 18. März 2021 – also beinahe acht
Jahre nach der Entfernung des Tumors – kein weiterer Anhalt für ein Rezidiv.
58 Ab dem Eintritt der Heilungsbewährung war kein GdB mehr festzustellen, da dieser nur
noch 10 beträgt.
59 Der Anspruch auf Feststellung des GdB richtet sich nach § 152 Abs. 1 und 3 Neuntes
Buch Sozialgesetzbuch (SGB IX). Danach stellen auf Antrag des Menschen mit Behinde-
rung die für die Durchführung des Vierzehntes Buches zuständigen Behörden das Vor-
liegen einer Behinderung und den GdB zum Zeitpunkt der Antragstellung fest (§ 152
Abs. 1 Satz 1 SGB IX). Auf Antrag kann festgestellt werden, dass ein GdB bereits zu ei-
nem früheren Zeitpunkt vorgelegen hat, wenn dafür ein besonderes Interesse glaub-
haft gemacht wird (§ 152 Abs. 1 Satz 2 SGB IX). Menschen mit Behinderungen sind nach
§ 2 Abs. 1 Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen
haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an
der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit län-
ger als sechs Monate hindern können (Satz 1). Eine Beeinträchtigung nach Satz 1 liegt
vor, wenn der Körper- und Gesundheitszustand von dem für das Lebensalter typischen
Zustand abweicht (Satz 2). Menschen sind im Sinne des Teils 3 des SGB IX schwerbehin-
dert, wenn bei ihnen ein GdB von wenigstens 50 vorliegt und sie ihren Wohnsitz, ihren
gewöhnlichen Aufenthalt oder ihre Beschäftigung auf einem Arbeitsplatz im Sinne des
§ 156 SGB IX rechtmäßig im Geltungsbereich dieses Gesetzbuches haben. Die Auswir-
kungen der Behinderung auf die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft werden als GdB
nach Zehnergraden abgestuft festgestellt (§ 152 Abs. 1 Satz 4 SGB IX). Das Bundesmi-
nisterium für Arbeit und Soziales (BMAS) wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit
Zustimmung des Bundesrates die Grundsätze aufzustellen, die für die Bewertung des
GdB maßgebend sind, die nach Bundesrecht im Schwerbehindertenausweis einzutragen
sind (§ 153 Abs. 2 SGB IX). Nachdem noch keine Verordnung nach § 153 Abs. 2 SGB IX
erlassen ist, gelten die Maßstäbe des § 30 Abs. 1 BVG und der aufgrund des § 30 Abs. 16
BVG erlassenen Rechtsverordnungen, somit die am 1. Januar 2009 in Kraft getretene
Verordnung zur Durchführung des § 1 Abs. 1 und 3, des § 30 Abs. 1 und des § 35 Abs. 1
BVG (Versorgungsmedizin-Verordnung – VersMedV) vom 10. Dezember 2008 (BGBl I
S. 2412), entsprechend (§ 241 Abs. 5 SGB IX). Die zugleich in Kraft getretene, auf der
Grundlage des aktuellen Standes der medizinischen Wissenschaft unter Anwendung der
Grundsätze der evidenzbasierten Medizin erstellte und fortentwickelte Anlage „Versor-
gungsmedizinische Grundsätze“ (VG) zu § 2 VersMedV ist an die Stelle der bis zum 31.
Dezember 2008 heranzuziehenden „Anhaltspunkte für die ärztliche Gutachtertätigkeit
im Sozialen Entschädigungsrecht und nach dem Schwerbehindertenrecht“ (AHP) getre-
ten. In den VG wird der medizinische Kenntnisstand für die Beurteilung von Behinderun-
gen wiedergegeben (BSG, Urteil vom 1. September 1999 – B 9 V 25/98 R –, juris, Rz. 14
f.). Hierdurch wird eine für den Menschen mit Behinderung nachvollziehbare, dem medi-
zinischen Kenntnisstand entsprechende Festsetzung des GdB ermöglicht.
60 Allgemein gilt, dass der GdB auf alle Gesundheitsstörungen, unabhängig ihrer Ursache,
final bezogen ist. Der GdB ist ein Maß für die körperlichen, geistigen, seelischen und so-
zialen Auswirkungen einer Funktionsbeeinträchtigung aufgrund eines Gesundheitsscha-
dens. Ein GdB setzt stets eine Regelwidrigkeit gegenüber dem für das Lebensalter typi-
schen Zustand voraus. Dies ist insbesondere bei Kindern und älteren Menschen zu be-
achten. Physiologische Veränderungen im Alter sind bei der Beurteilung des GdB nicht
zu berücksichtigen. Als solche Veränderungen sind die körperlichen und psychischen
Leistungseinschränkungen anzusehen, die sich im Alter regelhaft entwickeln, also für
das Alter nach ihrer Art und ihrem Umfang typisch sind. Demgegenüber sind pathologi-
sche Veränderungen, also Gesundheitsstörungen, die nicht regelmäßig und nicht nur im
Alter beobachtet werden können, bei der Beurteilung des GdB auch dann zu berücksich-
tigen, wenn sie erstmalig im höheren Alter auftreten oder als „Alterskrankheiten“ (et-
wa „Altersdiabetes“ oder „Altersstar“) bezeichnet werden (VG, Teil A, Nr. 2 c). Erfasst
werden die Auswirkungen in allen Lebensbereichen und nicht nur die Einschränkungen
im allgemeinen Erwerbsleben. Da der GdB seiner Natur nach nur annähernd bestimmt
werden kann, sind beim GdB nur Zehnerwerte anzugeben. Dabei sollen im Allgemeinen
Funktionssysteme zusammenfassend beurteilt werden (VG, Teil A, Nr. 2 e). Liegen meh-
rere Beeinträchtigungen der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft vor, so wird nach
§ 152 Abs. 3 Satz 1 SGB IX der GdB nach den Auswirkungen der Beeinträchtigungen in
ihrer Gesamtheit unter Berücksichtigung ihrer wechselseitigen Beziehungen festgestellt.
Bei mehreren Funktionsbeeinträchtigungen sind zwar zunächst Teil-GdB anzugeben; bei
der Ermittlung des Gesamt-GdB durch alle Funktionsbeeinträchtigungen dürfen jedoch
die einzelnen Werte nicht addiert werden. Auch andere Rechenmethoden sind für die Bil-
dung eines Gesamt-GdB ungeeignet. Bei der Beurteilung des Gesamt-GdB ist in der Re-
gel von der Funktionsbeeinträchtigung auszugehen, die den höchsten Teil-GdB bedingt
und dann im Hinblick auf alle weiteren Funktionsbeeinträchtigungen zu prüfen, ob und
inwieweit hierdurch das Ausmaß der Behinderung größer wird, ob also wegen der weite-
ren Funktionsbeeinträchtigungen dem ersten GdB 10 oder 20 oder mehr Punkte hinzu-
zufügen sind, um der Behinderung insgesamt gerecht zu werden. Die Beziehungen der
Funktionsbeeinträchtigungen zueinander können unterschiedlich sein. Die Auswirkungen
der einzelnen Funktionsbeeinträchtigungen können voneinander unabhängig sein und
damit ganz verschiedene Bereiche im Ablauf des täglichen Lebens betreffen. Eine Funk-
tionsbeeinträchtigung kann sich auf eine andere besonders nachteilig auswirken, vor al-
lem dann, wenn Funktionsbeeinträchtigungen paarige Gliedmaßen oder Organe betref-
fen. Funktionsbeeinträchtigungen können sich überschneiden. Eine hinzutretende Ge-
sundheitsstörung muss die Auswirkung einer Funktionsbeeinträchtigung aber nicht zwin-
gend verstärken. Von Ausnahmefällen abgesehen, führen leichte Gesundheitsstörungen,
die nur einen GdB von 10 bedingen, nicht zu einer Zunahme des Ausmaßes der Gesamt-
beeinträchtigung. Dies gilt auch dann, wenn mehrere derartige leichte Gesundheitsstö-
rungen nebeneinander bestehen. Auch bei leichten Funktionsbeeinträchtigungen mit ei-
nem GdB von 20 ist es vielfach nicht gerechtfertigt, auf eine wesentliche Zunahme des
Ausmaßes der Behinderung zu schließen.
61 Der Gesamt-GdB ist nicht nach starren Beweisregeln, sondern aufgrund richterlicher Er-
fahrung, gegebenenfalls unter Hinzuziehung von Sachverständigengutachten, in frei-
er richterlicher Beweiswürdigung festzulegen (vgl. BSG, Urteil vom 11. November 2004
– B 9 SB 1/03 R –, juris, Rz. 17 m. w. N.). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die auf der
ersten Prüfungsstufe zu ermittelnden nicht nur vorübergehenden Gesundheitsstörun-
gen und die sich daraus abzuleitenden Teilhabebeeinträchtigungen ausschließlich auf
der Grundlage ärztlichen Fachwissens festzustellen sind. Bei den auf zweiter und dritter
Stufe festzustellenden Teil- und Gesamt-GdB sind über die medizinisch zu beurteilenden
Verhältnisse hinaus weitere Umstände auf gesamtgesellschaftlichem Gebiet zu berück-
sichtigen (vgl. BSG, Beschluss vom 9. Dezember 2010 – B 9 SB 35/10 B –, juris, Rz. 5).
62 Eine rechtsverbindliche Entscheidung nach § 152 Abs. 1 Satz 1 SGB IX umfasst nur die
Feststellung einer unbenannten Behinderung und des Gesamt-GdB. Die dieser Feststel-
lung im Einzelfall zugrundeliegenden Gesundheitsstörungen, die daraus folgenden Funk-
tionsbeeinträchtigungen und ihre Auswirkungen dienen lediglich der Begründung des
Verwaltungsaktes und werden nicht bindend festgestellt (vgl. BSG, Urteil vom 24. Juni
1998 – B 9 SB 17/97 R –, juris, Rz. 24). Der Teil-GdB ist somit keiner eigenen Feststellung
zugänglich. Er erscheint nicht im Verfügungssatz des Verwaltungsaktes und ist nicht iso-
liert anfechtbar. Es ist somit auch nicht entscheidungserheblich, ob von Seiten des Be-
klagten oder der Vorinstanz Teil-GdB-Werte in anderer Höhe als im Berufungsverfah-
ren vergeben worden sind, wenn der Gesamt-GdB hierdurch nicht beeinflusst wird. Das
Schwerbehindertenrecht kennt nur einen Gesamtzustand der Behinderung, den gegebe-
nenfalls mehrere Funktionsbeeinträchtigungen in ihrer Gesamtheit bestimmen (vgl. BSG,
Beschluss vom 1. Juni 2015 – B 9 SB 10/15 B –, juris, Rz. 15).
63 In Anwendung dieser durch den Gesetz- und Verordnungsgeber vorgegebenen Grund-
sätze sowie unter Beachtung der höchstrichterlichen Rechtsprechung steht zur Überzeu-
gung des Senats fest, dass zum maßgebenden Zeitpunkt der Herabsetzungsentschei-
dung bei dem Kläger ausgehend von den tatsächlich vorhandenen Funktionseinschrän-
kungen kein GdB von mindestens 20 mehr festzustellen war.
64 Bei dem im Vordergrund stehenden Funktionssystem „Beine“ ist nur noch ein Teil-GdB
von 10 gerechtfertigt. Am linken Oberschenkel ist infolge der operativen Exzision des
Weichteilsarkoms eine deutliche muskuläre Differenz zum rechten Oberschenkel im Hin-
blick auf Umfang, Kraft und Belastbarkeit eingetreten, die mit rezidivierenden Schmer-
zen, Reizungen im linken Bein und einem erheblichen Kraftdefizit einhergehen. Diese
begründen Anlaufschmerzen nach längerem Sitzen wie einen muskulären Spannungs-
schmerz im gesamten linken Bein beim Aufstehen. Eine Oberschenkel-Umfangsdifferenz
und eine Hypotrophie der Muskulatur hat auch der radiologische Befundbericht von W1
aus November 2021 bestätigt. Die Beweglichkeit des Klägers wird dadurch aber, worauf
es wesentlich ankommt, nicht wesentlich eingeschränkt, was der Senat der Einschätzung
des H1 entnimmt. Die damit vorliegende geringfügige Minderbelastbarkeit des linken
Beines ohne relevante Bewegungsbehinderung und Mitbeteiligung anderer Organsyste-
me bewertet der Senat ausgehend von den Vorgaben der VG Teil B Nr. 18.1 in Überein-
stimmung mit der versorgungsärztlichen Stellungnahme von B1 mit einem GdB von 10.
Diese Einschätzung wird auch durch den Vergleich mit den ausdrücklichen Bewertungs-
vorgaben für eine Muskelhernie am Oberschenkel mit einem GdB von 0 bis 10 in den VG
Teil B Nr. 18.14 bestätigt.
65 Im Funktionssystem „Haut“ lässt sich bei dem von W2 angegebenen unauffälligen Haut-
befund bei verschiedenen Naevi nach den Vorgaben der VG Teil B Nr. 17 und Nr. 17.12
kein Teil-GdB von mindestens 10 feststellen. Der Senat schließt sich insoweit der Auffas-
sung des versorgungsärztlichen Dienstes an.
66 Im Funktionssystem „Gehirn einschließlich Psyche“ folgt auch unter Berücksichtigung
der von H1 zuletzt am 7. Februar 2022 geschilderten nachvollziehbaren Angst vor einem
Tumorrezidiv und einen zunehmenden psychischen Schwerpunkt der Leiden ebenfalls
kein Teil-GdB von mindestens 10. Denn daraus ergibt sich kein Hinweis auf eine (fach-
)ärztlich diagnostizierte psychische Erkrankung. Dazu passend befand sich der Kläger
auch nicht in psychiatrischer oder psychologischer Behandlung. Erst recht sind damit
keine Funktionseinschränkungen objektiviert, die über die üblichen seelischen Begleiter-
scheinungen der Erkrankung hinausgehen (vgl. VG, Teil A, Nr. 2 i) und j)).
67 Der Begriff der Heilungsbewährung beschreibt dabei nicht nur, dass nach Ablauf der Be-
währungszeit keine erhebliche Rezidivgefahr mehr besteht. Der unabhängig von den tat-
sächlichen Funktionseinschränkungen regelhaft mit 50 festgestellte GdB während der
Zeit der Heilungsbewährung erfasst daneben die vielfältigen Auswirkungen, die mit der
Feststellung, Beseitigung und Nachbehandlung des Tumors in allen Lebensbereichen
verbunden sind und die mit dem Ablauf der Bewährungszeit regelmäßig weggefallen
sind (vgl. BSG, Urteil vom 9. August 1995 – 9 RVs 14/94 –, juris, Rz. 13; LSG Baden-Würt-
temberg, Urteil vom 23. Juni 2023 – L 12 SB 3160/22 –, juris, Rz. 31), wobei auch die sub-
jektive Angst vor einem Rezidiv bereits berücksichtigt ist (vgl. BSG, Urteil vom 9. August
1995 – a.a.O.). Konkrete Beeinträchtigungen, die zum entscheidungserheblichen Zeit-
punkt noch vorlagen, hat auch der Kläger nicht erwähnt.
68 Weitere Funktionseinschränkungen, die mit einem Teil-GdB von mindestens 10 zu be-
werten wären, sind damit nicht ersichtlich.
69 Weiterer Ermittlungsbedarf von Amts wegen hat nicht bestanden; von dem Antragsrecht
nach § 109 SGG hat der Kläger auch auf den entsprechenden Hinweis des SG hin schon
erstinstanzlich keinen Gebrauch gemacht (vgl. Schreiben vom 3. August 2022).
70 Es verbleibt damit bei einem Gesamt-GdB von 10.
71 Soweit der Kläger schließlich die Ausstellung eines unbefristeten Schwerbehindertenaus-
weises begehrt, so hat er darauf schon deswegen keinen Anspruch, weil kein GdB mehr
festzustellen ist. Der Senat weist aber ergänzend darauf hin, dass es sich bei der Befris-
tung eines Schwerbehindertenausweises nicht um einen Verwaltungsakt im Sinne des
§ 31 SGB X handelt (vgl. Thüringer LSG, Urteil vom 14. Oktober 2021 – L 5 SB 1259/19 –,
juris, Rz. 19; LSG Niedersachsen-Bremen, Urteil vom 21. April 2016 – L 10 SB 87/15 –, ju-
ris, Rz. 21; LSG Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 24. April 2020 – L 13 SB 74/20 B ER
–, juris, Rz. 4; vgl. auch BSG, Beschluss vom 29. April 2024 – B 9 SB 29/23 B –, juris, Rz.
9). In den Bescheiden vom 22. August 2013 und 28. Juni 2021 ist nur über die Höhe des
GdB entschieden worden. Eine Entscheidung über die Befristung des Schwerbehinder-
tenausweises erfolgte in diesen Bescheiden nicht.
72 Der Ausweis dient dem Nachweis für die Inanspruchnahme von Leistungen und sonsti-
gen Hilfen, die schwerbehinderten Menschen nach diesem Teil oder nach anderen Vor-
schriften zustehen (§ 152 Abs. 5 Satz 2 SGB IX). Er weist als öffentliche Urkunde ledig-
lich die gesondert im Ausgangsbescheid getroffene Feststellung der Schwerbehinderung
gegenüber Dritten nach und hat keine eigene konstitutive Bedeutung für die in ihm ver-
lautbarten Feststellungen (BSG, Urteil vom 11. August 2015 – B 9 SB 2/15 R –, juris, Rz.
26; BSG, Beschluss vom 24. November 2020 – B 9 SB 2/20 BH –, juris, Rz. 9).
73 Die Befristung des Ausweises ist jedoch rechtmäßig erfolgt. Nach § 152 Abs. 5 SGB
Satz 3 IX soll die Gültigkeitsdauer des Ausweises befristet werden. Ein Anspruch auf Aus-
stellung eines unbefristeten Ausweises ergibt sich daher auch im Hinblick auf die dem
Ausweis zu Grunde liegende – regelmäßig erfolgende – unbefristete Feststellung des GdB
und der damit verbundenen Schwerbehinderteneigenschaft nicht. Aus dem Wort „soll“
in § 152 Abs. 5 Satz 3 SGB IX folgt, dass der Beklagte den Ausweis in der Regel befris-
ten muss, er jedoch in atypischen Fällen hiervon abweichen kann. Dies ergibt sich auch
aus einer Parallele zu den von dem BSG insoweit zur Sollvorschrift des § 48 Abs. 1 Satz 2
SGB X angestellten Erwägungen (so Thüringer LSG, Urteil vom 14. Oktober 2021 – a.a.O.
unter Hinweis auf BSG, Urteil vom 30. Juni 2016 – B 5 RE 1/15 R –, juris; LSG Baden-Würt-
temberg, Urteil vom 18. Februar 2022 – L 8 SB 2527/21 –, juris, Rz. 26).
74 § 6 Abs. 2 Satz 1 Schwerbehindertenausweisverordnung (SchwbAwV) sieht eine Befris-
tung auf längstens fünf Jahre vom Monat der Ausstellung an vor. Die Befristung hat den
Grund, dass geprüft werden kann, ob die im Ausweis dokumentierten Merkmale noch
den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen und ob die Voraussetzungen für die Inan-
spruchnahme von Nachteilsausgleichen noch vorliegen (vgl. BT-Drs. 15/2318 S. 23; LSG
Baden-Württemberg, Urteil vom 18. Februar 2022 – a.a.O. Rz. 26). Nach § 6 Abs. 2 Satz 2
SchbAwV kann der Ausweis in den Fällen, in denen eine Neufeststellung wegen einer we-
sentlichen Änderung in den gesundheitlichen Verhältnissen, die für die Feststellung maß-
gebend gewesen sind, nicht zu erwarten ist, unbefristet ausgestellt werden. Es kann hier
offenbleiben, ob sich daraus ein weitergehender Anspruch auf Ausstellung eines unbe-
fristeten Ausweises ergeben kann. Denn bei einer – wie hier – auf einer Heilungsbewäh-
rung beruhenden Feststellung eines GdB kann gerade nicht davon ausgegangen werden,
dass eine derartige wesentliche Änderung nicht zu erwarten sei (vgl. LSG Baden-Würt-
temberg, Urteil vom 18. Februar 2022 – a.a.O. Rz. 27). Dem Beklagten wäre daher auch
im Hinblick auf diese Vorschrift kein Ermessen bei der Entscheidung über die Ausstellung
eines unbefristeten Ausweises eröffnet gewesen (vgl. LSG Baden-Württemberg, Urteil
vom 29. September 2023 – L 8 SB 1641/23 –, juris, Rz. 26 f.).
75 Die Berufung konnte daher keinen Erfolg haben und war zurückzuweisen.
76 Die Kostenentscheidung folgt aus § 193 SGG.
77 Gründe für eine Zulassung der Revision (§ 160 Abs. 2 SGG) liegen nicht vor.